Große Triebwerke und lange Ausstattungslisten: Harley-Davidson packt in der Touring-Baureihe für 2019 noch mal was drauf. NEWS brummelte mit den Großgleitern entlang der Algarve.

Angrillen in Milwaukee: Gilt die Cheeseburger-Regel „bigger is better“ eigentlich auch für Motoren? Die Küchenchefs von Harley scheinen das so zu sehen und legten für die diesjährigen Touring-Modelle noch ein paar saftige Sieben-Kubikzoll-Buletten auf den Rost. Jeweils einen dieser Kraftspender reichten sie an Road King Special, Street Glide Special, Road Glide Special sowie Ultra, Ultra Limited und Ultra Limited Low. Sie lassen deren Milwaukee Eight-V2 auf 114 Kubikzoll Hubraum anwachsen – das entspricht satten 1868 Kubikzentimetern.
Obwohl die Harley-Tourer ohne „Special“ oder „Ultra“ im Namen mit dem Milwaukee- Eight 107 (1745 Kubik) auch nicht vom Fleisch fallen, kann noch ein Rippchen mehr Hubraum, Drehmoment und Leistung kaum schaden. Immerhin haben wir es hier mit der Schwergewichtsklasse zu tun.

Großherzig: Der Milwaukee-Eight mit massigen 114 Kubikzoll

Der 114er Motor ist keine Neuentwicklung, seit letztem Jahr brummt er auch in einigen Softail-Modellen. Identisch sind die Triebwerke jedoch nicht: Harley hat die Softail-Twins fest im Rahmen verschraubt, um das Chassis verwindungssteifer zu gestalten. Bei den Tourern griffen die Ingenieure auf Silentlagerungen zurück. Damit der Komfort nicht in Langeweile umschlägt, begnügen sich die Touring-Modelle mit einer Ausgleichswelle, in den Softails rotieren derer zwei.
Bei den Ultras kühlen nicht nur Schmierstoff und Fahrtwind die Zylinderköpfe, sondern ein zusätzlicher, in den Beinschildern versteckter Wasserkreislauf. Hüben wie drüben lassen die Milwaukee-Eights die Mundwinkel nach oben zucken, wummern schnöde Gedanken an alltäglichen Stress einfach ins Nirvana.

Harley-Davidson Road Glide Special 114

Für Kraftschluss zum Sechsgang-Schaltgetriebe – das übrigens trotz derber mechanischer Geräusche sehr präzise fluppt – ist eine Ölbadkupplung mit zehn Scheiben zuständig. Ein fettes Paket. Klar, es muss ja mit der grunzigen Kraftentfaltung des großen Achtventilers dauerhaft klarkommen. Das macht auch die Handkräfte plausibel.
Stichwort grunzig: Der Auspuffklang gerät angenehm rund und satt. Nach außen hin blubbern die zwei Endrohre eindeutig als Harley erkennbar unter den Koffern hervor. Der Schallpegel wirkt aber nachbarschaftsfreundlicher als bei manchen Euro-Bikes.
Die Fahrerohren haben so noch vollen Empfang für die Bordunterhaltung. Die zwei Standard-Boxen leisten je 25 Watt, das reicht bis zur Autobahnrichtgeschwindigkeit. Wer mehr Power will, kann werksseitig aufrüsten: Die CVO-Sondermodelle verteilen bis zu 900 Watt auf acht Boxen.

In jedem Fall hängen die Lautsprecher an einer zentralen Einheit mit hochauflösendem 6,5-Zoll-TFT. „Boom! Box GTS“ nennt sich das System, das mit Ausnahme der unverkleideten Road Kings serienmäßig in fast allen Tourer-Cockpits prangt.
Im Startbildschirm warten drei Felder für Musik, Navi mit Routenpräferenz und Telefon. Angenehm, denn egal in welchem Untermenü man sich verfranzt hat, per Häuschen-Taste am Lenker kommt man immer wieder zurück zu den Grundfunktionen. Tiefer in der per Touchscreen oder Joystick steuerbaren Struktur findet man einen prall­vollen Kessel an Einstellungsmöglichkeiten und Infos:

Radioempfang über Antenne oder digital, Musik vom Smartphone per Kabel oder Kurzwellenfunk sowie Fahrzeugdaten wie Restreichweite oder Serviceintervall. In Verbindung mit einem aufpreispflichtigen Modul und dazu passendem Harley-Headset mit Technik von Sena darf man sogar verbale Kommandos geben oder sich in Apples Infotainment-Lösung „Car Play“ austoben.
Der Prozessor scheint seinen Aufgaben gewachsen, denn das System arbeitet flüssig. Der Touchscreen reagiert mit Handschuhen prompt und das Bild wirkt selbst im gleißenden Sonnenlicht des portugiesischen Frühjahrs nie zu blass. Bei dieser Technik scheinen die urigen Ami-Eisen ganz vorne mitzuspielen.

Lichte Fichte: Die Electra Glide Standard setzt bewusst auf reduzierte Ausstattung

Wem das jetzt zu viel Spielkram war, dem verspricht Harley ein weiteres mundgerechtes Häppchen. Die Electra Glide Standard kommt mit „Handschuhfach“ statt Bildschirm in der Batwing-Verkleidung, Solositz, Spiegeln am Lenker und 107er- Milwaukee-Eight. Sie kostet mit 24 895 Euro fast zwei tausend Euro weniger als die identisch motorisierte Street Glide. Und lässt damit vielleicht noch etwas Budget für eigenes Grillgut.

Modellpolitik der ruhigen Hand: Statt die Touring-Welt in Trümmer zu schlagen und neu aufzubauen, bleiben die Milwaukee-Jungs entspannt. Die größeren Motoren für die auf Hot Rod getrimmten Special-Modelle und die massigen Ultras sind ein feiner Zug, aber keine Revolution. Das Infotainment jedoch bewegt sich auf dem Stand aktueller Business-Limousinen – und damit im Motorradmarkt ganz vorne.

Harley-Davidson Ultra Limited 114

Technik HD Street Glide Special 114
Bauart: Zweizylinder-V, luft/ölgekühlt, vier Ventile pro Zylinder
Hubraum: 1868 Kubikzentimeter
Leistung: 66 kW (90 PS) bei 5020 U/min
Drehmoment: 163 Nm bei 3000 U/min
Reifen v/h: 130/60-19 / 180/65-16
Bremsen v/h: 300-mm-Doppelscheibe mit Zweikolben-Schwimmsätteln / 260-mm-Scheibe mit Zweikolben-Festsattel
Tankinhalt: 22,7 Liter
Leergewicht: 379 Kilogramm
Sitzhöhe: 685 Millimeter
Preis zzgl. Nk: ab 27995 Euro
(Herstellerangaben)

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