Auf Basis der gar nicht mal so guten Street 750 stellt Harley nun einen Roadster namens Street Rod auf die Räder. Ist der zweite Anlauf Made in India wieder so ein Krapfen?

Von Till Ferges, Fotos Frank Ratering

Als Harley vor drei Jahren die Street 750 vorstellte, grölten die HOG-Member. Obenliegende Nockenwellen, Wasserkühlung, Produktion in Indien – das lässt den graubärtigen Harley-Fan lila anlaufen. Aber auch ohne Markenbrille war hierzulande nicht viel zu holen. Denn die Street bremst schlecht, fährt kippelig, ist mäßig verarbeitet und man sitzt eher unbequem.

Trotzdem: In Ländern wie Indien und Australien beispielsweise verkauft sich die 750er richtig gut, über 35000 Stück konnte Harley bislang an den Mann bringen. Wohl auch, weil man nicht günstiger an das legendäre Markenlogo auf dem Tank kommt.

Nun der zweite Anlauf, nach ausgiebiger Marktforschung. Mehr Power wünschten sich die Kunden, Alltagstauglichkeit, Agilität, natürlich Style und die Möglichkeit zur Personalisierung. Also eigentlich alles. Rausgekommen ist die Street Rod, eine Art Mittelklasse-Custom-Roadster mit wirklich cooler Hooligan-Optik und einem Einstiegspreis von 8465 Euro. Dabei ist sie eines der wenigen Motorräder, die mit Fahrer an Bord mindestens so gut aussehen wie ohne.

Motor und Rahmen stammen von der Street 750, doch die Modifikationen fangen schon beim Antrieb an. Statt 58 drückt der Revolution X 750 getaufte Twin 71 PS bei 9000 Touren. Es gibt eine schluckfreudige Upside-Down-Gabel, eine längere Schwinge, Stereofederbeine mit Ausgleichsbehälter und immerhin 117 Millimeter Federweg, sportlichere Geometrie, mehr Boden- und Schräglagenfreiheit.

Vorne ankern nun zwei Zweikolbensättel mit 300-Millimeter-Scheiben und vor allem ABS. Die Räder haben jetzt 17-Zoll-Standardgrößen, während die Street auf exotischen 100/80 R 17 vorne und 140/75 R 15 hinten rumeierte. Das ist auch mit Hinblick auf die auf Laufleistung optimierte OEM-Bereifung beruhigend, man kann bei Bedarf einfach gripstarkes Gummi nachrüsten.

Im Vergleich zur Street 750 ist der Sitz der Street Rod zwar um rund zehn Zentimeter höher. Die Sitzhöhe bleibt mit 765 Millimetern aber niedrig, die Rasten wanderten ein wenig nach hinten.

Womit wir auch gleich beim unrühmlichsten Kapitel wären: Das indische Eisen wurde offenbar von Yogis mitentwickelt. Der Köper ist aufrecht und man kann den etwas weit vorne liegenden Dragbar noch gut greifen, Knie und Hüfte werden bei meinen 1,83 Meter allerdings derbe gefaltet. Das ist einfach der Kombination aus flachem Sitz und großer Bodenfreiheit geschuldet, die Rasten müssen halt irgendwo dazwischen Platz finden. Kleine Fahrer fühlen sich wohler, alle anderen sollten täglich den Sonnengruß üben. Doch der menschliche Körper ist ein Wunderwerk und nach ein paar Minuten werden die Schmerzen weniger.

Es geht auf die genialen Landstraßen Andalusiens, rund um die Provinz Malaga. Hier ist es meist eng und winklig, zeitweise aber auch weitläufig und wirklich schnell. Die Asphaltqualität schwankt zwischen Berlin-Friedrichshain bis makellos, ein erstklassiges Testgebiet.

Und wer jetzt ans Cruisen denkt, der wird enttäuscht. Schon in der dritten Kehre schranzen die Angstnippel, wobei nicht mangelnde Schräglagenfreiheit der Street Rod die Ursache ist. Denn die ist für so einen kleinen Power-Cruiser völlig akzeptabel, die Reifen des 238-Kilo-Bikes lassen sich bis auf die Kante fahren.

Vielmehr lockt der Übermut – wenn man sich einmal mit der Sitzposition arrangiert hat, biegt die Harley dank niedrigen Schwerpunkts kinderleicht um die Ecke. Das Handling mit 17-Zöllern und fünf Grad steiler stehender Gabel ist super-fluffig. Und im Gegensatz zur Street 750 verhält sich die Street Rod dabei wie ein echtes Motorrad: Sie fährt zielgenau durch die Ecken, lässt sich sauber auf Kurs halten. Dabei ist der Federkomfort gut, sportlich-straffer muss es in die dieser Klasse nicht sein. Die Doppelscheibenbremse ankert nicht aggressiv, aber kräftig und zeigt allenfalls im Tiefflug leichtes Fading.

Gut, Supersport ist das hier alles nicht. Aber es reicht locker, um einen wirklich zügigen Strich in die Landschaft zu brennen – die Street Rod dürfte die sportlichste Harley seit der XR 1200 X sein. Während der Tourguide also auf seiner mehrere Tausender teureren Sportster Forty-Eight um die Ecken schraddelt, hat die Street Rod spürbar mehr Reserven.

Als Bonus gibt’s eine nette und vor allem alltagstaugliche Motorcharakteristik, die allerdings ähnlich viel Harley-Spirit versprüht wie ein Reihenzweier. Der Motor hat ein gesundes Maß an Schwungmasse, geht warmgefahren sauber ans Gas. Er zieht gleichmäßig und kräftig durch, klingt dabei schön füllig. Ab der Drehzahlmitte gibt’s kleinteilige Vibrationen, die man aber dank der sehr langen Übersetzung im Cruising-Modus bequem umgehen kann – einfach den Sechsten rein. Meist rollt man also entspannt mit 3000 bis 4500 Touren herum. Und spürt dann erst beim Zwischensprint, dass der Revolution X locker doppelt so hoch drehen kann. Ein breitbandiger Twin, ideal für Alltag und Tour.

Wie sieht’s aus mit der Qualität? Die groben Schweißnähte am Tank und ein paar hässliche Muttern würden bei den Schwestern aus Milwaukee wahrscheinlich nicht durch die Endkontrolle gehen. Den nicht einstellbaren Bremshebel oder die nicht selbsttätig herunterklappenden Fußrasten dagegen, das kennt man auch von anderen Harleys. Auf der anderen Seite ist die Verarbeitung im Vergleich zur letzten Street 750, die in der Redaktion zu Gast war, deutlich besser geworden. Speziell der grüne Lack, die schicke Lampenverkleidung, die aufwändigen Felgen, die feinen Lenkerenden-Spiegel sehen sogar durchaus edel aus, eine Alarmanlage ist auch an Bord.

Ob sich die 980 Euro Aufpreis gegenüber der Street 750 rechtfertigen lassen? Ganz klar. Die Street Rod ist das ausgereiftere Motorrad, fährt um Längen harmonischer und macht deshalb auch viel mehr Laune. Wer hier noch zur Standard-Street greift, der hat entweder keine Probefahrt gemacht, will einfach nur irgendein Harley-Logo in der Garage stehen haben oder muss tatsächlich extrem knapp kalkulieren – Sinn macht die Street 750 nun eigentlich nicht mehr. Das haben graubärtige HOG-Member natürlich schon immer so gesehen. Aber für die sind die Einsteiger-Harleys aus Indien nun mal nicht gedacht.

Fazit:

Eine Street 750 verbessern? Das kann nicht schwer sein, schließlich war die erste Indien-Harley wahrlich kein Meisterwerk. Und wirklich, die Street Rod funktioniert trotz gleicher Basis viel besser, kostet nur wenig mehr – und wird damit zu einem brauchbaren Landstraßen- und Alltags-Motorrad. Trotzdem gibt’s auch hier noch genug Raum für Optimierungen, speziell die Ergonomie ist für größere Fahrer ein Ausschlussgrund.