Die neue Husqvarna 701 Enduro LR bietet 500 Kilometer Reichweite, moderne Elektronik und volle Offroad-Eignung. Und das bei deutlich unter 200 Kilo vollgetankt. Die Alternative zur wuchtigen Reiseenduro?

von Till Ferges

Fotos: Guido Bergmann

Sie sind vielleicht die letzten klassischen Enduros: Mit Husqvarna 701 Enduro und der nahezu baugleichen KTM 690 Enduro R – beide Unternehmen bedienen sich im gleichen Baukasten – kann man wie weiland auf der XT den Alltag bestreiten. Oder gepflegt durch die Kiesgrube ballern, einfach mal eine Sonntagsrunde drehen oder zur kleinen Reise antreten.

Doch das reichte den Husky-Entwicklern nicht. Diesmal sollte es die ganz große Reise sein: Fernab von Tankstellennetzen und ausgebauten Straßen sucht die Husqvarna 701 Enduro LR mit 25 Litern Tankvolumen ihr Glück. So haben die Österreicher mit nur wenigen Veränderungen einen waschechten Geheimtipp für all die geschaffen, die eine kernige Enduro mit 21- und 18-Zoll-Felgen als ultimatives Reisemittel ansehen. 11108 Euro kostet die LR und liegt damit auf Augenhöhe mit der Yamaha Ténéré 700 Rally Edition. (Wie sich die Ténéré und Husky im Vergleichstest schlagen, lest ihr in der neuen MOTORRAD NEWS 12/2020)

Husqvarna 701 Test 2020

Gegenüber der Standard-701 schleppt die LR zusätzlich zum selbsttragenden 13-Liter-Tank im Heckrahmen ein Zwölf-Liter-Spritfass an der Front mit sich herum, dazu passende Plastikteile, Benzinpumpe, Schläuche und eine geänderte Sitzbank.

500 Kilometer und mehr sind damit drin, der aktuelle LC4-Single ist mit einem Verbrauch von deutlich unter fünf Litern bekanntermaßen sehr sparsam. Wenn der eine Tank dann leer ist, springt die Reserveleuchte an und man schaltet mit dem linken Daumen einfach auf das alternative Spritfass. Allerdings ist es gar nicht so abwegig, mit der Husky trotzdem liegenzubleiben: Man vergisst nach einer Weile schlicht, was Tankstellen überhaupt sind.

Der 692-Kubik-Einzylinder macht dem vollgetankt gerade einmal 174 Kilo leichten Offroader richtig Feuer unterm Hintern. Mit 71 PS auf dem Prüfstand erreicht der LC4 zwar nicht ganz die Werksangabe, der Wunsch nach mehr Leistung kommt allerdings nie auf: Je nach Bereifung Topspeed 190, in unter fünf Sekunden auf Tempo 100, das Vorderrad jederzeit in den Himmel lupfen – dieser Single ist bei Drehzahlen zwischen 6000 und 8000 Touren super-quirlig und macht tierisch Freude.

Husqvarna 701
Husqvarna, LC4, Motor, 701, 690

Aber auch Dauertempo 130 ist schmerzfrei möglich. Niederfrequente Vibrationen gibt es dabei nicht, der Eintopf sendet eher ein feines Summen in den konifizierten Lenker und die groben Enduro-Rasten. Und man kann mit dem KTM-Kurzhuber auf Wunsch flüsterleise durchs Dorf rollen. Obwohl er tiefe Drehzahlen immer noch nicht mag, klappt das mittlerweile sogar im sechsten Gang einigermaßen.

Die aktuelle Elektronik der 690er-KTMs gehört zur Erbmasse für die 2020er-Huskys. So verfügt die 701 nun über zwei Motor-Mappings, welche die schräglagenabhängige Traktionskontrolle mit beeinflussen. Auf Stufe 1 fährt sich das Motorrad etwas zarter, die TC regelt jeden Lupfer und Rutscher weg. Auf Level 2 ist die Gasannahme direkter und es wird für Gelände-Action erheblicher Schlupf erlaubt.

Die Traktionskontrolle und das Kurven­ABS lassen sich obendrein per Knopfdruck abschalten, wobei das Deaktivieren der Stotterbremse gleichzeitig die Straßenzulassung erlöschen lässt. Sehr interessant ist auch der neue bidirektionale Quickshifter, der vor allem bei höheren Drehzahlen sehr gut funktioniert und flüssige Gangwechsel unter Last ermöglicht.

Das WP-Fahrwerk bekam ein leicht geändertes Setup und ist wie bei den Schwestermodellen voll einstellbar. Es verfügt über eine riesige Bandbreite von sportlich konkret bis enduromäßig-komfortabel – bei 250 Millimeter Federweg gehört der Hofknicks beim Anbremsen natürlich zum guten Ton.

Husqvarna 701 Enduro LR Test

Um beim Federbein die Federbasis an die Beladung anzupassen, muss das gute Stück leider ausgebaut werden. Wobei man in die Verlegenheit voller Zuladung wohl eher selten kommt: Der Soziusplatz ist eine Notlösung und der glühend heiße Endtopf macht Mitfahrern und Gepäck Feuer unterm Hintern. Wer sich die LR also richtig vollpacken möchte, muss Improvisationstalent mitbringen.

Alltag, Gelände und Kurvenkratzen hat sie genauso drauf wie ihre LC4-Verwandschaft. Ob die LR nun wirklich was für die große Tour ist, entscheiden das individuelle Reiseverhalten und die Leidensfähigkeit. Den Komfort einer GS erwartet aber auch niemand. Gegenüber den drahtigeren Schwestern 701 Enduro und 690 Enduro R ist sie ein wenig bequemer, liegt satter und begeistert eben mit gewaltiger Reichweite. Und wenn Besitzer der normalen 701 jetzt ins Schwärmen kommen: Für 1941 Euro gibt es das komplette Tank-Kit zum Nachrüsten.

 

Fazit: Riesige Reichweite, beste Geländetauglichkeit, entspannte Ergonomie, ein sparsamer Motor mit Charakter und Sportsgeist, fortgeschrittene Elektronik, robuste Bauweise – für Extremurlauber und Fans klassischer Enduros liefert Husqvarna hier ein tolles Paket. Und auch die sollten mal probeweise draufhüpfen, die sich sonst eher auf Schwergewichten durch die Pampa wühlen. Denn manchmal kann der Blick über den Tellerrand nicht nur erhellend, sondern sogar erleuchtend sein.

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