Reden wir nicht drum rum, die meisten Motorradfahrer treten Rollern eher negativ entgegen. Was aber, wenn ein Hersteller versucht, beides zu kombinieren? Honda hat es mit dem X-ADV getan.

Hondas X-Adv ist zwar nicht der erste Versuch, Motorrad und Roller zu kreuzen, aber er ist der, den ich fahren muss – verdammt. Nun gut, es gibt verspiegelte Visiere und Dunkelheit, was solls. Doch neben der Verschmelzung zweier Welten legte Honda noch einen drauf, denn das „Adv“ im Namenskürzel steht für, wir ahnen es bereits, Adventure, Abenteuer – oha. So wollen die Japaner dem „X“ auch noch Offroad-Tugenden andichten.

Abseits aller Zweifel ist die Hardware des X-Adv jedoch nicht von schlechten Eltern. Der stürmische 750er Twin befeuert nämlich auch die NC 750 – und den Integra-Roller. Der Antrieb kennt sich also aus in verschiedenen Welten. Mit einem 17-Zöller an der Vorderhand und stark profilierten Reifen wirkt der X allerdings im Stand schon nicht mehr wie eine rosafarbene Knutsche-Kugel mit Pausbäckchen.

Doch die Karosserie und vor allem der Durchstieg mit den Trittbrettern gehen wieder eindeutig in Richtung Scooter. Ich werfe noch ein paar vorsichtige Blicke über die Schultern und fahre einfach mal los. Loslassen ist dabei genau die richtige Einstellung, denn der X-Adv überrascht bereits auf den ersten Metern. Der Lenker liegt richtig kernig in der Hand, vermittelt ein gutes Kontrollgefühl. Schön breit, diese Stange und es kommt tatsächlich so etwas wie Enduro-Flair auf. Insgesamt sitzt man sehr fahraktiv, Sofa-Roller geht definitiv anders.

Der breite und hohe Lenker bietet Großgewachsenen einen weiteren Vorteil: Auch bei vollem Einschlag läuft man nicht Gefahr, dass Knie und Lenkerenden kollidieren. Dabei können sich die Füße auf den Trittbrettern wirklich seelenruhig entspannen, denn die Schaltarbeit übernimmt die Automatik, die Hinterradbremse die linke Hand.

Gut gefüllt: Die Infodichte des Display ist hoch, die Ablesbarkeit ist aber top

Qual der Wahl: Am rechten Lenkerende wählt man die Getriebecharakteristik

Von wegen Sofa-Scooter

Der X-Adv kommt in den Genuss des mittlerweile bewährten Doppelkupplungs-Getriebe, was man beispielsweise auch in Paarung mit Africa Twin oder NC 750 bekommt. Dabei hat man zwei Modi zur Wahl, D und S. Wobei S für Sport steht und D halt für den Rest der Fahrenswelt. Stufe S lässt sich je nach Geschmack dazu noch in drei Varianten programmiern. Wer aber trotzdem selber schalten möchte, darf das über zwei kleine Plus/Minus-Tasten am linken Lenkerende. Je nach Bedarf kann man der Automatik reingrätschen oder komplett manuell fahren.

Der bewährte 750er zieht auch im X-Adv ordentlich voran. Auf D schaltet das Doppelkupplungsgetriebe in unserem Tester ziemlich pfiffig, realisiert, wenn man den Hahn ganz aufdreht, das es nun mal echt zügig gehen soll, schaltet noch einen runter und dreht flott höher – hätten wir so erst im S-Modus erwartet. Lässt man es gemächlicher angehen, arbeitet auch die Automatik im Siesta-Modus. Dabei passen die Schaltvorgänge meistens zu meinem Zucken im linken Fuß – das war bei anderen Modellen mit Doppelkupplungs-Getriebe in der Vergangenheit nicht immer so.

In S zieht die Automatik die Gänge generell höher, der Antrieb arbeitet drehzahgieriger. Ob das wirklich schneller ist als auf D, sei dahingestellt , denn den meisten Saft hat der Motor nicht im oberen Bereich. Aber das hohe Drehzahlniveau, Hand in Hand mit der entsprechenden Geräuschkulisse und das späte Schalten, suggeriert zumindest den sportlichen Touch.

Schnittig: Der LED-Scheinwerfer macht die Nacht zum Tag

Reicht: Unter die Sitzbank passt locker ein Klapphelm

Teure Treter: Die Rizoma-Rasten kosten stolze 338 Euro

Motorradfeeling schlägt Scooter-Optik

In Sachen Fahrwerk kommt der ADV doch eher an ein Bike ran. Es gibt kein kippeliges Scooter-Feeling und der X lässt sich prima mit Druck am Lenker dirigieren. In Schräglage geht es satt und sauber vonstatten, das Vertrauen kommt schnell. Um es deutlich zu sagen: dieser Scooter macht auf der Landstraße auch eingefleischten Motorradfahrern und Roller-Hassern Spaß. Stellt man sich hin, kommt die nächste Erkenntnis: Jawohl, das fühlt sich ein wenig nach Enduro an. Sind dann noch die optionalen Cross-Rasten montiert, steigt tatsächlich die Lust auf Gelände: Die Kontrolle über Druck auf den Rasten gelingt sehr gut, nur die Karosserie drückt nach kurzer Zeit innen an den Waden. Aber die dritten Rasten, die etwas unterhalb des Schwingendrehpunkts sitzen, haben ihren Preis. Allein für die zahnigen Rizoma-Rasten ruft Honda 338 Euro auf. Da sind die notwendigen Halteplatten mit 264 Euro schon fast günstig.

Passend zum Offroad-Versprechen prangt für 2018 am Lenkerende ein neuer Knopf mit dem Buchstaben „G“. Dahinter verbirgt sich der Geländemodus, in dem das Doppelkupplungsgetriebe auf Offroad-Einsatz schaltet. Das funktioniert auf losem Untergrund ganz prima, zumindest wenn man auch dran denkt, die ebenfalls neue Traktions-Kontrolle vorher auszuschalten.

Nach ein paar Tagen mit dem X-Adv hat sich mein Bild verändert: Hocherhobenen Kopfes kann ich den Helm, abnehmen, der auch kein getöntes Visier mehr haben muss, grinse in die Gesichter und sage: „Fahrt ihn erstmal, bevor ihr lästert“. Fakt ist: Honda kreierte mit dem X-Adv ein Zweirad, das zwar doch mehr nach Roller aussieht, auf Straße und Piste aber mehr Motorrad offenbart als manch Motorrad.

Wider Willen angetan: Tester André konnte sich mit dem X-Adv schnell anfreunden

Technische Daten:

Motor: Zweizylinder-Reihe, flüssigkeitsgekühlt

Hubraum: 745 Kubikzentimeter

Leistung: 55 PS (40,3 kW) bei 6250 U/min

Drehmoment: 68 Nm bei 47500 U/min

Reifen v/h: 120/70-17 / 160/60-15

Sitzhöhe: 820 Millimeter

Tankinhalt: 13,1 Liter

Leergewicht: 238 Kilogramm

Preis zzgl. Nk.: 11690 Euro

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