Irgendwann ist man irgendwie schon überall gewesen. Dann bleibt nur noch eins: Gezielt in Gegenden zu fahren, die man bisher aus gutem Grund links liegen gelassen hat. Mit einer wilden Mischung aus Schottland, Alpen und Atlantik zeigt Nordspanien, wie viel Erfrischendes es in Europa  noch zu entdecken gibt.

Urlaub von Anfang an. Aus irgendeinem vergessenen Hirnwinkel spült mir der alte Bahn-Slogan ins Bewusstsein, während ich halb aus einem Autofenster hänge und der Biarritzer Bevölkerung beim Einkaufen zusehe. Nordspanien ist bekanntlich ruckzuck erreicht. Freitagnachmittag schnell die Mopeds auf einen Anhänger, mit Volldampf über französische Schnellstraßen, und pünktlich zur Café-Croissant-Zeit parken wir die Karre vor San-Sebastian und atmen Atlantikluft. So weit der Plan. Der wie üblich kleinere Schwächen aufweist. Zum Beispiel, dass ein Anhänger für fünf Motorräder das zulässige Gesamtgewicht über 3,5 Tonnen treibt. Dass dann auch der Franzose nur noch lausige 90 km/h erlaubt. Dass 18 Stunden Anreise so einen vollbesetzten Passat zusammendrücken können wie ein zu tief getauchtes U-Boot. Bis wir aus allen Fenstern quellen und hohlwangig in den Stop-and-go-Verkehr glotzen. Weil irgendwer meinte, die französische Atlantikküste sei viel zu hübsch, um auf der Autobahn an ihr vorbeizurauschen.

Irgendwoher muss das Grün ja kommen. San Sebastian begrüßt uns mit einer kalten Dusche

Manches ändert sich nie. Aber die Maßstäbe verschieben sich. Nach dreißig Jahren auf dem Motorrad rücken die weißen Flecken auf unseren zerfledderten Landkarten in immer weitere Ferne. Nordspanien konnte den Exotenstatus allein mit seinem Klima über die Jahre retten. Das „Grüne Spanien“ verdankt seinen Titel bekanntlich ergiebigen Regenfällen. Sehr tröstlich also, dass die Wetter-Apps für die kommende Woche heitere Tage verheißen. Besonders, weil uns San Sebastian mit einem kalten Guss begrüßt, sobald wir auf den Motorrädern sitzen. Den Charme der Kulturhauptstadt 2016 genießen wir im Wetterschutz einer Busstation. So plätschert die Zeit dahin und treibt uns dem nächstbesten Zeltplatz in die Arme. Der zwar nicht unserem üblichen Trapper-Reisestil entspricht, aber mit freundlicher Pinte und grandiosem Blick auf eine wirklich sehr grüne Hügellandschaft entschädigt.

Hier geht Whalewatching ohne Boot. In unserem Fall sogar ohne Wale

Früh am Morgen kullern wir über farngesäumte Sträßchen Richtung Meer, das hier so lange weiße Klippen aus dem Grün genagt hat, bis es an Cornwalls Rosamunde-Pilcher-Landschaft erinnert. Wenn wir vernünftig wären, würden wir in Zarautz die Füße von der Promenade baumeln lassen und gemeinsam mit der Stadtbevölkerung die Fischerboot-Regatta genießen. Sieht spektakulär aus. Aber wir sind nicht losgefahren, um gleich wieder anzuhalten. Und so mischen wir uns unter die Superbike-Sonntagsfahrer, genießen die baskische Mischung aus Küste, Kurven und Krawall, bis wir in Lekeitio dann doch für eine Tortilla und ein Clara stoppen müssen. Kurz danach sacken wir in den Sand des Stadtstrands und bereichern das Ortsbild um den Anblick einer narkotisierten Robbenkolonie.

Helden oder Schurken? Die ETA genießt immer noch Sympathien

Östlich von Lekeitio leeren sich die Straßen, rücken zusammen und führen durch versprengte Ortschaften, in denen „Amnistia eta“ auf Bruchsteinmauern steht. Offenbar gehen die Meinungen, ob es sich bei der baskischen Untergrundorganisation um Terroristen oder Freiheitskämpfer handelt, immer noch auseinander. In Gernika holt uns die eigene Geschichte ein. Im spanischen Bürgerkrieg legten Nazi-Bomber den Ort in Schutt und Asche. Nur weniges blieb unversehrt, darunter die Brücke, der die Attacke eigentlich gegolten hatte. Achtzig Jahre später fühlt es sich noch immer nicht selbstverständlich an, mit deutschem Nummernschild durch die Stadt zu fahren, auch wenn die Basken hier genauso nett zu uns sind wie überall.

Zum Glück hat Euskadi heute noch freudigere Sehenswürdigkeiten im Köcher. Als einer der raren Orte Europas, an denen man Wale beobachten kann, ohne in einem Boot herumzuschaukeln, serviert uns das Cabo Matxitxako einen Panoramablick über die Biskaya. Gleich nebenan dümpelt der “Game of Thrones”-Drehort San Juan de Gaztelugatxe mit seinem tausendjährigen Kloster in der Abendsonne. Und ein Geröllstrand, an dem wir die Motorräder parken und unsere Schlafsäcke ausrollen können, liegt uns gleich zu Füßen.

1000 Jahre Ruhe. Jetzt kommt “Game of Thrones” nach Gaztelugatxe

Ein perfekter Abend. Wie dafür gemacht, die kleinen Holprigkeiten des Gruppenreisens vergessen zu lassen. Doch der nächste Morgen kommt bestimmt. Noch bevor das Kaffeewasser kocht, klimpert das Bordwerkzeug, um jahrelang verdrängtem Wartungsmangel auf den Grund zu gehen. Da wird geschraubt, geforscht, gerätselt – bis kurz vor Mittag die Erkenntnis reift, vorsichtshalber einen BMW-Händler in Bilbao aufzusuchen. „Mehr als den Fehlerspeicher auszulesen macht der wahrscheinlich eh nicht“, meint Ralf, „aber so hab ich ein besseres Gefühl“. Haben wir alle. Hinterher. Bis unser Sieben-Motorräder-Suchtrupp den Händler aufgespürt hat, ist Mittagspause, bis die vorbei ist Nachmittag, und als wir die Guggenheim-Stadt mit ausgelesenem Fehlerspeicher verlassen, steht die Sonne schon wieder kurz vor Portugal.

Typisch Gruppendynamik: Je mehr wir frieren, umso höher fahren wir

Aber Reisen lebt von Gegensätzen. Kaum sind wir der Ausfallstraße entkommen, entfaltet sich eine Landschaft, die eher an eine alpine Variante von „Der Doktor und das liebe Vieh“ erinnert als an das Spanien, das wir kennen. Von Steinmauern gesäumte Single-Roads winden sich durch die Hügel, und schon könnte das Leben wieder kaum besser sein. Nur die Temperaturen dürften etwas zulegen. Verdammt frisch, dieses grüne Spanien.

Tourenfahrer-Partnerhaus? Diese Motorrad-Herberge ist vom Massentourismus noch unentdeckt

Übernachten an einem fast siebenhundert Meter hohen Pass? Zu kalt, meint die Männergruppe. Lass uns lieber irgendwo tiefer… Doch so ist das mit Gruppendynamik: Nach einigen Schotter-Abstechern und dem Umfahren einzelner Schneefelder finden wir uns bei Einbruch der Dunkelheit auf dem sturmgepeitschten Gipfel eines ausgewachsenen Fünfzehnhunderters wieder – und sind glücklich. Während draußen die Welt vereist, kauern wir uns in den Schutz einer verfallenen Kaserne und freuen uns. Für solche Abende sind wir losgefahren. Und mit Zelt wird es fast gemütlich im Windschatten des Bröckelbaus.

Nebel, Eis und Schnee. Gar nicht so einfach, hier Frühstück zu finden

Morgenkaffee über den Wolken, dann eine neblige, vorsichtige Abfahrt über eine Piste, deren Schmelzwasserpfützen sich über Nacht in Eisbahnen verwandelt haben. Besser kann ein Tag nicht beginnen. Tut er aber doch: Im Dörfchen Rio de Trueba öffnet sich die Tür des einzigen Cafés genau in dem Moment, als ich ohne jede Hoffnung die Klinke drücke. Café con leche, Bocadillos und auftauende Morgensonne machen den jungen Tag perfekt. Endlich sind wir unterwegs durchs kantabrische Gebirge, Eine der wildesten Regionen Europas, in der sich noch Braunbär und Wolf guten Tag sagen. Doch auf den nächsten Kilometern sieht das Ganze eindeutig schottisch aus. Wäre nicht die Sonne, man könnte meinen, durch eine besonders spektakuläre Ausgabe der Highlands zu fahren.

Fehlt nur der Whisky. In Kantabrien hat Schottland eine Filiale eröffnet

Nachdem ein Baustellenschild irgendwas von Sperrung angedeutet hat, haben wir die Gebirgspiste für uns allein. Erst kurz vor Schluss blockiert eine Baumaschine die Fahrbahn. Zuhause wäre der Fall klar: Gemecker, Unmut, Umkehr. Stattdessen fahren wie von Zauberhand die Hydraulikstützen des Ungetüms ein, die Maschine rumpelt fünfzig Meter vorwärts und lachende Arbeiter winken uns vorbei. Es kann so einfach sein. Dann sehen wir plötzlich die Anden. Vor der Kulisse verschneiter Gipfel geht das Plateau des Ebro-Stausees fast als Double für das bolivianische Hochland durch. Nur dass hier statt Lamas Zottelpferde durchs Grün stapfen.

2648 Meter. Die Picos de Europa haben unsere Piste unter Schnee begraben

Ein herrlicher Anblick, der allerdings nichts Gutes für unsere weiteren Absichten verheißt. Tatsächlich müssen Dirk und ich am Abend auf Erkundungstour einsehen, dass die Pistenquerung der bis zu 2648 Meter hohen Picos de Europa über weite Strecken vom Schnee verschluckt ist. Angesichts der unterschiedlich ausgeprägten Freude an Offroad-Schinderei schlagen wir die Zelte auf einem urigen Campingplatz im Talkessel von Fuente De auf und gönnen uns eine Auszeit. Zeit für das Damenprogramm. Mit der Teleferico, einer frei hängenden Seilbahn, gondeln wir hoch zum Mirador del Cable, waten in kurzen Hosen durch den Schnee und begegnen Geiern und Alpendohlen auf Augenhöhe. Auch mal schön, frei von Helm, Stiefeln und Protektorenzeug durch frische Luft zu schlendern.

Wo sind wir bloß all die Jahre gewesen? Nordspanien hat das Zeug zum Motorradparadies

Trotzdem ist es jedes Mal ein erhabenes Gefühl, anschließend den Seitenständer einzuklappen und sich von der Kraft des Motors durch eine Bilderbuch-Motorradlandschaft katapultieren zu lassen. Wir erwischen einen der raren Sonnentage in den Picos, und die makellos griffigen Kurvenstraßen auf dem Umweg nach Trevisio entschädigen uns reichlich für den entgangenen Pistenspaß. Anfang Mai liegt der Ort noch im Winterschlaf, aber als wir in der Dorfpinte nach einem Zeltplatz fragen, stellt uns die Besitzerin ihre Wiese zur Verfügung. Da hätte sie sowieso einen Campingplatz anlegen wollen, aber wegen des Nationalparks ließe man sie nicht. Zahlen müssten wir also auch nichts. So hat sie immerhin sieben Frühstücksgäste, die sich am nächsten Morgen nicht verabschieden, ohne ein paar mehr oder weniger kitschige Kleinigkeiten in ihrem Souvenirshop gekauft zu haben.

Sommerfrische. Anfang Mai hält die Region noch Winterschlaf

Unsere Euphorie ist gedämpft. Vor Starkregen und Überschwemmungen hat der Baske vom Nachbartisch gewarnt. Und die TFT-Bilder unserer unerbittlichen Handgeräte geben ihm genauso Recht wie die heranwachsenden Wolkentürme. Höchste Zeit, uns zurück an die Küste zu flüchten, die hier wieder an Britannien im Sommer erinnert. Saftige Schafweiden, weiße Cliffs und schaumgekrönter Atlantik. Wenn wir wieder für ein Stück auf Hauptstraßen ausweichen müssen, kommen uns in der schwülwarmen Luft Rucksackträger entgegen, die wie verschwitzte Studienräte aussehen. Erst nach dem ersten Hinweisschild dämmert es uns, dass wir auf der Küstenvariante des Jakobswegs unterwegs sind. Auch der Camino del Norte pflegt offenbar das Gegensätzliche und zögert nicht, die Kerkeling-Jünger ab und zu durch öde Industriegebiete zu schicken

Regenwald? Das nächste Tief ist schon im Anmarsch

Die wir mit einem Dreh am Griff im Rückspiegel verschwinden lassen, um uns Schönerem zuzuwenden. Leider ist die Küste weiträumig eingezäunt, damit die Schafe nicht das Pilgern anfangen. Unser Traum von einem Zeltplatz mit Meerblick scheint schwer umzusetzen. Die einzige Piste, die zu einer vorgelagerten Halbinsel führt, ist so steil und eng, dass es meiner KTM im Runterpoltern den Fußbremshebel abreißt. Keine gute Idee, diesen Versuch siebenmal mit deutlich dickeren Motorrädern zu wiederholen. Als wir an einem Stall vorbeikommen, kratzt Ali seine Spanischbrocken zusammen und fragt den Bauern, ob er eine Zeltwiese für uns wüsste. „Kommt rein“, lacht der Alte, „da hinten hinter den Ginsterbüschen ist es fast windstill. Hier ist der Absperrhahn für Trinkwasser, und macht bitte das Gatter hinter euch zu.“ Wir sind gerührt. Als wir im Gras sitzen und den über den Picos zuckenden Blitzen zusehen, bleibt die letzte Flasche Wein verschlossen. So können wir dem guten Bauern wenigstens ein kleines Zeichen unserer Freude hinterlassen.

Steilküste. Man hätte sich denken können, dass das Zelten am Ufer schwierig wird

Den ersten Regentropfen fahren wir locker davon und genießen die Küstenstraße ganz ohne Sonntagsverkehr. Bilbao queren wir in neuer Bestzeit, und als wir an unserem Geröllstrand beim Cabo Matxitxako Feuerholz für das Abendgelage sammeln, lässt sich nicht leugnen, dass Heimreise auf dem Programm steht. Da ist es gut, dass die Männergruppe in der vergangenen Woche wieder zu einem verschworenen Haufen zusammengewachsen ist. Denn morgen Nachmittag heißt es wieder eng zusammenrücken. Wenn wir alle Backen zusammenkneifen, schaffen wir es über die Autobahn pünktlich zum Sonntagsfrühstück nach Hause. Von Nordspanien nach Deutschland geht bekanntlich ruckzuck.