100 neue Modelle in zehn Jahren – so die vollmundige Ankündigung aus Milwaukee. NEWS tauchte an der kroatischen Adriaküste mit der Sportster Forty-Eight Special und der Iron 1200 in die Modellflut ein.

„Was für ein Klopper“, ist mein erster Gedanke, als ich den Katalog mit Harley-Umbauteilen und Zubehör auf dem Hotelzimmer finde. Über 1000 Seiten stark, 1,8 Kilo schwer – und da sind die diversen Bekleidungskollektionen noch nicht mal drin. Wer zu faul ist, sich auf der Suche nach dem eigenen Style durch den Papierhaufen zu ackern, kann aber Hoffnung schöpfen: Harley fand für die zwei neuen Sportster-Modelle Forty-Eight Special und Iron 1200 Inspiration in der Custom-Szene.

Die Forty-Eight Special setzt sich mit einem mittelhohen Apehanger und mehr ver­chrom­ten Abdeckungen von ihrer Standard- Schwester ab. Der „Tallboy-Lenker“ entspannt das Klappmesser zwischen vorne angebrach­ten Fußrasten und flacher Lenkstange der Standard-Forty etwas. So bleibt mehr Raum für mittägliche Schlemmereien. Außerdem ziert ein Seventies-Dekor in Rot, Schwarz oder Weiß den Special-Tank.

Gar nicht so viele Unterschiede, mag man meinen. Stimmt, aber Harley sieht die Special als Variante und nicht als Upgrade. Das lässt sich auch auf die Preise übersetzen, denn die Forty-Eights sind mit jeweils 12 195 Euro Listenpreis gleich teuer.

Anders die Iron 1200. Sie kostet mit 10 995 Euro gegenüber der Iron 883 einen überschaubaren Aufpreis von 330 Euro. Dafür bietet sie erheblich mehr im Maschinenraum: Zwischen ihren Rahmenrohren wummert der gleiche Evolution-Twin in der 1202-Kubik- Ausführung wie in der Forty-Eight Special. Eine nostalgisch-kernige, aber bewährte Konstruktion, die Harley seit Mitte der Achtziger immer wieder sanft modernisiert.

Auch Rahmen, Schwinge und Hinterradfederung sowie Bremsen sind identisch. Beim Gewicht herrscht ebenfalls Gleichstand. Wesent­liche Unterschiede gibt es dagegen bei Gabel, Lenker, Sitz, Fußrastenposition und Rad/Reifen-Kombina­tionen sowie dem Tank­inhalt.

Auf den ersten Blick ähneln sich die Lenker. Nimmt man Platz, stellt sich das als trügerisch heraus: Das Gehörn der Iron neigt sich dem Fahrer zu. Durch den weiteren Schwung der Rohre nehmen die Vibrationen in den Griffen allerdings spürbar zu. Der Rücken wandert etwas weiter nach hinten als auf der Forty-Eight. Zusammen mit den mittig montierten Fußrasten ergibt das eine gemütliche Chopper-Position. Das meinten die Marketing-Leute wohl mit dem Schlagwort „Westcoast-Style“.

Etwas Fantasie vorausgesetzt, bekommt die Küstenstraße „Jadranska Magistrala“ in der Nachmittagssonne tatsächlich einen Hauch von 101. Die Lampenmaske fügt sich prächtig in dieses Kalifornien-Bild ein und spendet etwas Windschutz. Dazu brummt der Evo-Twin gemütlich vor sich hin, zeigt zwischen 2500 und 3500 Touren gute Manieren. Hohe Drehzahlen lässt man freiwillig bleiben. Vom Geräusch aus der rechtsseitigen Abgasanlage hat die Außenwelt mehr als der Fahrer. Der muss sich mit dem deutlich hörbaren Ventiltrieb anfreunden.

Alter Wemser: Der Evo ist im Harley-Regal eine feste Größe

Während der Bobber auf einem fetten 130er-Vorderreifen daherwalzt, tänzelt die Iron im direkten Vergleich über ihren drei Zentimeter schmaleren Pneu leichtfüßiger in die Serpentinen hinter Split. Das ändert sich bei höherem Tempo – dann fühlt sich der 16- Zöller etwas agiler an.

Auch die Führungsetage ist verschieden korpulent: Die Unterschiede in Ansprechverhalten und Komfort zwischen der feisten 49-Millimeter-Gabel und den 39er-Röhrchen an der Iron fühlen sich jedoch marginal an. Beide sind komfortabel abgestimmt und verwursteln Bodenwellen zufriedenstellend, die hinteren Federbeine reichen allerdings schnelle kurze Schläge nach oben durch.

Dazu bleibt sich Harley in Sachen Schräglagenfreiheit treu. Rennfahrer-Instinkten auf Serpentinenstraßen schieben die tiefen Fußrasten beider Motorräder einen Riegel vor. Kurz nach dem Kreischen der Nippel setzt rechtsrum auch der untere Endtopf auf und hebelt am Hinterrad. Spätestens hier muss man einsehen, dass Amerikaner eine andere Auffassung vom Begriff „Sport“ kultivieren als der typische Mitteleuropäer.

Streifenhörnchen: Die Tanks tragen frische Retro-Graphics

Sons of Customszene: Die Lampenmaske liegt im Trend

In der Pause spielen die Sportys dann ihre Trümpfe aus. Wir haben noch nicht die Handschuhe ausgezogen, da posiert die hübsche Kellnerin des Cafés schon auf dem Milwaukee-Stahl und lässt sich von ihren sichtlich angetanen Kollegen ablichten. Die Motorräder sind weder die schnellsten noch die bequemsten, aber einfach cool. Schade nur, dass die Thekendame zuhause bleiben muss: Ab Werk kommen die Sportys als Einsitzer.

Abends sitze ich mit PR-Manager Nik Ellwood am Strand und erzähle ihm von diesem Erlebnis und wie schön die Lampenmaske der Iron an der Forty-Eight Special aussähe. „Na, dann schau doch noch mal in deinen Katalog“, grinst der Pressemann

Fazit

Mit der Sportster Forty-Eight Special und der Sportster Iron 1200 präsentiert Harley keine Revolutionen. Bewährtes neu abgemischt und mit ein paar frischen Akzenten versehen, weiß aber durchaus zu gefallen. Und der Preis der Iron dürfte für Zufluss in den HOG-Chaptern sorgen.

Technische Daten: Sportster Forty-Eight Special (Iron 1200)

Motor: Zweizylinder-Viertakt-V, luftgekühlt, Fünfganggetriebe, E-Starter, Zahnriemen

Hubraum: 1203 Kubikzentimeter

Leistung: 49 kW (67 PS) bei 6000 U/min

Drehmoment: 96 Nm bei 3500 U/min

Bremse v/h: 300-mm-Scheibe mit Zweikolben-Schwimmsattel / 260-mm-Scheibe mit Zweikolben-Festsattel

Federweg v/h: 91 mm (92mm) / 41 mm

Reifen v/h: 130/90 B16 (100/90 B16) / 150/80 B16

Sitzhöhe: 710 mm (735 mm)

Tankinhalt: 7,9 l (12,5 l)

Leergewicht: 256 kg

Inspektionsintervalle: 8000 km

Preis zzgl. NK: 12195 Euro (10995 Euro)