Von Frank Sachau (Text & Fotos)
Dunkle Wolken über Harz und Kyffhäuser bilden den passenden Rahmen für einen Streifzug durch die Heimat Thomas Müntzers, der sich während der Reformation vom friedlichen Priester zum radikalen Revolutionär aufschwang.

Trübe Aussichten: Anders als in den vergangenen Jahren präsentiert sich der Harz als Regenfänger. Statt Sonnenschein kündigt der Wetteronkel zähen Hochnebel, niedrige Temperaturen und einige Schauer an. Doch wir lassen die behelmten Köpfe nicht hängen und starten voller Optimismus die Maschinen. Entlang der Gleise der Selketalbahn schwingen wir von Gernrode am nördlichen Harzrand hin­auf in das höchste Gebirge Norddeutschlands.

Mal richtig Dampf ablassen: Die Selketalbahn ist die rüstige Großmutter der drei Harzer Schmalspurbahnen

Bei Mägdeburg erreichen wir das tief eingeschnittene Tal der Selke, hier ist kaum Platz für Wasserlauf, Straße und Schie­nenstrang. Ende des 19. Jahrhunderts nahm die älteste dampfbetriebene Schmalspurbahn des Harzes ihren Betrieb zwischen Quedlinburg und Hasselfelde auf, um Bergwerke und Fabriken in Orten wie „Drahtzug“ und „Stahl­hammer“ mit Menschen und Material zu versorgen. Nachdem wir mehrere Bahnübergänge pas­siert haben, biegen wir in Silberhütte ab und genießen den anhaltenden Schräglagen­walzer auf der verkehrsarmen und waldreichen Nebenstrecke über Hayn nach Roßla. Aus den einsamen Hochebenen des Biosphärenreservats Karstlandschaft Südharz gelangen wir hinunter in das von der Helme durchflossene Tal der goldenen Aue, natürliche Grenze zwischen Harz und Kyffhäuser, Sachsen-Anhalt und Thüringen.

Weil hartnäckige Nebelfetzen das uns bestens bekannte Kaiser-Wilhelm-Denkmal auf dem über 400 Meter hohen Kyffhäuserburgberg nur schemenhaft erkennen lassen, steuern wir stattdessen die Kaiserpfalz Tilleda an. Im frühen Mittelalter wohnten in der Region weilende Kaiser und Könige in der repräsentativen und zugleich wehrhaften Residenz am Fuße des Gebirgszuges. Im Regenschatten des Osthanges besuchen wir das kleine Besenbinderdorf Udersleben, das es mit der Herstellung des größten Besens der Welt bis ins Guinnessbuch der Rekorde schaffte: Das mons­tröse Kehrgerät ist 35 Meter lang und 3,8 Tonnen schwer.

Von ebenfalls riesigen Ausmaßen ist das in elf Jahren Arbeit entstandene Monumental­gemälde im nicht weit entfernten Bauernkriegs-Denkmal oberhalb von Bad Frankenhausen. Das an eine übergroße Keksdose erinnernde Gebäude zeigt auf einem über 1700 Quadratmeter großen Wandbild Szenen des blutigen Kampfes des von Not und Elend bedrohten kleinen Mannes gegen Adel und Klerus.

Wenige Jahre nach Beginn der friedlichen Reformation unter Martin Luther erhoben sich zwischen Harz und Alpenrand Rechtlose und Ausgebeutete, um für bessere Lebensbedingungen zu streiten. Der gewaltbereite Priester Thomas Müntzer wandte sich von Luthers Lehre ab, scharte ein Bauernheer um sich und führte es hier vor rund 500 Jahren in eine ausweglose Schlacht gegen kampferprobte Landsknechte.

Nach der Niederlage gefangen genommen, wurde der Rädelsführer in der nahen Wasser­burg Heldrungen eingekerkert und kurz darauf vor den Toren der Stadt Mühlhausen öffentlich hingerichtet. Heute toben Schulkinder um das an den Revolutionär erinnernde Denkmal im Inneren der Heldrunger Festungsanlage, die nun als Jugendherberge dient.
Bei Kindelbrück stoßen wir auf die Wipper und folgen dem windungsreichen Flusslauf stromaufwärts nach Rott­leben im Kyffhäuser. Kaum haben wir die Haupt­stra­ße gequert, senkt sich die schmale Asphaltdecke hinunter zur geheimnisvollen Barbarossahöhle, die zu den größten Höhlen Europas zählt.
Ein paar Schaltvorgänge später weist ein Straßenschild an der ausgedehnten Wasserfläche der Talsperre Kelbra entlang nach Sondershausen. Dort treffen wir auf die vom Schwerlastverkehr gebeutelte B 4, die uns in weiten Bögen hinunter nach Nordhausen am südlichen Harzrand geleitet.

Oho: Das auf 500 Höhenmetern gelegene Harz-Örtchen Stiege bietet neben Schloss, Kirche und See einen Selketalbahn-Bahnhof

Die bleigraue Wolkendecke über unseren Helmen bildet die passende Einstim­mung auf den Besuch des Konzentrationslagers Mittel­bau-Dora. Zwischen 1943 und 1945 verlagerten die braunen Machthaber kriegswich­tige Fertigungsanlagen bombensicher unter Tage. Im Kohnstein trieben Zwangsarbeiter umfangreiche Stollensysteme in den Berg, Tausende fanden dabei den Tod.

Im nicht weit entfernten Fachwerkstädtchen Stolberg erblickte Thomas Müntzer im Jahre 1489 in der Niedergasse 2 das Licht der Welt. Im historischen Ortskern besuchen wir das anlässlich seines 500. Geburtstags aufgestellte Denkmal, bevor wir beherzt am rechten Griff drehen und himmelwärts zur Harzhochstraße beschleunigen.

Im beschaulichen Stiege biegen wir zwischen Schloss, Kirche und See nach Friedrichs­brunn ab. So wie Hubraum und Drehmoment gehören auch Harz und Hexen zusammen: Hoch über dem Bodetal stoppen wir am Hexen­tanzplatz, einer uralten heidnischen Kultstätte, wo sich alljährlich in der Walpurgisnacht, vom 30. April auf den 1. Mai, die dunklen Mächte zum großen Gelage treffen. Wie beruhigend, dass wir noch vor Einbruch der Dämmerung Gernrode erreichen. Stutzig werden wir allerdings, als wir am Hoteleingang gleich zwei Hexenbesen entdecken.

Reise-Info:

Streckenlänge: 250 Kilometer
Dauer der Tour: Tagestour
Allgemeines: Die Mittelgebirgszüge von Harz und Kyff­häuser sind im Dreiländer­eck Niedersachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt zu finden. Ein Nationalpark, mehrere Naturparks und ein Bios­phären­reservat schützen Fauna und Flora. Die kleinen Städte der Region profitierten vom mittelalterlichen Bergbau und können allesamt auf eine abwechslungsreiche Geschichte zurückschauen. Ein dichtes Netz von ursprünglichen Haupt- und Nebenstrecken steigt in Höhenlagen zwischen 400 und 600 Metern. Mit höherem Verkehrsauf­kommen ist nur in größeren Orten und an Verkehrs­knotenpunkten zu rechnen. Nichts für Anfänger, denn das Motorrad sollte man hier sicher beherrschen.
Anreise: Die A 7 tangiert die westlichen Ausläufer des Harzes, die A 38 verläuft zwischen Südharz und
Kyffhäuser, im Osten führt die A 14 vorbei.

Reisezeit: Anfang Mai bis in den Oktober
Literatur: Dumont Bildatlas 42 „Harz“. Über 100 Seiten reich bebilderte, geballte Informationen für den ersten Überblick. Zahlreiche Straßenkarten, 8,50 Euro.
Karten: ADAC Kartenset Deutschland 2016/17. 10 Doppelblätter im Set von MairDumont. Maßstab 1:200 000. Im Buchhandel oder über www.adac.de, 14,99 Euro.
Informationen: Harzer Tourismusverband, Marktstraße 45, 38640 Goslar, 05321/3404-0, www.harzinfo.de
Museum: Panorama Museum, Am Schlachtberg 9, 06567 Bad Frankenhausen, www.panorama-
museum.de, April bis Oktober, dienstags bis sonntags zehn bis 18 Uhr, Eintritt sechs Euro

Hoteltipp: Hotel Stubenberg

Das imponierende Stubenberg-Panorama allein ist schon ein triftiger Grund für einen Aufenthalt im Harz. Gut betreut von Wirt Henry Keilwitz und seinem gastfreundlichen Team, bieten sich von hier aus auch Fahrten in die Magdeburger Börde und das Mansfelder Bergland an. Tourenkarte, Garage und WLAN kostenlos. Das Doppel­zimmer mit Frühstück ab 80 Euro.

Henry Keilwitz, Stubenberg 1, 06485 Gernrod

Telefon: 039485 919151

www.hotel-stubenberg.de