Tourentipp: Grüne Vulkane – Vogelsberg

Die Lava ist erkaltet, die Asche verweht. Obwohl nach 15 Millionen Jahren reichlich Gras über die erloschenen Vulkane der Vogelsbergregion gewachsen ist, bleibt das Osthessische Bergland für Kurvenkratzer ein heißes Pflaster.

von Frank Sachau (Text & Fotos)

Bis hier her und nicht weiter! Eine Schranke verwehrt uns die Auffahrt zum Knüllköpfchen (634 Meter), der zweithöchsten Erhebung des Knüllgebirges. Gut, dann legen wir die letzten Meter zum Gipfelplateau des längst erloschenen Vulkans eben zu Fuß zurück. Dann noch ein paar Stufen den August-

Franke- Turm hinauf – und schon präsentiert sich der umliegende Landstrich von seiner schönsten Seite. Mit dem nicht weit entfernten Schwalmtal erreichen wir kurz darauf die Schnittstelle zum Vogelsbergkreis und lassen uns von einer verkehrsarmen Nebenstrecke über den Neustädter Sattel nach Homberg bugsieren. Oberhalb einer ausgeprägten Schleife der Ohm wartet der historische Ortskern auf seine Entdeckung. Unser Augenmerk gilt dem im meisterlichen Fachwerkstil um 1500 erbauten Rat­haus, das nicht nur einen Gerichtssaal, son­dern auch einen eigenen Weinkeller hatte. Beim Freispruch ging es wohl dort hin, bei einer Verurteilung sicherlich ins Gefängnis. Wir sind so frei, auf die Motorräder zu steigen und Kurs auf Laubach zu nehmen. Hier schraubte von 1966 bis 1980 der geniale Motorradkonstrukteur Friedel Münch seine legendären Mammuts zusammen, bis ihn der Mangel an Geld und Gesundheit zur Aufgabe zwang.

Knüllwald-Knüller: Auf dem Gipfelplateau des 635 Meter hohen Eisenbergs sticht der Borgmannturm in den wolkenlosen Hessenhimmel

Verschlusssache: Viele Kriegsherren scheiterten nicht am Schloss, sondern an den mächtigen Mauern der Burg Herzberg, Hessens größter Höhenburg

Abstecher in die Heimat der legendären Mammuts

Auch wenn die Lavaströme längst erstarrt sind und der Vulkan Vogelsberg erloschen ist, bleibt der kurvige Naturpark in Hessens Mitte ein heißes Pflaster. 1925 wurde der „Vogelsberger Automobil- und Motorradclub” ins Leben gerufen und bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges auf der 16 Kilometer langen Bergrennstrecke um Titel und Ehre gekämpft. Der „Schottenring’“ feierte in den 50er Jahren ein kurzes Comeback, geriet dann aber in Vergessenheit. Wären da nicht ein paar Enthusiasten gewesen, die 1989 den Schottenring Classic Grand-Prix starteten. Seitdem heulen an jedem dritten Augustwochenende Motoren auf dem allerdings nur 1,4 Kilometer langen Stadtkurs auf.

Voller Erwartungen folgen wir der Ausschilderung „Hoherodskopf“ und werden nicht enttäuscht: Mit sauberem Strich zirkeln wir durch einen ausgedehnten Forst himmelwärts und klappen nach rund zehn Kilometern Schräglagenwechsel die Seitenständer unterm Sendemast aus. Obwohl der böige Wind und die frischen Temperaturen dagegen sprechen, geht es auf dem mit 763 Metern zweithöchsten Gipfel des Vogelsberg zu wie im Taubenschlag: Auf dem Bikerparkplatz herrscht ein ständiges Kom­men und Gehen, ebenso auf der Sonnenterrasse des Imbiss „Zur schönen Aussicht“, wo heiße Vulkan-Fritten aus der brodelnden Fritteuse in die knurrenden Mägen der motorradelnden Gäste wandern. Gestärkt schwingen wir uns in die Sättel, um auf perfektem Teer am Taufstein (773 m) vorbei durch den Oberwald zu huschen. Weite Teile der Ringstraße Hoher Vogelsberg liegen hinter uns, als wir in Eichenrod auf die Hauptstraße in Richtung Fulda einschwenken. Kaum haben wir den Naturpark verlassen, schlagen wir wie die Hasen einen Haken nach dem anderen: Von Stockhausen führt ein unscheinbarer Fahrweg nach Müs an der B 254, die wir aber in Bimbach schon wieder verlassen. Uns umgibt ein dichtes Netz großer und kleiner Wasserläufe, sie alle entspringen rund um den Vogelsberg, der in unseren Rückspiegeln immer kleiner wird. An der Fulda angekommen, folgen wir dem mäandernden Fluss in die Burgenstadt Schlitz, die sich seit dem Mittelalter von fünf ringförmig angeordneten Festungen beschützen lässt.

Das Zentrum punktet mit Fachwerk und Gassen, Erkern und Türmchen. Nicht umsonst trägt das romantische Schlitz den Titel „Hessisches Rothenburg“. Mit den trägen Wassern der Fulda streifen wir durch weite Agrarflächen nach Niederjossa am nordöstlichen Rand des Vogelsbergkreises. Kaum auf die B 62 eingebogen, lockt auch schon die nächste Bastion: Hinter Breitenbach weist ein Schild zur Burg Herzberg, Hessens größter Höhenburg. Auf grottigem Teer rumpeln wir durch den dunklen Wald hinauf bis vor die mächtigen Mauern der wehrhaften Festung. Hier standen schon viele Kriegsherren und mussten alle Angriffe und Belagerungen erfolglos aufgeben. Wir bleiben friedlich und treten dann den geordneten Rückzug an. Weil breite Bundesstraßen nicht unser Ding sind, setzen wir in Eifa die Blinker, queren das Schwalmtal und werfen noch einen Blick in den Innenhof von Schloss Romrod, bevor wir gen Alsfeld beschleunigen. Der dortige, von prächti­gen Fassaden und verwinkelten Gassen umgebene Marktplatz der fast tausendjährigen Altstadt bietet das passende Am­biente für eine Kaffeepause. Märchenhaft wird es, als wir am Schwälmer Brunnen zum Gänse­liesel aufschauen, ein in typischer Tracht gekleidetes Mädel, das mit seiner roten Haube stark dem Rotkäppchen ähnelt. Wie­der die Tanks zwischen den Knien, reizt uns als bekennende Landstraßenliebhaber die windungsreiche Etappe über Ottrau nach Oberaula. Den krönenden Abschluss der heutigen Tour bildet die geniale Schräglagenstrecke über den 635 Meter hohen Eisenberg.

Durchhalten: Es sind nur noch wenige Meter bis zu den Vulkan-Fritten vom Imbiss „Zur schönen Aussicht“

Hoteltipp

Landhotel Zinn

GS-Pilot Udo Assmann-Zinn, Wirt des bodenständigen Gasthauses, kennt nicht nur das Knüllgebirge und de Grimmheimat wie seine Westentasche, sondern auch weiter entfernte Ziele wie die Rhön und den Thüringer Wald. Motorradwanderer finden zum Ausklang einer Tagestour Erfrischung im Strandbad No. 1 und Gaumenfreuden im angeschlossenen Bistro. Das Doppelzimmer mit Frühstück 85 Euro.

Landhotel Zinn und Campingplatz Burg Wallenstein
Burgstraße 6
34593 Knüllwald
Fon 05686 395
www.landhotel-zinn.de

Reise-Info

Streckenlänge: 300 Kilometer
Dauer der Tour: Ausgedehnte Tagestour
Allgemeines: Das Vogelsbergmassiv gehört zum Osthessischen Bergland und gilt als größtes zusammenhängendes Vulkangebiet Mitteleuropas. Aus dem Oberwald erhebt sich der Taufstein (773 m), höchste Erhebung des Mittelgebirges. Über den Gipfel verläuft die Rhein-Weser-Wasser­scheide, von hier aus fließen Gewässer in alle Himmelsrichtungen. Ein dichtes Netz von gut ausgeschilderten Strecken, darunter auch die Fachwerk-, Märchen- und Alleenstraße, verbindet verträumte Ortskerne mit weiten Agrarflächen. Die dünn besiedelte Region stellt weder Anfänger noch Profis vor fahrerische Herausforderungen. 

GSP-Downloadcode: JY77T5
Code einfach eingeben auf
www.motorrad.net/aktuelles/touren

Anreise: Das Tourengebiet im Herzen Deutsch­lands wird von A 5 und A 7 durchzogen. Das Hotel lässt sich über die Abfahrt Homberg/Efze erreichen.
Reisezeit: Anfang Mai bis in den Oktober
Literatur: Rudolf Geisel „Cruisen im Herzen Deutschlands“ – sieben Motorradtouren für Entdecker und Genießer in Rhön, Vogelsberg, Knüll, Spessart und Thüringer Wald. 150 Seiten, zahlreiche Farbfotos und Straßenkarten, 12,90 Euro.
Karten: ADAC Kartenset Deutschland 2018/19. Zehn Doppelblätter, 1:200 000, 14,99 Euro.
Informationen: Region Vogelsberg Touristik GmbH, Am Vulkaneum 1, 63679 Schotten, www.vogelsberg-touristik.de, www.motorrad-vogelsberg.de.
Vulkan-Fritten: Imbissbetrieb „Zur schönen Aussicht“, Dorota Teichert, Am Hoherodskopf 12, 63679 Schotten, www.wuerstchen-doro.de, Montag Ruhetag

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