Henri Kretschmer aus Bochum-Wattenscheid wollte nach der Schule, aber vor dem Berufsleben, ein bisschen rumkommen. Er kaufte eine alte XT 600 E und fuhr fast unvorbereitet los. Ohne Hightech-Ausrüstung, ohne Blogger-Allüren, ohne großes TamTam, ging Henri auf große Fahrt.

Von: Sophie Leistner, Fotos: Sophie Leistner(1), Henri Kretschmer

„Ich wollte die Zeit nach dem Abitur einfach nutzen. Mir war klar, dass ich in meinem Leben noch genug lernen und arbeiten werde“, so der heute 20-Jährige. Also plant Henri drauflos, malocht neben dem Abitur auf dem Bau, spart sich eine 1993er XT 600 zusammen. Ein halbes Jahr danach verschifft der 18-Jährige seine mit den Unterschriften von Freunden geschmückte XT nach Singapur.
Die Bombe ließ er erst beim Telefonat mit seinen Eltern aus Südostasien platzen: Henri kommt mit der XT auf dem Landweg nach Hause. Und dann fährt er einfach los. Mit anderthalb Jahren Fahrpraxis auf einer 125er, mit einfacher Ausrüstung.
Papa Friedhelm fieberte insgeheim mit seinem Sohn mit. Denn in jungen Jahren ist er selbst mit einer XT durch die Weltgeschichte getingelt. Statt wie geplant in Singapur zu starten, muss Henri die XT wegen einer Gesetzesänderung weiter nach Malaysia verschiffen. „Da hatte ich ganz schön Muffensausen und wollte fast schon abbrechen.“

Aussichten und Einsichten: Auf der Fahrt war meist Lowbudget-Camping angesagt.

Doch Henri wurschtelt sich durch, die überwundene Hürde sorgt für einen Perspektivwechsel: „Von da an bin ich alles viel entspannter angegangen.“
Seine Route: Thailand, Laos, Vietnam, Kambodscha, Myanmar, Bangladesch, Indien, Pakistan, Iran, Armenien, Georgien, Türkei, Griechenland, Mazedonien, Albanien, Montenegro, Bosnien, Kroatien, Slowenien, Österreich. Einziger Luxus: In Malaysia erfüllt er sich den Traum vom Tauchschein. Langweilig wird es nicht, ein Höhepunkt jagt den nächsten. Es sind die Gegensätze, die den jungen Globetrotter nachhaltig beeindrucken.

Die Reise schärft bei Henri das Bewusstsein dafür, Selbstverständlichkeiten wie das heiße Wasser aus der Dusche und den manchmal lästigen deutschen Ordnungswahn mehr wertzuschätzen.

Familienbande: Eine Zeit lang fuhr Henris Vater mit.

Obwohl er vor der Reise nicht viel von Motorrädern wusste, erweist sich Henris Wahl als goldrichtig. Seine Kickstarter-XT mit ihrer einfachen Technik ließ ihn nicht im Stich. Zehn Monate, 47 000 Kilometer und 22 Länder später kehrt der inzwischen 19-Jährige im Sommer 2019 mit mehr Erfahrungen und verwirklichten Träumen heim, als mancher in seinem ganzen Leben zusammen bekommt.
Teilen: