Hängepartie: Südwestthüringen

Heiter bis Wolkenbruch: Von unsicheren Wetterprognosen hin- und hergerissen, erkundet der lange Frank historische Stätten im Werratal und in den Ausläufern von Rhön und Thüringer Wald.

von Frank Sachau (Text & Fotos)

Aussichtslos! Und das im wahrsten Sinne des Wortes: Eine Tour hinauf zum reizvollen Hochrhönring oder dem panoramenreichen Rennsteig im Thüringer Wald, beide bequem vom Bio-Hotel Sturm erreichbar, kann ich mir heute abschminken. Tiefhängende Wolken hüllen die umliegenden Mittelgebirge in tristes Grau. Da wähle ich doch lieber die goldene Mitte, das Werratal, das die Höhenzüge gleichzeitig trennt und verbindet. Durch eine breite Lücke in Mellrichstadts alter Befestigungsmauer beschleunige ich meine GS in Richtung Meiningen. Nach wenigen Kilometern erinnert ein alter Wachturm an die ehemalige innerdeutsche Grenze, die bis 1989 im hügeligen Niemandsland zwischen dem unterfränkischen Eussenhausen und dem thüringischen Henneberg verlief. Ich bin so frei und verlasse dort die breite B 19, um die Vordere Rhön zu erkunden. Regennasser Asphalt führt mich an Äckern und Wiesen vorbei, in den verschlafenen Orten riecht es nach Braunkohlebriketts. Rund um den 751 Meter hohen Gebaberg treffe ich auf Biegungen jeglicher Couleur, bevor ich von Oberkatz an den östlichen Hängen der Rhön ins Werratal hinabschwinge. Der Fluss entspringt nicht weit entfernt im Thüringer Schiefergebirge, schlängelt sich durch Nordhessen, vereinigt sich dann im niedersächsischen Hannoversch Münden mit der Fulda und lässt dadurch die Weser entstehen. Eine Brücke geleitet mich trockenen Fußes ins Zentrum von Wasungen. Dort sprudelt ein Narrenbrunnen lustig vor sich hin und unterstreicht den Titel „Stadt der fünf Jahreszeiten“, denn der Ort zählt zu Deutschlands Faschingshochburgen. Weil ich als kühler Norddeutscher mit dem Karneval nichts anfangen kann, treibe ich meinen Bayern-Boxer schon bald strom­aufwärts nach Meiningen und statte dort dem Schloss Elisabethenburg und seinen Museumsräumen einen Besuch ab. Erbaut im 17. Jahrhundert, umrahmen ausgedehnte Parkanlagen die ehemalige Residenz der Herzöge von Sachsen-Meiningen, die bis an die Werra reichen. Nach prüfenden Blicken in den Himmel und die Straßenkarte entscheide ich mich für eine Tour entlang der westlichen Ausläufer des Thüringer Waldes. Voller Optimismus verabschiede ich mich vom Wasser­lauf und steuere den Weiler Rohr an, um von dort auf halber Höhe nordwärts zu streben. Sattes Grün drängt bis an den grauen Teer vor und begleitet mich bis Herges, wo ich in das Tal der Stille einbiege, das nicht wirklich lautlos daherkommt. Ein leise plätschernder Bach ist namensgebend und weicht bis zum Altmarkt in Schmalkalden nicht von meiner Seite. Als ich prächtigen Fachwerkbauten rund um den historischen Ortskern bestaune, melden sich plötzlich Erinnerungen an meinen längst vergangenen Geschichtsunterricht: Die vom Theologen Martin Luther ins Leben gerufene Reformation fand nicht nur bei der ausgebeuteten Bevölkerung zahlreiche Anhänger, sondern auch bei liberal eingestellten Adligen. Protestantische Fürsten schlossen sich 1531 zum Schmalkaldischen Bund zusammen, um dem mächtigen Heer des vom Papst unterstützten katholischen Kaisers Karl V. die Stirn zu bieten. Der Kampf um den rechten Glauben tobte zwei Jahre und endete mit der militärischen Niederlage der Reformer.

Als Marketing noch unbekannt war: Der Trusetaler Wasserfall wurde 1865 künstlich angelegt

Völlig durchgedreht: Die ergiebigen Niederschläge lassen das Wasserrad der ehemaligen Streumühle in Mellrichstadt kräftig rotieren

Hoffnungsschimmer: Sonnenstrahlen erhellen den historischen Marktplatz der Fachwerk- und Reformationsstadt Schmalkalden

Für einen kurzen Moment blinzelt die Sonne durchs tiefhängende Grau, reißt mich aus meinen Gedanken und lässt Hoff­nung auf Wetterbesserung keimen. Wieder im Sattel, folge ich der nächstbesten Ausschilderung nach Trusetal, als jemand das Licht ausschaltet: Mit einer gesunden Mischung aus Vorsicht und Vortrieb taste ich mich durch unzählige blinde Kurven und bin heilfroh, als mich der ausgedehnte Forst kurz vor Trusetal entlässt. Der nahe Wasserfall wurde 1865, als Marketing noch unbekannt war, von cleveren Geschäftsleuten künstlich angelegt, um Reisende anzulocken. Zur gleichen Zeit stieg die High-Society im benachbarten Kurort Bad Liebenstein ab, trank tagsüber Heilwasser und abends Champagner. Wie­der an den Wassern der Werra angelangt, umfahre ich Bad Salzungen, das seinen Reich­tum der mittelalterlichen Salzgewinnung verdankt, und erreiche Vacha, die bunte Stadt vor der Rhön. Hier reizt mich ein Abstecher zur im 14. Jahrhundert errichteten steinernen Bogen­brücke, die mit der Teilung beider deutscher Staaten im Grenzgebiet lag und ungenutzt blieb. Mit der Wiedervereinigung 1990 über­nahm der betagte Werraübergang wie­der seine ursprüngliche Aufgabe und erhielt zusätzlich den Namen „Brücke der Einheit“. Dunkle Wolken und erste Tropfen mahnen zum Aufbruch. 60 Kilometer bis Mellrichstadt! Der Regen wird stärker. In der Rhön schüttet es wie aus Eimern. Trotzdem: Locker bleiben und ein Liedchen trällern. Auf meiner Hitliste ganz oben steht der Klassiker „I‘m singing in the rain“. Und die Aussicht auf einen Saunagang und das Vier- Gänge-Menü stimmt mich heiter. Übrigens: Als Hängepartie wird eine abgebrochene Schachpartie bezeichnet, die später fortgesetzt werden soll. Ich komme wieder, bei Sonnenschein!

Hoteltipp

Bio-Hotel Sturm

Im liebevoll geführten Haus von Matthias und Christa Schulze Dieckhoff beginnt und endet ein Fahrtag, wie man es sich als anspruchsvoller Gast nur wünschen kann: Komfortable Zimmer; ein aufmerksamer, aber unaufdringlicher Service; eine ausgezeichnete, kreative Bio-Küche; der große schattige Garten mit dem Schwimmteich und eine Wohlfühlecke für das Motorrad. Das Doppelzimmer mit Frühstück 180 Euro.

Ignaz-Reder-Straße 3
97638 Mellrichstadt
Fon 09776 / 8180-0
www.hotel-sturm.com

Reise Info

Streckenlänge: 220 Kilometer
Dauer der Tour: Tagestour
Allgemeines: Die Rhön ist vulkanischen Ursprungs und erstreckt sich von der Werra im Norden bis an die Fränkische Saale im Süden über rund 80 Kilometer, von der Stadt Fulda im Westen bis nach Mellrichstadt im Osten über rund 50 Kilometer und verteilt sich auf die drei Bundesländer Bayern, Hessen und Thüringen. Das grüne Herz Deutschlands, der Thüringer Wald, dehnt sich östlich der Werra über 150 Kilometer Länge aus. Von unzähligen Tälern und dunklen Stauseen durchzogen, erreicht das waldreiche Terrain Höhen von bis zu 900 Metern. Die Regionen verfügen über ein dichtes Straßennetz, das zum Motorradwandern einlädt, wobei große Höhenunterschiede und steile Ortsdurchfahrten gemeistert werden müssen. Die Belagqualitäten und Fahrbahnbreiten sind sehr unterschiedlich.

Code einfach eingeben auf
www.motorrad.net/aktuelles/touren

Anreise: Im Westen wird die Rhön von der A 7 tangiert, zahlreiche gut ausgebaute Bundesstraßen führen in das Herz des Mittelgebirges. Im Osten verläuft die A 71, von dort ist das Hotel bequem über die Anschlussstelle Mellrichstadt zu erreichen.
Reisezeit: Mai bis in den Oktober
Literatur: Rudolf Geisel „Cruisen im Herzen Deutschlands“ – sieben Motorradtouren für Entdecker und Genießer in Rhön, Vogelsberg, Knüll, Spessart und Thüringer Wald. 150 Seiten, zahlreiche Farbfotos und Straßenkarten. Parzellers Buchverlag, Fulda, 12,90 Euro.
Karten: ADAC Kartenset Deutschland 2018/19. Zehn Doppelblätter im Set von MairDumont. Maßstab 1:200 000. Im Buchhandel oder über www.adac.de, 14,99 Euro.
Informationen: Werratal Touristik e.V., Kirchplatz 2, 36433 Bad Salzungen, www.werratal.de
Museum: Schloss Elisabethenburg, Schlossplatz 1, 98617 Meiningen, www.meiningermuseen.de. Dienstag bis Sonntag von zehn bis 18 Uhr geöffnet, Eintritt ab 4,50 Euro.Museum: Porta Nigra, Simeonstraße 60, 54290 Trier, www.trier-info.de, April – September täglich von 9 – 18 Uhr geöffnet, Eintritt 4 Euro

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