Unterwegs zwischen Schwerin und dem Elbetal: Motorisierte Grenzgänger erfahren im Dreiländereck entlang des ehemaligen eisernen Vorhangs allerlei Historisches, Skurriles und Mystisches.

von Frank Sachau (Text & Fotos)

Anno Domini 1720 in Dömitz: Auf der Suche nach einem geheimnisvollen Tunnel unter der Elbe hindurch schickt die Kommandatur einen einfachen Soldat der Festung Dömitz mit einer Fackel in einen bisher unbekannten Gang. Der Kundschafter erhält auch eine Trommel und den Befehl, regelmäßig Signal zu geben, damit die am Eingang Wartenden einschätzen können, wohin der Stollen führt. Als nach einer Weile keine Trommelschläge mehr zu hören sind, wird der Tunnel verschlossen – und der Soldat vergessen.
Einen geheimen Gang unter dem Elbstrom hätten sich die Bewohner im benachbarten Rüterberg auch gewünscht, denn rund 250 Jahre nach dem mysteriösen Verschwinden des Soldaten war das in einer Flussschleife gelegene Dörfchen Sperrgebiet. Weil der Ort zu nahe an der innerdeutschen Grenze lag, ließ das DDR-Regime Rüterberg durch unüberwindbare Stacheldrahtzäune von der Außen­welt abriegeln und streng bewachen.
Ein schmaler Fahrweg geleitet uns aus dem südwestlichsten Zipfel Mecklenburg-Vorpommerns nach Heidhof, wo wir auf die im Jahr 2008 gegründete Sagen- und Märchenstraße treffen, die geschichtsträchtige Orte auf 500 Kilometer Länge zu einer Rundtour verbindet. Nach einigen nicht enden wollenden Geraden durch den dünn besiedelten und pfannkuchenflachen Naturpark Mecklenburgisches Elbetal ändert sich das Bild schlagartig mit dem Abzweig hinter Lübtheen: Auf einem abenteuerlichen Streckenverlauf über unzählige kleine und große Wasserläufe „machen wir rüber“ ins niedersächsische Neuhaus.

Blank gerubbelt: Wer in Mölln gleichzeitig Till Eulenspiegels Daumen und Fußspitze reibt, soll jede Menge Glück haben

Doch im Verlauf der kurvenreichen B 195 gelangen wir zurück ins ehemalige Grenzgebiet und erreichen schon bald die Fliesenstadt Boizenburg. Am hochgelegenen Aussichtspunkt Zwölf Apostel ziehen wir die Zündschlüssel und genießen den weiten Blick über Boize, die gleich unter uns in die Elbe mündet, bis in die Ausläufer der Lüneburger Heide.
In Steinwurfweite blühte der nach der Wende 1989 nutzlos gewordene DDR-Grenzkontrollpunkt auf, als ihn ein ideenreicher Gastronom erwarb und mit viel Liebe zum Detail zum einzigartigen Imbiss „Checkpoint Harry“ umgestaltete. Vom schleswig-holsteinischen Lauenburg aus preschen wir nordwärts am Elbe-Lübeck-Kanal entlang bis zur Seilfähre Siebeneichen, die bis 1960 mit purer Muskelkraft bewegt wurde, dann aber einen Dieselmotor erhielt.

Geblieben ist aber die Glocke, mit der Fahrgäste den Fährmann lautstark anfordern können. Weil der aber nur an Wochenenden und Feiertagen hier tätig ist, nutzen wir alternativ die Brücke bei Güster und folgen dem Kanal auf einer herrlich abgeschiedenen Nebenstrecke bis in die Eulenspiegelstadt Mölln.
Der um 1300 bei Braunschweig geborene Spötter und Satiriker galt als eine Art Robin Hood mit Narrenkappe. In bunte Kostüme gekleidet, von Schellengeläut begleitet, hielt er den gesitteten Bürgern durch seine derben, aber hintersinnigen Streiche einen Spiegel vor, bis ihn um 1350 die Pest dahinraffte. Publikumsmagnet ist der Eulenspiegel-Brunnen. Der Legende nach soll derjenige Glück haben, der gleichzeitig Daumen und Fußspitze des auf dem Brunnen hockenden Schelms reibt und sich dabei etwas wünscht.

Das Glück der Erde: Das weit über die Grenzen bekannte Gestüt Redefin ist ein gut besuchtes Reiterparadies

Im benachbarten Biosphärenreservat Lauenburgische Seen ist die nächste Was­serfläche nie weit entfernt. Kaum sind wir in Seedorf auf die Straße der deutschen Einheit abgebogen, glitzert der zerklüftete Schaalsee durchs Unterholz. Auch ohne Hinweisschild ist an Straßenverlauf und Belaggüte zu merken, dass wir kurz vor Zarrentin erneut den ehemaligen Grenzverlauf passieren.
Ab der Südspitze des Gewässers reisen wir auf langen Chausseen mit alten Baumbeständen nach Wittenburg und schlagen uns dort in die Büsche. Westlich von Hagenow stoßen wir bei Pritzier auf die B 5 und treiben unsere Maschinen im gestreckten Galopp bis vor die Stalltüren des Landgestüts Redefin: Seit mehr als 200 Jahren betreibt man hier sehr erfolgreich Pferdezucht. Das Glück dieser Erde liegt bekanntlich auf deren Rücken, besonders wenn es sich um ein Stahlross mit reichlich Pferdestärken handelt.
Eine wie mit dem Lineal gezogene Allee lässt Ludwigslust schnell näher kommen. Das repräsentative und reich verzierte Residenzschloss der ehemaligen mecklenburgischen Herzöge galt im 18. Jahrhundert als „Versailles des Nordens“. Damals wurde für den Betrieb der Wasserspiele eigens der Ludwigsluster Kanal gegraben, der das benötigte Wasser aus der Rögnitz herbeischafft.
Wir vermuten, dass es sich dabei um eine frühe Form von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen gehandelt hat, denn die angrenzende „Griese Gegend“ war alles andere als einladend und fruchtbar. Der niederdeutsche Begriff „griese“ steht für trist und grau: Wie der vom Wind aufgewirbelte Sand und die ärmliche Bekleidung der hiesigen Tagelöhner.
In Malk Göhren verlassen wir die B 191, passieren den Eldekanal, der die Müritz mit der Elbe verbindet und erreichen Dömitz. Als wir abends im goldenen Licht der untergehenden Sonne unterhalb der Festung an der Elbe stehen, glauben wir einen Moment lang, leise einen Trommler gehört zu haben.

Runde Sache: Die Lauenburger Palmschleuse gilt als älteste Europas und wurde nach dem ersten Schleusenwärter des Strecknitz-Kanals benannt

Reise-Info:

Streckenlänge: 230 Kilometer

Dauer der Tour: Tagestour

Allgemeines: Auf der beschriebenen Tour durch das Dreiländereck Mecklen­burg-Vorpommern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein bieten sich geschichtlich Interessierten zahlreiche Einblicke in vergangene Epochen und die Zeit vor der Wende. Während die vielen Seen vor rund 10 000 Jahren aus den Schmelz­wasser­resten der letzten Eiszeit entstanden, wurde das Elbtal vom Strom und seinen zahlreichen kleinen und großen Zuflüssen geprägt. Mehrere Bios­phärenreservate und Naturparks sind die geschützte Heimat seltener Pflanzen und Tiere. Die Straßen sind alle recht gut in Schuss und führen weitestgehend durch dünn besiedelte, ursprüngliche Landschaften.

Anreise: Das Tourengebiet wird in voller Länge von der A 24 Hamburg – Berlin durchquert.

Reisezeit: Anfang Mai bis in den Oktober

Literatur: ADAC Reiseführer Mecklenburg-Vor­pommern. Umfang 144 Seiten, sehr informativ, reich bebildert, gutes Kartenmaterial und ideales Tankrucksackformat. ADAC-Verlag, 9,99 Euro.

Karten: ADAC Kartenset Deutschland 2016/17. Zehn Doppelblätter im Set von MairDumont. Maßstab 1:200 000. Im Buchhandel oder über www.adac.de, 14,99 Euro.

Informationen: Tourismusverband Mecklenburg Schwerin, Puschkinstraße 44, 19055 Schwerin, www.mecklenburg-schwerin.de Fähre Siebeneichen, Kanalstraße 12, 21514 Siebeneichen. Nur freitags, an Wochenenden und feiertags im Einsatz, www.faehre-siebeneichen.prudenter-agas.com Treff: Checkpoint Harry, Am Elbberg, 19258 Boizenburg, Montag Ruhetag, www.checkpointharry.de

Täuschend echt: Sekt trinkender DDR-Grenzer vom Checkpoint Harry

Hoteltipp

Radlerpension Dömitz
Die von der Inhaberin liebevoll geführte Pension liegt in unmittelbarer Elbnähe und ist ideales Basislager auch für Touren ins Wendland, in die Altmark, die Prignitz oder an die Müritz. Das Motorrad parkt sicher im abgeschlossenen Innenhof. Übernachtung mit Frühstück im Doppelzimmer ab 30 Euro pro Person.

Veronika Steffen
Elbestraße 1
19303 Dömitz
Fon 038758 24484
www.radlerpension- doemitz-elberadweg.de

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