Für das mächtigste Serienmotorrad der Welt flog Till Ferges bis nach Katar. Dort gibt es genug Auslauf für die 326 PS starke Kawasaki Ninja H2R. Interessanter ist allerdings die 200-PS-Schwester Ninja H2. Die darf man nämlich auf der Straße fahren. Und das Zwitschern des Kompressors hört man auch besser.

Letzter Blick auf den Tacho, bevor der Bremspunkt heranfliegt: 320. Die Kawasaki Ninja H2R beschleunigt immer noch, als ob sie gerade erst an der Ampel losgefahren wäre. Dabei röstet ein dermaßen lautes Gebrüll die Trommelfelle, dass als natürliche Reaktion auf Brust und Rücken ein dichter Pelz wächst. Flammen schlagen aus dem Topf des Vordermanns, ich folge seinem schwarzen Streifen durch eine dichte Wolke ungefilterter Abgase.

Die Augäpfel sind durch die Beschleunigung tief in ihre Höhlen gerutscht. Vor der Kawasaki bildet sich eine Art Wurmloch. Oder ist es ein Zeitwirbel? Die Welt wird unscharf, im Augenwinkel sehe ich ganz kurz Napoleon und Catweasel vorbeihuschen. Ich fahre 30 Sekunden früher durchs Ziel als ich losgefahren bin und sehe mich dabei selber in der Boxengasse stehen. Verrückt. Der absurde Dampf der Kawasaki Ninja H2R reißt nicht nur Löcher in den Asphalt, sondern auch ins Denkzentrum.

Der kompressorgeladene Vier­zylinder soll mit Staudruckaufladung 326 PS aus 998 Kubik zaubern, das Motorrad wiegt dabei gerade mal 216 Kilo vollgetankt. Und ja, liebe Leute: So pervers, wie sich das anhört, fühlt es sich auch an. Wozu dieses Motorrad in den letzten sieben Jahren entwickelt wurde? Die 50 000 Euro teure H2R soll eine Ikone sein – eine Art Studie in Kleinserie, die das Beste aus den ver­schiedensten Unternehmens­zwei­gen der Kawasaki-Gruppe vereint.

Die Luftfahrtabteilung etwa mischte bei der Aero­dynamik mit, die klei­nen Flügel an der Verkleidung sollen bei hohem Tempo Abtrieb erzeugen. Und Kawasakis Erfahrung beim Bau von Gasturbinen floss in die Entwicklung des Kompressors. Der wird über eine Kette und ein Planetengetriebe von der Kurbelwelle angetrieben, er dreht sich 9,2 mal schneller als der Motor. Der kleine Impeller schafft bis zu 130 000 Touren in der Minute und pumpt dabei pro Sekunde rund 200 Liter Luft in die Airbox – bis zu zehn Mal mehr, als ein herkömmliches Superbike ansaugt. Damit das dauerhaft funktioniert, bedarf es Maschinenbau in Perfektion.

Die Verarbeitung ist bis ins Detail vom Allerfeinsten, selbst hinter der Verkleidung erlaubten sich die Ingenieure keine noch so kleine Lässigkeit. Der Stahl-Gitterrohrahmen ist perfekt geschweißt, ein herkömmlicher Alu­rahmen hätte nicht genug Kühlluft durchge­lassen. Die Brembo-Stopper sind handver­lesen und beißen in riesige 330-Millimeter-Scheiben. Der von Hand aufgebrachte Lack namens „Mir­ror Coated Black“ basiert auf echtem Silber.
Eine Straßenzulassung hat Darth Vaders Dienst­fahrzeug nicht. Und leider gibt es kaum Rennstrecken, auf denen dieses Motorrad adäquat bewegt werden kann. Denn obwohl das gesamte Paket gut funktioniert, vorzüglich abgestimmt wurde und über die übliche Supersport-Elektronik mit Traktionskontrolle, elektronisch geregelter Motorbremse, Quick­shifter und ABS verfügt, ist die schwarz-grüne Kanonenkugel einfach zu stark für diese Welt. Selbst am Ende der elend langen Zielgeraden des Losail Circuits hier in Katar hat das Unge­tüm noch reichlich Reserven – hinter vorgehaltener Hand wird von 370 bis 380 Sachen Topspeed gemunkelt.

Bremsen, Stabilität und die bei diesem Tempo sehr wichtige Aerodynamik sind dementsprechend auf höchstem Niveau, hinter der Verkleidung lässt es sich auch im sechsten Gang noch gut aushalten. Doch verwerten kann man die Power trotzdem nur ganz kurz, unter Tempo 200 sollte man wirklich gefühlvoll am Gas drehen. Nach einem Jahrzehnt bei NEWS, auf so ziem­lich allen Supersportlern bis hin zum waschechten WM-Superbike, wird mir klar: Das hier ist mit riesigem Abstand der heftigste Kampfstier, den ich jemals geritten habe. Für den regelmäßigen Einsatz ist die Kawasaki Ninja H2R übrigens zu laut – in Mitteleuropa gibt es nicht viele Rennstrecken, auf denen so ein Sound erlaubt ist. Lichtblick: In diesem Punkt möchte Kawasaki nachlegen und denkt über einen etwas leiseren Endtopf nach. Womit wir zur Straßenversion Ninja H2 kommen. Auffälligster Unterschied zur H2R ist die Auspuffanlage. Sie ist nicht aus Titan, sondern aus Stahl und verfügt über einen Vorschalldämpfer sowie ein furchtbar fettes Endrohr. Aber die Schalldämpfung funktioniert: Während bei der H2R nur infernalisches Gebrüll rauskommt, kann man bei der H2 im­mer wieder das wunderbare Zwitschern des Kompressors hören. Und mit dem optionalen Akra­povic-Topf spart die Ninja nicht nur einige Kilos, sie klingt auch noch netter. Obwohl diese Kompressor-Kawa für die Straße homologiert ist, ist sie in weiten Teilen baugleich mit der H2R. Rahmen, Fahrwerk, Bremsen, Felgen, Instrumente, Fahrhilfen und sogar der Motor sind bis auf Details identisch. Im Antrieb hat die Abteilung Raumantriebstechnik in der Hauptsache nur Nockenwellen, Kupplung und Zylinderkopf­dichtung geändert. Die Ninja H2 kostet mit 25 000 Euro allerdings nur die Hälfte des Überschall-Sammlerstücks und bescheidet sich mit 200 PS bei 11 000 Touren. Der Ladedruck und damit die Leistung wird über die Elektronik gesteuert – ein weites Feld für Tuner, die 200 Pferdchen dürften mit ein wenig Feinschliff relativ leicht zu knacken sein. Im Vergleich zur H2R verzichtet die H2 außerdem auf die Carbonverkleidung mit aerodynamischen Flügeln, muss eine komplette LED-Beleuchtung und Spiegel schleppen. Die Folge der Straßenzulassung sind 238 Kilo Kampfgewicht, 22 mehr als bei der R. Vor allem in flotten Wechselkurven ist das höhere Gewicht zu spüren, die H2 ändert die Schräg­lage behäbiger als ihre Raketenschwester. Das voll einstellbare Kayaba-Fahrwerk arbei­tet hier generell mehr, mit Hilfe der sattelfesten Kawa-Mechaniker ließ sich in Katar aber ein sauberes, sporttaugliches Setup herausfahren. Ein reiner Supersportler will die H2 gar nicht sein. Diese Aufgabe übernimmt bei Kawa die leichtere und gleichstarke ZX-10R – sehr flott um den Rundkurs prügeln lässt sich das Ladegerät aber allemal. Und sie sonnt sich natürlich in der Strahlkraft der urgewaltigen Kawasaki Ninja H2R.

Ihre 200 PS schüttelt sie dank Aufladung zudem sehr lässig aus dem Ärmel, ab etwa 7000 Umdrehungen marschiert die Kiste brachial vorwärts und dreht fröhlich bis in den Begrenzer bei rund 14 000 Touren – gefühlt liegt hier vor allem in der Drehzahlmitte viel mehr Saft an als bei einer nicht aufgeladenen Tausender. Auch im Drehzahlkeller läuft die Kiste kultiviert, Verschlucker gibt es nicht. Die Höchstgeschwindigkeit wird politisch korrekt mit 299 Stundenkilometern angegeben.

Ihre 200 PS schüttelt sie dank Aufladung zudem sehr lässig aus dem Ärmel, ab etwa 7000 Umdrehungen marschiert die Kiste brachial vorwärts und dreht fröhlich bis in den Begrenzer bei rund 14 000 Touren – gefühlt liegt hier vor allem in der Drehzahlmitte viel mehr Saft an als bei einer nicht aufgeladenen Tausender. Auch im Drehzahlkeller läuft die Kiste kultiviert, Verschlucker gibt es nicht. Die Höchstgeschwindigkeit wird politisch korrekt mit 299 Stundenkilometern angegeben. Genau fünf Kawasaki Ninja H2R kommen 2015 nach Deutschland, von der H2 sollen es 50 werden. Diese Zahlen zeigen natürlich nicht, welchen Stellenwert die Kompressor-Baureihe für Kawasaki hat – viele, viele Zahnräder des riesigen, grünen Imperiums waren irgendwie daran beteiligt, zwei völlig abgefah­rene Hypersportler auf die Räder zu stellen. Wenn ihr also mal so ein Kompressorbike in freier Wildbahn anzwitschern hört, seht genau hin. Statistisch ist es nämlich wahrscheinlicher, Catweasel und Napoleon beim Stelldichein zu erwischen. Till Ferges

Fazit: Über die H2R brauchen wir nicht reden – das heftigste Sportgerät, was man derzeit kaufen kann. Die H2 dagegen hat eine Straßenzulassung und „humane“ 200 PS, bietet sogar so etwas wie Komfort. Sie ist dank des Kompressors schon bei mittleren Drehzahlen sehr kräftig, hat enorm viel Charakter. Fahrwerk und Bremsen funktionieren sauber, die Verarbeitung ist brillant. Die Motorabstimmung mit ihren kräftigen Lastwechselreaktionen ist allerdings sehr gewöhnungsbedürftig.

Technische Daten Kawasaki Ninja H2/H2R
Motor: Vierzylinder-Viertakt-Reihe, Kompressor
Hubraum: 998 cm3
Leistung:147 kW (200 PS) bei 11 000 min-1
(R: 228 kW (310 PS) bei 14 000 min-1)
Drehmoment: 113,5 Nm bei 10 500 min-1
(R: 165 Nm bei 12 500 min-1)
Reifen v/h: 120/70ZR17 / 200/55ZR17
(R: 120/600 R17 / 190/650 R17)
Sitzhöhe: 825 mm (R: 830 mm)
Leergewicht: 238 kg (R: 216 kg)
Preis: 25 000 Euro (R: 50 000 Euro)

www.kawasaki.de

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