Im Garten Eden: Naturpark Pfälzerwald

Mit dem Motorrad auf Entdeckungstour durch den Pfälzerwald und entlang der Deutschen Weinstraße, wo Romantik und Revolution, Reben und Ruinen keine Gegensätze darstellen.

von Frank Sachau (Text & Fotos)

Morgenstund hat Gold im Mund! Und Frühstück gibt es im Hotel Gutshof Ziegelhütte in der Woche schon ab 6.30 Uhr. Deshalb erreichen wir lange vor den ersten Kniebundhosenträgern die über dem Edenkobener Tal thronende Villa Ludwigshöhe. Als der berühmte Bayernkönig Ludwig I. seine im toskanischen Stil erbaute Residenz in den 1840er Jahren erstmals besuchte und über das sanft gewellte Rebenmeer bis in die Rheinebene schaute, soll er von einem Garten Eden auf Erden gesprochen haben. Im warmen Licht der Morgensonne können wir es nachempfinden. Genug der Gefühlsduselei, auf die Maschinen! Gegen den Lauf des Triefenbachs nehmen wir die windungsreiche Bergstrecke um den Schänzelturm in Angriff, tauchen ins benachbarte Modenbachtal ab, um dann ins Dernbachtal einzubiegen. Dabei kommen die mächtigen Mauern von Burg Modeneck, der Ruine Ramburg und Burg Neuscharfeneck in Sicht. Die hohe Festungsdichte ist ebenso typisch wie die vielen Täler des aus Buntsandstein bestehenden Pfälzer Waldes. Bei Siebeldingen stoßen wir auf die Deutsche Weinstraße, die sich an „die Haardt“, den steilen Ostabfall des Mittelgebirges schmiegt. Die Römer brachten vor mehr als 2000 Jahren nicht nur den Weinbau in diese vom mediterranen Klima verwöhnte Region, sondern auch Esskastanien, Pfirsiche, Mandeln und Feigen. Während der Herrschaft Karl des Großen war die Pfalz der bedeutendste Weinlieferant seines großen Reiches. Heutzutage sorgen junge Winzer mit neuen Ideen für frische Weine in alten Fässern moderner Vinotheken. Wir schlängeln uns durch malerische Dörfer und sonnenbeschienene Wein- und Obstgärten, rollen durch das Thermal- und Kneippheilbad Bergzabern und errei­chen schon bald Schweigen-Rechtenbach kurz vor der Grenze zum Elsass. Das südliche Ende der Weinstraße markiert seit 1936 das 18 Meter hohe Weintor, das zweifelsfrei den Nazi-Bausünden zuzuordnen ist. Nach einem kurzen Schlenker durch das französische Wissembourg kehren wir durch das Lautertal zurück in den Pfälzerwald, genauer gesagt, in das Dahner Felsenland. Vor Dahn schlagen wir einen großen Bogen und entdecken erneut einen flotten Burgen-Dreier: Die Ruine Altdahn, sowie die Burgen Grafendahn und Tanstein teilen sich, dicht anein­andergedrängt, einen schmalen Bergrücken hoch über dem Ort. Nach wenigen Schaltvorgängen auf der mehr­spurigen und verkehrsreichen B 10 angekommen, finden wir mit der Abfahrt Münchweiler unseren Notausstieg. Auf unserer Karte mit grünem Beistrich versehen, in der Realität mit tadellosem Teer bedeckt, entführt uns eine anmachende Nebenstrecke immer tiefer in den finsteren Forst, bis hinter Leimen ein unscheinbares Schild auf den Weg zum Hermersberger Hof hinweist. Und dann geht es zur Sache: Hände und Füße sind ständig in Bewegung, um auf der schmalen, von hohen Tannen gesäumten Trasse einen sauberen Strich zu finden. Am Weißenberg erinnern Luitpoldstein und Luitpoldturm an den längst verblassten bajuwarischen Hochadel, dann endlich taucht das Café Ingrid auf, bei Gleichgesinnten für leckeren Kuchen und schöne Ausblicke bekannt.

Genuss-Reich: Zwischen dem Haus der Deutschen Weinstraße in Bockenheim und der französischen Grenze liegen 85 Kilometer Rebhänge

Hingeklotzt: Das wuchtige Weintor in Schweigen-Rechtenbach markiert seit 1936 die südliche Einfahrt in die Deutsche Weinstraße

Villa Ludwigshöhe: Der Bayernkönig residierte im toskanischen Stil

Ein Hauch von Revolution: Am Hambacher Schloss demonstrierten im Mai 1832 freiheitlich gesinnte Bürger für ein demo­kratisches Deutschland

Nach der Rast stürzen wir über mehrere Schleifen hinunter nach Wolgartswiesen, ertragen erneut für einen kurzen Moment die überbreite B 10 und schwenken dann auf die B 48. Ein kunterbuntes Sammelsurium von Kurven aller Güteklassen verlangt erhöhte Aufmerksamkeit und unzählige Schräglagenwechsel bis zum beliebten und immer gut besuchten Bikertreff Johanniskreuz. Auf dem weiteren Weg nach Hochspeyer wird der Wald dichter, die Radien weiter, Fahrbahnbreite und Tempo nehmen zu. Nach dem Verkehrsknotenpunkt hat die B 48 ihr Pulver verschossen, dafür punktet hinter der Autobahn die vielschichtige Neben­strecke von Enkenbach-Alsenborn nach Bockenheim. Damit erreichen wir nicht nur den nördlichsten Zipfel des Naturparks, sondern mit dem Haus der Deutschen Weinstraße das Pendant zum nur 85 Kilometer entfernten Weintor an der französischen Grenze. Die B 271 geleitet uns südwärts nach Bad Dürkheim, wo vor rund 80 Jahren der Winzer und Küfermeister Fritz Keller im wahrsten Sinne des Wortes ein Fass aufmachte: 200 mächtige Schwarzwaldtannen lieferten das Bauholz für das Dürkheimer Riesenfass mit 1,7 Millionen Litern Rauminhalt. Von Neustadt, dem Mittelpunkt der Deutschen Weinstraße, schrauben wir uns wieder einmal himmelwärts und steuern durch die Hintertür über eine stark gewundene Höhen­straße die Kalmit (672 Meter) an, den Gipfel des Pfälzerwaldes. Ähnlich gingen im Mai 1832 freiheitlich gesinnte Bürger vor und luden unter dem Deckmantel eines harmlosen Volksfestes auf das nahe Hambacher Schloss. 30 000 Pfälzer folgten dem Aufruf und demons­trierten für ein einheitliches und demokratisches Deutschland unter den Nationalfarben Schwarz-Rot-Gold. Golden glänzt am Abend der Wein in unseren Gläsern, als wir den abwechslungsreichen Fahrtag mit dem passenden Sinnspruch ausklin­gen lassen: Probieren geht über studieren.

Hoteltipp

Gutshof Ziegelhütte

Die direkte Lage an der Deutschen Weinstraße, die Nähe zum Pfälzerwald und das nicht weit entfernte Elsass wären schon Gründe genug für einen Aufenthalt. Hinzu kommen noch tolle Zimmer und eine exzellente Küche. Die Bikes stehen sicher im Innenhof. Das Doppelzimmer mit Frühstück ab 98 Euro, WLAN und Tourentipps gibt es gratis.

Thomas und Tobias Langhauser
Luitpoldstraße 75-79
67480 Edenkoben
Fon 06323/94980
www.gutshof-ziegelhuette.de

Reise Info

Streckenlänge: 280 Kilometer
Dauer der Tour: Tagestour
Allgemeines: Als der linksrheinisch gelegene Naturpark Pfälzerwald 1958 gegründet wurde, zählte er nicht nur zu den ersten, sondern auch zu den größten Deutschlands. Das aus Buntsandstein bestehende Mittelgebirge ist stark zerklüftet, von dichten Mischwäldern bedeckt und ragt bis zu 670 Meter auf. Die äußerst kurvenreichen Straßen sind in einem sehr guten Zustand und stellen auch Anfänger vor keine unlösbaren Probleme. An den steil abfallenden Osthängen des Pfälzerwaldes entlang verläuft die 85 Kilometer lange Deutsche Weinstraße zwischen Schweigen-Rechtenbach an der französischen Grenze und Bockenheim im Norden. Wer dem gelben Hinweisschild mit der stilisierten Weintraube folgt, entdeckt romantische Orte und kurvt durch beste Weinlagen. Achtung: Das Elmsteiner Tal ist an Wochenenden und Feiertagen für Motorräder gesperrt.

Anreise: Von Norden führt die A 61 an das Tourengebiet heran, aus dem Osten die A 6.
Reisezeit: Mitte April bis Anfang November
Literatur: Dumont Bildatlas 136 „Pfalz“. Über 120 Seiten reich bebilderte, geballte Informationen für den ersten Überblick. Zahlreiche Straßenkarten, 9,95 Euro.
Karten: ADAC Kartenset Deutschland 2018/19. Zehn Doppelblätter im Set von MairDumont, 1:200 000. Im Buchhandel oder über www.adac.de, 14,99 Euro.
Informationen: Biosphärenreservat Pfälzerwald-Nordvogesen, Geschäftsstelle Pfälzerwald, Franz-Hartmann-Straße 9, 67466 Lambrecht (Pfalz), 06325/95520, www.pfaelzerwald.de, www.deutscheweinstrasse-pfalz.de
Museum: Stiftung Hambacher Schloss, 67434 Neustadt an der Weinstraße. Von April bis Oktober täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet, Eintritt 5,50 Euro, www.deutscheweinstrasse-pfalz.de

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