Der Expressvagabund: Die Versys 1000 ist der Sporttourer unter den hochhackigen Reisemotorrädern. Nun geht es in die nächste Runde: Elektronik, Optik, Nutzwert – Kawasaki schärft den vielseitigen Vierzylinder an entscheidenden Stellen nach. Und das fühlt sich gut an.

von Frank Roedel Fotos Kawasaki

Weiße Häuser. Schwarze Lava. In der monochromen Vulkanwelt von Lanzarote sind das einzig Grüne Kawasakis. Der Flake-Lack scheint in der Sonne zu explodieren, das Funkeln und Glitzern in der Werksfarbe wirkt vor dieser extrem reduzierten Landschaft besonders atemberaubend. Und weist auch schon gleich in die richtige Richtung. Denn das ist ja kein einfacher Farbauftrag, den wir da auf der sichtbar edlen Versys 1000 SE mit röhrend-rauchigem Sound durch die Geröllfelder fliegen lassen. Es ist eine selbstheilende Variante, die kleinere Kratzer und Blessuren innerhalb einer Woche von alleine wieder zufließen lassen soll. Dieser Harry-Potter-Lack ist ein prima Beispiel, wie Kawasaki die Regler an diesem beeindruckenden Motorrad in Richtung 21. Jahrhundert gedreht hat. Mit der Idee, den straßensportlichen Vierzylinder der Z 1000 ins hoch­bei­nige Großenduro- Chassis zu wuchten, erdachten die Grünen zum Modelljahr 2012 etwas ganz Neues. Die Pioniertat hatte viele Nachahmer, teils auch mit mehr Erfolg. Denn die Rübennasenfront der ersten Baujahre weckte nicht bei jedem Interessenten sofort große Gefühle Technisch über alle Zweifel erhaben, schärfte Kawasaki in den Folgejahren vor allem optisch deutlich nach. Und im Laufe der Zeit wuchs die Versys 1000 weiter zu einer Motorrad-Allzweckwaffe mit Reiselust und Sportlerherz, die Besatzung und Gepäck in Windeseile zum Urlaubs­ort fliegen lässt. Um dort ihr zweites Gesicht zu zeigen – als Schweizer Messer auf Rädern.

Kawasaki schärft das Schweizer Messer nach
Nun schärft Kawasaki nochmal nach. In Grundausstatung kommt die Milleversys für 12 995 Euro plus Nebenkosten mit radial montierten Vierkolbenstoppern vorn, kon­trolliert vom Kurven-ABS der Ninjas H2 und ZX-10R, dazu gibt es eine drei­stufige Traktionskontrolle und LED-Lampen. Neue elek­tronische Drosselklappen optimieren die Gasannahme und erlauben einen Tempomaten. Eine Etage höher siedelt die 3400 Euro teurere SE-Variante mit Kurvenlicht, elektronischem Fahrwerk, Quickshifter, farben­frohem TFT-Display mit Smartphone-Schnitt­stelle und Koffersatz in Fahrzeugfarbe. Volle Kajüte liefert schließlich die SE Grand Tourer. Da addieren sich für 17 495 Euro noch ein Topcase, Navihalterung und Nebelleuchten auf die Luxusliste. Kern des großen Allzweckwerkzeugs ist natürlich immer der mächtige Motor der Z 1000, einer der drei besten Vierzylinder unserer Zeit. In der Abenteuer-Auslegung taugen die 1043 Kubik für 120 PS und 102 Nm. Es ist eine wahre Freude, wie der Prachtbursche mit Nachdruck aus den Ecken ballert, ab 6000 nochmals böse-knurrig nach Luft schnappt und den Nachbrenner zündet. Kein Problem, wenn man im Sechsten bis auf Citytempo herunterschlappt und dann mit einem Dreh wieder durchlädt – dieses Trieb­werk käme auch mit zwei Gängen zurecht. Umso lustiger, wenn man das gut gestufte Getriebe mit SE-Quickshifter nutzt, um mit viel Dampf aus den Ecken zu pfeffern.

Radialinski: Das Kurven-ABS aus der ZX-10R kontrolliert die supersportliche Bremsanlage

Buntfernsehen gegen Gebühr: Das TFT-Display gibt es ab der SE-Variante

Grummelkönig: Der große Kawa-Vierzylinder ist einer der besten Motorradmotoren unserer Zeit

Dem Kofferträger wachsen Flügel, die Großversys wird zum Marschflugkörper. Und scheint der Physik ein Schnippchen zu schlagen, wenn die 257 Kilo von einer Haarnadel zur nächs­ten preschen, sich mit der piekfeinen Bremse punktgenau einstauchen lassen und dann mit rauem Fauchen zum nächsten Eck pfeilen. Selbst wenn die kanarischen Küstensträßchen grob und verwinkelt werden, bleibt der mächtige Sporttourer trotz langer Federwege wuselig und handlich. Und das alles mit geradem Rücken und bequemem Sitz, ergonomischem Lenker, gutem Windschutz und dem erhabenen Überblick aus 840 Millimeter Sitzhöhe. Wer es weniger luftig mag, kann eine niedrigere Bank ordern. Möglich wird dieses piekfeine Verhalten durch das elektronische Fahrwerk der SE, die wir auf zwei großen Inselrunden über Lanzarote und Fuerteventura ausgiebig aus­probieren. Im „Tour“-Modus bügeln die Elemente auch übelsten Narbenasphalt weg, der auf schlechter abgestimmten Motorrädern schon mal die eine odere andere Zahnplompe kosten würde. Das Aggregat geht in dieser Stufe handzahmer ans Gas, die Traktionskontrolle ist im Oma-Modus und regelt vielleicht einen Hauch zu viel Schub weg. Regen versuchen wir nicht, auch den programmierbaren „Rider“-Modus sparen wir uns. Direkter, härter und angriffslustiger geht es im „Sport“-Setting zur Sache. Beim Wechsel in die Chuck-Norris-Stufe summen die Stellmotoren, das Fahrwerk versteift sich spürbar. Auch der Vierzylinder geht noch fauchiger zur Sache. Und die Traktionskontrolle verlangt mehr Cochones. Aber auch mit Messern zwischen den Zähnen ist der Komfort noch solide. Denn die Fahrwerkssensoren reagieren schneller als ein Wimpernschlag auf den Untergrund. Das ist kein Gedicht, sondern Poesie: Das Motorrad saugt sich an den Untergrund wie ein Putzerfisch. Und der amüsante Schräg­lagenmesser im TFT-Display trollt vom grü­nen in den roten Bereich. 39, 40, 41, 42 Grad – die Bridgestone T31 verzahnen sich prächtig mit dem griffigen Inselbelag. Alles geht, nichts muss: Die Versys 1000 ist der Grillteller unter den sportlichen Reise­motorrädern. Mit mehr Komfort, mehr Emotion und mehr Nutzwert kann Kawa die Versprechen der Modellpflege halten. Es gibt wie fast immer auch ein paar Ärger­nisse. Das Windschild lässt sich nur mit zwei Händen und nicht während der Fahrt verstellen. Auch das Wechseln der Fahrmodi ist fummelig. Ab 180, 190 gibt es im strammen Wind am Surferstrand ein paar Unruhen. Doch psst – natürlich haben wir die 130 km/h der Kofferaufkleber respektiert. Haupthaken bleibt der Preis. Besonders für die formidable SE und das feine Komplettpaket der Grand Tourer-Version muss man die Taschen auf links drehen. Aber dafür gibt es auch viel Gegenwert, und das nicht nur materiell. Schließlich ist es ein großer Genuss, ein tieffliegender grüner Funken zu sein – selbst wenn es am Urlaubs­ziel mehr Farben gibt als 64 Graustufen.

Zubehör in Reichweite: Der linke Daumen bedient Mapping, Tempomat, Heizgriffe und elektronisches Fahrwerk

Das ist Neu:

  • Tempomat
  • Traktionskontrolle
  • zwei Motoren-Modi
  • Radial montierte Bremssättel vorne
  • Supersport-ABS der ZX-10R
  • neue, verstellbare Scheibe
  • höhenverstellbare Sitzbank
  • LED-Lampen

INFO (Zusatzausstattung Versys 1000 SE):

Elektronisches Fahrwerk, Kurvenlicht, vier Fahrmodi, Quickshifter, TFT-Farbdisplay mit Smartphone-Schnittstelle

Technik

Bauart: Vierzylinder-Viertakt-Reihe, flüssigkeitsgekühlt, vier Ventile/Zyl.
Hubraum: 1043 cm3
Leistung: 88 kW (120 PS) bei 9000 min-1
Drehmoment: 102 Nm bei 7500 min-1
Federwege: 150/152 mm
Bereifung v/h.: 120/70ZR17 / 180/55ZR17
Bremsen v/h.: 310-mm-Doppelscheibe mit Vierkolben-Festsätteln / 250-mm Einzelscheibe mit Einkolben-Schwimmsattel
Sitzhöhe: 840 mm
Tankinhalt: 21 l
Gewicht: 257 kg
Preis inkl. NK: Basis 13 345 Euro, SE: 16 745 Euro, Versys 1000 SE Grand Tourer 17 845
(Herstellerangaben)

 

Fazit

Rau, raffiniert, fordernd: Die Versys 1000 ist die Kawasaki unter den hochbeinigen Sporttourern. Besonders reiselustige Pärchen mit Platz für nur ein Motorrad sollten das Allzweckvehikel mal probefahren.

Frank
Reiselustig

Teilen: