Der Besuch des Fichtelbergs ist ein Muss auf jeder Erzgebirgs-Tour. Auf dem „Dach Sachsens“ heißen Gastgeber mit Benzin im Blut ihre motorradfahrenden Gäste willkommen.

Im Erzgebirge haben Motorradfahrer einen festen Platz in den Herzen der Menschen. Die meisten sind mit Motorrädern und dem Enduro­sport aufgewachsen, der traditionelle Fahrzeugbau von DKW und MZ hat Menschen und Kultur geprägt. „Bikers welcome“ ist in dieser Region deshalb keine leere Phrase.
Den Auftakt zum Besuch des höchsten Berges Ostdeutschlands macht das imposante Hotel „Sachsenbaude“, das auf fast 1200 Metern an der Fichtelbergauffahrt steht. An der Stelle, an der einst eine Schutz­hütte Wanderer beherbergte, begrüßt heute ein hochaufragender Bau die Reisenden. Er entstand 1922 im Stil der schlossähnlichen kanadischen Eisenbahnhotels. Im Laufe der Jahrzehnte war die Sachsenbaude Lazarett, Kinderheim und Kurklinik, ehe sie Ende der Neunziger als Hotel wiederbelebt wurde. Hotelier Jörg Schorr trug die Leidenschaft fürs Motorrad in den Betrieb und scharte ein Team um sich, das dem fahrenden Volk das „Motorradparadies Erzgebirge“ schmack­haft macht.

Blau-Weiß: Die Sachsenbaude wurde 2011 zum BMW-Testride-Hotel – das erste diesseits der Alpen

Mit zwei Hotels bieten sie Führerscheinkurse, Fahrtrainings, geführte Touren durch die kurven­gesättigte Region und Technikkurse an. Die Sachsenbaude ist seit 2011 das erste BMW-Motorrad-Testride-Hotel Ostdeutsch­lands und außerhalb der Alpen. Sehr zur Freude von Jörg, der mit seiner GS gern als Tourguide vorausfährt.
Ob Tages- oder Übernachtungsgast: Zwischen dem Saisonstart am 1. Mai bis in den November hinein futtern sich abgekämpfte Motorradtouristen im Restaurant „Loipenklause“, im Wintergarten oder auf der Sonnenterrasse gern neue Kraft an. Besonders beliebt ist das Barbeque, zu dem die Sachsenbaude beim Saisonstart am 1. Mai einlädt.

Weiter geht’s den Fichtelberg hinauf, auf dem oft bis in den April hinein Schnee liegt. Im Rückspiegel schimmern die Höhen des westlichen böhmischen Erzgebirges, in Fahrtrichtung erinnert die Straße an die Sprungschanzen des Fichtelberger Südhangs. Die Schanzen stammen aus den Nachkriegsjahren, als in Oberwiesenthal die DDR-Meisterschaften in den alpinen Disziplinen stattfanden. Als „St. Moritz der DDR“ war Oberwiesenthal damals begehr­tes Reiseziel für Schneehungrige und die Jugendsportschule Kaderschmiede für den Hochleistungs-Nachwuchs.
Auf dem Gipfel des 1215 Meter hohen Fichtel­berges klappen die Seitenständer zwischen Fichtelberghaus, Wetterwarte und Schwebebahn aus. Im Winter locken die Pisten und Loipen tausende auf den Berg, im Sommer sind es die Wander- und Radwege.

Himmelfahrtskommando: Der Stopover auf dem Fichtelberg macht die Erzgebirgstour erst rund

So mancher kurvt sonntags extra auf den Gipfel, um dem Klang der Friedens­glocke zu lauschen, die ein Türmer Punkt 16 Uhr neben dem Parkplatz von Hand läutet. Das Gebimmel des Denkmals der deutschen Einheit soll bis ins benachbarte Tschechien zu hören sein. Und in all dem Gewimmel stapeln sich in der Saison täglich die Motorräder. „Einige Verrückte kommen auch im Winter,“ berichtet Hotelchef Harry Meinel. Seit 2002 betreibt er das Fichtelberghaus mit seiner Familie. Während Sohn Dirk und Tochter Isa in ihre Rollen als Küchenchef und Hotel­managerin hineingewachsen sind, waren Harry und Ria klassische Quereinsteiger. „Wer nichts wird, wird Wirt“, sagt der einstige Buchhalter, der einige Zeit lang Theologie studiert hat, schulterzuckend.

Dort, wo jetzt das Berghotel steht, soll es schon um das Jahr 1600 ein Lust- und Jagdhaus gegeben haben. Mitte des 19. Jahrhunderts folgte ein hölzerner Aussichts­turm, später ein steinerner Aussichtsturm mit Wanderhütte. Die Anlage wurde immer wieder erweitert, um dem Ansturm von Naturfreunden gerecht zu werden. Überlieferungen zufolge fühlte sich auch der letzte Sachsenkönig August III auf dem „Dach Sachsens“ sauwohl. Die meisten Gipfelherbergen des Erzgebirges schauen auf eine ähnlich bewegte Geschichte zurück. Familie Meinel hat sich auf die Fahne geschrieben, dieses Erbe zu pflegen. 

Artenvielfalt: Auch seltene Gattungen scharen sich gern auf dem Fichtelberg

Ihr Bergrestaurant „Erzgebirgsstuben“ und das Restaurant „Das Guck“ im Obergeschoss kommen so gut an, dass Harry die Besucher an manchen Tagen nur einzeln einlassen kann, weil der Gaststätte die Sitzplätze ausgehen.
Obwohl die Küche des Hauses mit erzgebirgischen Leckereien und pfiffigen Kreationen eine Menge zu bieten hat, mögen es die meisten Motorradfahrer eher schlicht: kräftige Suppen, Wurst, Kuchen oder Eis sind der Renner. „Motorradfahrer parken bei uns direkt vor dem Haus und sitzen am liebsten auf den Terrassen an der Südseite des Hauses. Von da hat man einen tollen Blick auf die Motorräder und über die Landschaft“, schwärmt der 67 Jahre alte Hausherr.
Er ist bis vor zwei Jahren selbst Harley gefahren und weiß genau, wie seine liebste Klien­tel tickt. Harrys Tipp: Ein Aufstieg auf den Aussichtsturm des Fichtelberghauses. Der setzt dem Ausflug in luftige Höhen mit einem atemberaubenden Panoramablick auf Oberwiesenthal, das tschechische Erzgebirge und das böhmische Becken die Krone auf.

von Sophie Leistner, Fotos: Sophie Leistner

Der Artikel erschien in MOTORRAD NEWS-Ausgabe 3/2019

Zur Sache

Treff: Hotel Fichtelberghaus, Fichtelbergstraße 8, 09484 Kurort Oberwiesenthal, 037348/1230 und www.hotel-fichtelberghaus.de. Mit Einzel-, Doppelzimmern und Suiten, zwei Restaurants und Imbiss für Frischluftfanatiker.
Hotel Sachsenbaude, Fichtelbergstraße 4, 09484 Oberwiesenthal, 037348/1390 und www.motorradparadies-erzgebirge.de. Mit Suiten und Doppelzimmern, zwei Restaurants und Wellness-Landschaft.
Zeiten: Das Restaurant im Fichtelberghaus ist täglich zehn bis 21 Uhr geöffnet, der Aussichtsturm mit einer Ausstellung über Erzgebirgs­panoramen von sieben bis 22 Uhr. Die „Loipenklause“ in der Sachsenbaude ist Montag bis Freitag zwölf bis 21.30 Uhr, am Wochenende und an Feiertagen schon ab elf Uhr geöffnet.
Wer: Für Motorradfahrer aus der Umgebung ist die Stippvisite auf dem Berg auf der Feierabendtour obligatorisch. Doch weil die Gegend kurvige und kulturelle Schmankerl für Motorradfahrer bereit hält, begegnet man alle naselang Kennzeichen aus ganz Deutschland und Europa.
Ringsherum: Den Fichtelberg und seine Motorrad-Treffs nur als Tourstation einzuplanen, wäre ein Frevel. In alle Himmelsrichtungen warten kur­vige Strecken, Schlösser, Burgen und Museen. Man kann intensive Fahrstunden mit den Besuchen traditions­reicher Orte der Motorradgeschichte verknüpfen. Eine halbe Stunde sind es bis zum Bikertreff Ehrenzipfel und nach Zschopau, das mit einer Motorrad-Ausstellung auf Schloss Wild­eck lockt. Das Motorradmuseum im Schloss Augustusburg, das Horch-Museum in Zwick­au und der tradi­tionsreiche Sachsenring liegen eine Fahrstunde entfernt.

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