Im Westen des Ostens: Westmecklenburg

Im dünn besiedelten Mecklenburg begibt sich der lange Frank auf die Suche nach einem blaublütigen Baulöwen – und versucht sich nebenbei als Schlossgeist, ohne dabei nasse Füße zu bekommen.

von Frank Sachau (Text & Fotos)

Meine Weltkarte bedarf dringend einer Aktualisierung! Denn Rom, die Ewige Stadt, liegt nicht in Italien am Tiber, sondern gleich hinter der bekannten Bierstadt Lübz, nahe der Müritz-Elde-Wasserstraße. Während das kleine Nest eher für Sammler kurioser Ortsnamen von Bedeutung ist, steht das Gewässer bei Freizeitkapitänen hoch im Kurs. Wie ein blaues Band windet es sich zwischen dem Plauer See und der Elbe unentschlossen durch das flache Mecklenburg-Vorpommern.
Ab Parchim dringe ich zusammen mit dem Was­serlauf in die stille und weite Lewitz ein. Anfang des 18. Jahrhunderts errichtete man in dieser wildreichen Region ein eher einfaches Fachwerkhaus für den Herzog von Mecklenburg-Schwerin, der hier gern herumpirschte. Bald darauf zur repräsentativen dreiflügligen Anlage umgestaltet, waren im Jagdschloss Friedrichsmoor deutsche Kaiser und der Reichskanzler von Bismark zu Gast. Bodenständiger geht es weiter: Statt die schnurgerade B 106 oder noch schlimmer die A 14 nach Schwerin zu nutzen, biege ich vorher in Goldenstädt gen Norden ab. Ein rustikales Teerband entführt mich entlang ausgedehnter Äcker und sattgrüner Wiesen durch verträumte Dörfer bis an das südliche Ende des Schweriner Sees. Dort treffe ich auf die im Jahr 2008 ins Leben gerufene Sagen- und Märchenstraße, die auf 500 Kilometer Länge geschichtsträchtige Orte Mecklenburg-Vorpommerns zu einer Rundtour verbindet. Ein schmaler, von Schilfgürteln eingefasster Damm teilt das langgestreckte Gewässer teilt in zwei Hälften, trockenen Fußes brumme ich ans westliche Ufer und taste mich zum Schloss Wiligrad vor. Jung an Jahren, entdeckten Künstler den Neorenaissance-Bau, die den weitläufigen Park als Ausstellungsfläche für Skulpturen umgestalteten. Deutlich wuchtiger und älter kommt das nächste Bauwerk daher: Heinrich der Löwe ließ im zwölften Jahrhundert gleich drei statt­liche Dome aus gebrannten Ziegeln errichten: den Ratzeburger, den zu Lübeck und den im Herzen der heutigen Landeshauptstadt – alle­samt Highlights der „Backsteingotik“. Über den angrenzenden Altstädtischen Markt erreiche ich in wenigen Gehminuten das malerisch auf einer Halbinsel im See liegende Schweriner Schloss. Doch Obacht, das romantische Äußere täuscht, denn seit 1990 macht hier der Landtag knallharte Politik. Wieder im Sattel meines Bayern-Boxers treibt es mich raus aus der Stadt und hinaus aufs Land. Auch hier hat die letzte Eiszeit ganze Arbeit geleistet und zwischen sanften Hügeln zahlreiche Teiche und Tümpel zurückgelassen. Hinter Gadebusch suche ich nach den Weilern Benzin und Neu Benzin. Doch der Tankdeckel bleibt zu, weil die Dörfer zwar lustige Namen, aber keine Zapfsäulen haben.

Technisches Unikat: Die Plauer Hubbrücke feierte jüngst ihr 100-jähriges Jubiläum

Blaublütige Bauwut: Heinrich der Löwe ließ neben dem Ratzeburger und dem zu Lübeck auch den Schweriner Dom errichten

Die romantische Kulisse täuscht: Im malerischen Schweriner Schloss macht der Landtag Mecklenburg-Vorpommerns Realpolitik

Eine ehrliche Landstraße nimmt mich mit nach Grevesmühlen, das schon recht nahe der weißen Ostseestrände liegt. Nicht umsonst steigen hier alljährlich die Open-Air-Piratenfestspiele. Im nicht weit entfernten Gressow biege ich an der uralten Backsteinkirche nach Bad Kleinen ab. Schlanke Pappeln säumen eine charaktervolle Chaussee, die sich ohne erkennbaren Rhythmus durch Felder und Weiden windet. Der Fahrspaß hält bis an die Nordspitze des Schweriner Sees an, als ich in Hohen Viecheln einem Hinweisschild zu einer Fischräucherei mit Imbiss folge. Ein enger Weg führt mich unter der Bahnlinie hindurch an den See. Hinter mir tickert der abkühlende Motor, neben mir raschelt Schilf im Wind, als ich einen vertrauenswürdigen Boots­steg betrete und meinen Blick über die weite Wasserfläche gleiten lasse. Einen Pott Kaffee und ein Fischbrötchen später wendet sich das Landschaftsbild, als ich die GS auf perfektem Teer durch dunkle Forste bis zum Schloss Hasenwinkel tanzen lasse. Das unter Denkmalschutz stehende Ensemble aus präch­tigem Gutshaus, intakten Wirtschaftsgebäu­den und gepflegtem Park bildet das Tor zum Stern­berger Seenland. Auch der über 500 Quadratkilometer große Naturpark mit seinen unzähligen Seen und Hügeln verdankt seinen Ursprung den eiszeit­lichen Gletschern und ist der westliche Ausläufer der Mecklenburgischen Seenplatte, die sich von Wismar im Nordwesten bis nach Neustrelitz im Südosten erstreckt. Als ich in Warin auf die B 192 stoße, entschließe ich mich, direkt nach Plau durchzustarten, was angesichts des wechselhaften, eben typisch norddeutschen Wetters verlockend ist. Wieder einmal auf einem Teilstück der Sagen- und Märchenstraße unterwegs, lasse ich die Kuh fliegen. Gute 60 Kilometer kurven­reiche Strecke liegen hinter mir, als ich Plau am drittgrößten See Mecklenburg-Vorpommerns erreiche. Hundertjähriges Jubiläum feierte jüngst die im Zentrum gelegene Hubbrücke, die nach lautstarkem Klingeln 1,60 Meter emporfährt, um Booten die Durchfahrt auf der Müritz-Elde- Wasserstraße zu ermöglichen. Mit einem Cappuccino in der Hand beobachte ich von meinem Logenplatz vor dem italienischen Eiscafé al Ponte das bunte Treiben – und stelle mir vor, in Rom am Tiber zu sitzen.

Hoteltipp

Seehotel Plau am See

Ob auf der sonnigen Terrasse oder im hellen Wintergarten – der fantastische Ausblick auf den Plauer See gehört immer dazu. Ein aufmerksamer Service, eine ausgezeichnete Küche und komfortable Zimmer runden den positiven Gesamteindruck des Viersternehauses ab. Ausgearbeitete Tourentipps und sichere Stellplätze. Das Doppelzimmer mit Frühstück ab 120 Euro.

Hermann-Niemann-Straße 6
19395 Plau am See
Fon 038735 840
www.falk-seehotels.de

Reise Info

Streckenlänge: 300 Kilometer
Dauer der Tour: Ausgedehnte Tagestour
Allgemeines: Mecklenburg-Vorpommern liegt im Norden Deutschlands zwischen Schleswig-Holstein und Polen, die Landeshauptstadt ist das von Heinrich dem Löwen im zwölften Jahrhundert gegründete Schwerin. Die Region zwischen Ostseeküste, Binnenseen und Hügelland ist äußerst dünn besiedelt. Die unzähligen Seen sind vor etwa 10 000 Jahren durch das Abschmelzen der Gletscher entstanden. Heute ist die Mecklenburgische Seenplatte mit ihren Wäldern, Mooren und Seen eine weite und viel­fältige Landschaft, in welcher die Natur auf großen Flächen geschützt ist. Die Hauptstraßen sind gut in Schuss, die Qualität der Nebenstrecken ist sehr unterschiedlich bis hin zu buckligen Plattenwegen und kariösem Kopfsteinpflaster.

Anreise: Von Hamburg über die A 1 bis Lübeck und weiter auf Ostseeautobahn A 20, die dem Küstenverlauf folgt und das Tourengebiet im Norden tangiert. Alternativ von Hamburg über die stark frequentierte A 24 in Richtung Berlin bis zu den Abfahrten Neustadt-Glewe oder Meyenburg.
Reisezeit: Anfang Mai bis in den Oktober
Literatur: Dumont Bildatlas 38 „Mecklenburg-Vor­pommern“. 120 Seiten reich bebilderte, geballte Informationen für den ersten Überblick. Zahlreiche Straßenkarten. Preis 9,95 Euro.
Karten: ADAC Kartenset Deutschland 2016/17. Zehn Doppelblätter im Set von MairDumont. Maßstab 1:200 000. Im Buchhandel oder über www.adac.de, 14,99 Euro.
Informationen: Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern eV, www.auf-nach-mv.de, Sagen- und Märchenstraße Mecklenburg-Vorpommern, www.sagen-und-maerchenstrasse-mv.de, Schlösser und Herrenhäuser in Mecklenburg-Vorpommern, www.schloesser-gaerten-mv.de

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