Tourentipp: Im Pfaffenwinkel - Oberbayern

Weltraumohren: In Raisting ermöglichen seit 1964 riesige Parabolantennen die Kommunikation mit Nachrichtensatelliten im All

Kirchen, Klöster und Kruzifixe: Der lange Frank vergnügt sich auf heiligen und historischen Wegen im Land der Zwiebeltürme zwischen Lech und Loisach, Alpenrand und Oberbayerischen Seen.

von Frank Sachau (Text & Fotos)

Woher der Name dieser heiligen Landschaft stammt, lässt sich nicht genau bestimmen. Vermutlich wurde das lateinische „Anguli Monachorum“ mit „Ecke der Mönche“ übersetzt und fand im 18. Jahrhundert als „Pfaffenwinkel“ Einzug in den Sprachschatz der einfachen Leute. Hier trifft man auf die höchste Dichte an Sakralbauten in ganz Deutschland. Am frühen Morgen sind wir in Herrsching unterhalb des weltberühmten Klosters Andechs gestartet und haben Kurs auf den südlichen Zipfel des Starn­berger Sees genommen. Nach einem kurzen Stopp an den hellen Mauern des Klosters Bernried zieht es uns an die Loisach, die den Pfaffenwinkel im Osten begrenzt. Hier besuchen wir das vor wenigen Jahren aufgelöste Kloster Beuerberg, dessen Innenhof noch immer eine meditative Ruhe verströmt. Nun brauchen wir nur noch dem Wasser­lauf stromaufwärts zu folgen, um zum ehe­maligen Benediktinerkloster Benediktbeuern zu gelangen. Vor über 1250 Jahren aus taktischen Gründen am Übergang vom Alpenvorland in die Bergwelt gegründet, durchlebten die Mönche und ihr stattlicher Gebäudekomplex wechselvolle Epochen. Kurz darauf geht es hinaus ins sanft gewellte Land, dessen Kurven genau so schön geschwungen sind wie die zwiebelförmigen Hauben der passierten Kirchen. Unser Weg führt über Uffing am nördlichen Rand des Staffelsees entlang ins kleine Böbing. Mit von der Partie sind traumhafte Ausblicke auf die grauen Riesen der Ammergauer Alpen. Nach dem gewagten Sprung über die tiefe Ammerschlucht schlagen wir den Weg zum Touristenmagneten Wieskirche ein. Korrekt heißt das im 18. Jahrhun­dert erbaute Gotteshaus „Wallfahrts­kirche zum Gegeißelten Heiland auf der Wies“ und zählt seit 1983 zum Weltkulturerbe. Von außen eher schlicht anzuschauen, wird man im Inneren von goldenem Rokoko geradezu erschlagen. Als dann die wuchtigen Türme des ehemaligen Klosters in Steingaden auftauchen, heißt es rechts nach Lechbruck abzubiegen. Der aus Tirol stammende Lech verlässt bei Füssen die Alpen, strebt mehr­fach aufgestaut nordwärts der Donau entgegen und bildet bis Landsberg die Region Lechrain, einen breiten Landstrich, der einst das Schwäbische vom Bayerischen trennte und heute als westliche Grenze des Pfaffenwinkels gilt. Widerstandslos ergeben wir uns dem Reiz der Nebenstrecke und folgen dem windungsreichen Lech in respektvollem Abstand über Bernbeuren stromabwärts. Zwischen Augsburg und Italien verlief vor rund zweitausend Jahren die bedeutende Via Claudia Augusta. Am Eingang von Epfach grüßt uns die Büste eines speertragenden römischen Legionärs. Den hiesigen Flussabschnitt hatten die Soldaten des „Oppidum Abodiacum“ zu sichern, denn hier kreuzte eine nicht minder wichtige Verbindung von Bregenz nach Salzburg.

Himmel auf Erden: Das Dießener Marienmünster ist eine der bedeutendsten Barockkirchen Süddeutschlands

Widerstandslos ergeben wir uns dem Reiz der Nebenstrecke

Unter den wachsamen Augen eines steinernen Brückenheiligen rollen wir wenig später aufs Ostufer hinüber, um von Reichling aus stromaufwärts zu beschleunigen. Griffiger Teer, der keinen Mittelstreifen kennt, windet sich durch Wiesen, schlängelt sich durch Wäldchen, lässt uns über Hügel hüp­fen und versprüht jede Menge Fahrspaß. Schon aus großer Entfernung erkennen wir unser nächstes Ziel, den fast tausend Meter aufragenden Hohen Peißenberg. Leicht fahrbare Serpentinen lassen uns dem weiß-blauen Himmel schnell näherkommen. Während sich Gasthaus, Observatorium und Wallfahrtskirche das Gipfelplateau teilen müssen, gehört uns das phantastische Pano­rama ganz alleine: Im Süden reicht der Blick vom Estergebirge über die Ammergauer Alpen bis zu den Tannheimer Bergen, im Nordosten lässt sich der Ammersee erahnen. Wir umrunden den Berg im Uhrzeigersinn und finden uns, kaum dass wir nach Sankt Leonhard abgebogen sind, auf einer verkehrsarmen Kreisstraße wieder. Der Asphalt geizt mit Breite, protzt aber mit Biegungen aller Güteklassen, und trägt uns wie auf grünen Wogen durch eine traumhafte Modelleisenbahnlandschaft. Mittendrin liegt das stille Kloster Wessobrunn, Fundort eines der ältesten in deutscher Sprache auf Pergament verfassten Gedichtes. Den Text finden wir in einem mannshohen Granitblock ein­gemeißelt, gut versteckt im Schatten eines Baumes vor dem Gasthof Zur Post. Nach Kaffee und Apfelstrudel setzen wir in Rott den Blinker und biegen nach Dießen ab. Die rund zwölf Kilometer lange Verbindung zum Ammersee entpuppt sich als Schmankerl und versprüht Fahrfreude ohne böse Überraschungen. Mit den ersten begeisternden Blicken auf den langgestreckten See entdecken wir auch das von weitem sichtbare Dießener Marienmünster, eine der großartigsten Barockkirchen Süddeutschlands, bekannt durch prachtvolle Deckenmalereien, dem „Dießener Himmel“. Lange vor Telefon, Funk und Fernsehen sorgten Priester in den zahlreichen Gottes­häusern für gute Verbindungen nach „oben“. Seit 1964 haben die riesigen Parabolantennen der nicht weit entfernten Erdfunkstelle Raisting diese Aufgabe übernommen und ermöglichen die Kommunikation mit Nachrichtensatelliten im Weltall.

Hoteltipp

Hotel Gasthof Zur Post

Der im Zentrum von Herrsching gelegene Gasthof mit seinem gemütlichen Biergarten ist idealer Ausgangsort auch für Fahrten durchs Fünfseenland oder die im Süden gelegene Zugspitzregion. Kloster Andechs und die Anlegestelle der Seeschifffahrt sind bequem zu Fuß zu erreichen. Das Doppel­zimmer mit Frühstück ab 129 Euro, die Garage und das WLAN gibt’s gratis.

Andechsstraße 1
82211 Herrsching am Ammersee
Fon 08152 396270
www.post-herrsching.de

Reise Info

Streckenlänge: 250 Kilometer
Dauer der Tour: Tagestour
Allgemeines: Der Pfaffenwinkel erstreckt sich zwischen dem Lech im Wes­ten, der Linie Landsberg – Starn­berg im Norden, der Loisach im Osten und den Alpen im Süden. Keine andere Region Deutschlands hat mehr Sakralbauten vorzuweisen. Zu den wichtigsten Gotteshäusern zählen die in Benediktbeuern, Wessobrunn, Dießen, Steingaden und selbstverständlich Andechs. Der sanft gewellte Landstrich wird von Wiesen und Wäldern, Seen und Wasserläufen geprägt. Die beschriebene Tour verläuft größtenteils auf verkehrsarmen Nebenstrecken in Höhen zwischen 500 und 700 Metern. Der aussichtsreiche Hohe Peißenberg kratzt an der Tausendmetermarke und ist ein beliebter Motorradtreff.

GPS-Downloadcode: c265TK
Code einfach eingeben auf
http://www.motorrad.net/aktuelles/touren

Anreise: Im Osten tangiert die von München nach Garmisch-Partenkirchen führende A 95 das Tourengebiet, im Norden die von München zum Bodensee führende A 96.
Reisezeit: Anfang Mai bis Ende Oktober
Literatur: DuMont Bildatlas Nummer 6 „Oberbayern“. 120 Seiten reich bebilderte Informationen über die Region zwischen Lech und Inn, München und den Alpen. Das preiswerte und mit vielen Straßenkarten gespickte Werk eignet sich prima für die erste Planung, 9,95 Euro.
Karten: ADAC Kartenset Deutschland 2018/19, 1:200 000, www.adac.de, 14,99 Euro.
Infos: Tourismusverband Pfaffenwinkel, Bauerngasse 5, 86956 Schongau, www.pfaffen-winkel.de
Museum: Museum Abodiacum, Via Claudia 16, 86920 Epfach, www.denklingen.de

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