Für das mächtigste Serienmotorrad der Welt flog Till Ferges 2015 bis nach Katar. Dort gab es damals genug Auslauf für die 326 PS starke Kawasaki Ninja H2R. Was für eine großartige Erinnerung.

Letzter Blick auf den Tacho, bevor der Bremspunkt heranfliegt: 320. Die Kawasaki Ninja H2R beschleunigt immer noch, als ob sie gerade erst an der Ampel losgefahren wäre. Dabei röstet ein dermaßen lautes Gebrüll die Trommelfelle, dass als natürliche Reaktion auf Brust und Rücken ein dichter Pelz wächst. Flammen schlagen aus dem Topf des Vordermanns, ich folge seinem schwarzen Streifen durch eine dichte Wolke ungefilterter Abgase.

Die Augäpfel sind durch die Beschleunigung tief in ihre Höhlen gerutscht. Vor der Kawasaki bildet sich eine Art Wurmloch. Oder ist es ein Zeitwirbel? Die Welt wird unscharf, im Augenwinkel sehe ich ganz kurz Napoleon und Catweasel vorbeihuschen. Ich fahre 30 Sekunden früher durchs Ziel als ich losgefahren bin und sehe mich dabei selber in der Boxengasse stehen. Verrückt. Der absurde Dampf der Kawasaki Ninja H2R reißt nicht nur Löcher in den Asphalt, sondern auch ins Denkzentrum.

Der kompressorgeladene Vier­zylinder soll mit Staudruckaufladung 326 PS aus 998 Kubik zaubern, das Motorrad wiegt dabei gerade mal 216 Kilo vollgetankt. Und ja, liebe Leute: So pervers, wie sich das anhört, fühlt es sich auch an. Wozu dieses Motorrad in den letzten sieben Jahren entwickelt wurde? Die 54 000 Euro teure H2R soll eine Ikone sein – eine Art Studie in Kleinserie, die das Beste aus den ver­schiedensten Unternehmens­zwei­gen der Kawasaki-Gruppe vereint.

Die Luftfahrtabteilung etwa mischte bei der Aero­dynamik mit, die klei­nen Flügel an der Verkleidung sollen bei hohem Tempo Abtrieb erzeugen. Und Kawasakis Erfahrung beim Bau von Gasturbinen floss in die Entwicklung des Kompressors. Der wird über eine Kette und ein Planetengetriebe von der Kurbelwelle angetrieben, er dreht sich 9,2 mal schneller als der Motor. Der kleine Impeller schafft bis zu 130 000 Touren in der Minute und pumpt dabei pro Sekunde rund 200 Liter Luft in die Airbox – bis zu zehn Mal mehr, als ein herkömmliches Superbike ansaugt. Damit das dauerhaft funktioniert, bedarf es Maschinenbau in Perfektion.

Die Verarbeitung ist bis ins Detail vom Allerfeinsten, selbst hinter der Verkleidung erlaubten sich die Ingenieure keine noch so kleine Lässigkeit. Der Stahl-Gitterrohrahmen ist perfekt geschweißt, ein herkömmlicher Alu­rahmen hätte nicht genug Kühlluft durchge­lassen. Die Brembo-Stopper sind handver­lesen und beißen in riesige 330-Millimeter-Scheiben. Der von Hand aufgebrachte Lack namens „Mir­ror Coated Black“ basiert auf echtem Silber.
Eine Straßenzulassung hat Darth Vaders Dienst­fahrzeug nicht. Und leider gibt es kaum Rennstrecken, auf denen dieses Motorrad adäquat bewegt werden kann. Denn obwohl das gesamte Paket gut funktioniert, vorzüglich abgestimmt wurde und über die übliche Supersport-Elektronik mit Traktionskontrolle, elektronisch geregelter Motorbremse, Quick­shifter und ABS verfügt, ist die schwarz-grüne Kanonenkugel einfach zu stark für diese Welt. Selbst am Ende der elend langen Zielgeraden des Losail Circuits hier in Katar hat das Unge­tüm noch reichlich Reserven – hinter vorgehaltener Hand wird von 370 bis 380 Sachen Topspeed gemunkelt.

Bremsen, Stabilität und die bei diesem Tempo sehr wichtige Aerodynamik sind dementsprechend auf höchstem Niveau, hinter der Verkleidung lässt es sich auch im sechsten Gang noch gut aushalten. Doch verwerten kann man die Power trotzdem nur ganz kurz, unter Tempo 200 sollte man wirklich gefühlvoll am Gas drehen. Nach einem Jahrzehnt bei NEWS, auf so ziem­lich allen Supersportlern bis hin zum waschechten WM-Superbike, wird mir klar: Das hier ist mit riesigem Abstand der heftigste Kampfstier, den ich jemals geritten habe. Für den regelmäßigen Einsatz ist die Kawasaki Ninja H2R übrigens zu laut – in Mitteleuropa gibt es nicht viele Rennstrecken, auf denen so ein Sound erlaubt ist.

Genau fünf Kawasaki Ninja H2R kommen 2015 nach Deutschland. Diese Zahlen zeigen natürlich nicht, welchen Stellenwert die Kompressor-Baureihe für Kawasaki hat – viele, viele Zahnräder des riesigen, grünen Imperiums waren irgendwie daran beteiligt, zwei völlig abgefah­rene Hypersportler auf die Räder zu stellen. Wenn ihr also mal so ein Kompressorbike in freier Wildbahn anzwitschern hört, seht genau hin. Statistisch ist es nämlich wahrscheinlicher, Catweasel und Napoleon beim Stelldichein zu erwischen. Till Ferges

Fazit: Über die H2R brauchen wir eigentlich nicht reden – das heftigste Sportgerät, was man derzeit kaufen kann. Die H2 dagegen hat eine Straßenzulassung und für die Saison 2021 „humane“ 231 PS, bietet sogar so etwas wie Komfort. Sie ist dank des Kompressors schon bei mittleren Drehzahlen sehr kräftig, hat enorm viel Charakter. Fahrwerk und Bremsen funktionieren sauber, die Verarbeitung ist brillant. Die Motorabstimmung mit ihren kräftigen Lastwechselreaktionen ist allerdings sehr gewöhnungsbedürftig. Aber Erinnerungen für die Ewigkeit, die schafft vor allem die H2R.

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Technische Daten Kawasaki Ninja H2R
Motor: Vierzylinder-Viertakt-Reihe, Kompressor
Hubraum: 998 cm3
Leistung:228 kW (310 PS) bei 14 000 min-1
Drehmoment: 165 Nm bei 12 500 min-1
Reifen v/h: 120/600 R17 / 190/650 R17
Sitzhöhe: 830 mm
Leergewicht: 216 kg
Preis: 54 000 Euro

www.kawasaki.de

 

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