Glück Auf: Sächsische Silberstraße

Bombensicher: Gegen Kriegsende wurden in den unterirdischen Gängen des Kalkwerks Lengefeld Dresdner Kunstschätze verwahrt


Auf der Silberstraße aus der sächsischen Landeshauptstadt Dresden in die alte Bergbaustadt Zwickau: Das ist die schönste Art, das geschichtsträchtige Erzgebirge an nur einem Tag zu erkunden.

von Frank Sachau (Text & Fotos)

Irgendwie paradox: Ein goldener Reiter markiert unseren Einstieg in die Silberstraße. Das übergroße Standbild in der Dresdner Neustadt zeigt August den Starken, der um 1700 Herzog von Sachsen und zugleich König von Polen war. Der machthungrige Monarch galt als Baulöwe und Kunstsammler, das Geld für seine kostspieligen Vorhaben verschafften ihm die reichen Bodenschätze des nahen Erzgebirges. Von der unverwechselbaren Silhouette der barocken Altstadt angezogen, wechseln wir auf das linke Elbufer und schlendern durch histori­sche Gassen. Nach Frauenkirche, Semper­oper und Zwinger besuchen wir das Grüne Gewölbe, die überbordende Schatzkammer des schillernden Herrschers. Wir wollen dem Reich­tum auf den Grund gehen und streben übers flache Land hinaus nach Freital am Rande des Osterzgebirges. Der dortige Windberg gleicht einem Schweizer Käse, über viele Jahre und unzählige Stollen holten Bergleute Steinkohle ans Tageslicht. Wie gut die Zechenbarone daran verdienten, zeigt das kleine, aber feine Schloss Burgk. Gegen den Lauf der Wilden Weißeritz geleitet uns die Silberstraße ins benachbarte Tharandt, wo uns ein bunt bemalter Obelisk in die Eisen steigen lässt. Im gegen­überliegenden Café Buddenhagen klärt man uns beim Cappuccino über Sinn und Zweck der historischen Postmeilensäule und ihrer Entfernungsangaben auf: Kein Geringer als August der Starke wollte genau wissen, wie groß sein Reich ist, und ließ Sachsen kartographieren. Wir wollen auch Meilen machen und schwingen geschmeidig über eine geniale Motorradstrecke durch den ausgedehnten Tharandter Wald und schlagen den Weg in Richtung Freiberg ein, wo 1168 erste Silbervorkommen entdeckt wurden. Von da an erschall immer wieder das so genannte „Bergkgeschrey“ – die Bekanntmachung neu entdeckter Rohstoffvorkommen. Ende des 16. Jahrhunderts taucht der Begriff „Erzgebirge“ erstmalig auf, weil neben Zinn und Silber große Erzvorkommen entdeckt wurden. Wir gewinnen langsam an Höhe, als wir dem mächtigen Freiberger Dom St. Marien die Rücklichter zeigen und ein paar Kilometer später bei Großhartmannsdorf auf drei Staubecken unterschiedlicher Größe stoßen. Sie wurden eigens für den Bergbau angelegt, um mit Wasserkraft die Förderanlagen zu betreiben. Kaum haben wir die Talsperre Saidenbach passiert, winkelt die B 101 hinauf zum musealen Kalkwerk Lengefeld. Dort öffnet sich am linken Spiegel eine Nebenstrecke, die Fahrspaß und Panoramen aufs Vortreff­lichste miteinander kombiniert und uns mit einem zufriedenen Lächeln Marienberg erreichen lässt. 1521 veranlasste Herzog Heinrich der Fromme die Stadtgründung, sein Standbild ziert noch heute den riesigen Marktplatz. Denn reiche Silberfunde im Marienberger Revier verursachten einen großen Zustrom von Bergleuten.

Himmlisch: Die Burg Wolkenstein liegt auf einem Felssporn 70 Meter oberhalb des Zschopautales und schützte einst eine Handelsstraße

Funktioniert ohne Strom: Als August der Starke wissen wollte, wie groß sein Reich ist, halfen Postmeilensäulen bei der Vermessung

Burg Wolkenstein macht ihrem Namen alle Ehre

Kurz darauf finden wir uns im engen Zschopautal wieder, hoch über unseren Köpfen Burg Wolkenstein, die ihrem Namen alle Ehre macht. Ab dem Thermalbad Wiesenbad schmiegt sich das Teerband eng an die windungsreiche Zschopau, um uns dann am erst vor wenigen Jahren stillgelegten Frohnauer Hammer abzuliefern. Mit Wasserkraft angetriebene Hämmer formten Metalle, bis Mitte des 19. Jahrhunderts Dampf deutlich größere Maschinen bewegen konnte. Aus Annaberg-Buchholz, der selbsternannten „Hauptstadt des Erzgebirges“, preschen wir durch den Neuamerika-Wald zur „Perle des Erzgebirges“: Schwarzenberg, am Zusammenfluss von Schwarzwasser und Mittweida. Wie in einem Hochglanzprospekt ragen Schloss Schwarzenberg und St. Georgenkirche mit ihren weißen Mauern malerisch über dem Ort auf, in dem 1380 der erste Eisenhammer im Erzgebirge in Betrieb genommen wurde. Respektvoll rollen wir kurz darauf durch das Städtchen Aue, den ältesten Ort der Region, und folgen dem gekräuselten Asphalt nach Schneeberg, das stolz den schönen Beinamen „Barockstadt des Erzgebirges“ trägt. Ende des 15. Jahrhunderts kam es hier zum ersten erfolgreichen Arbeitskampf, dem berühmten „Bergstreittag“, als Grubenbesitzer die Löhne der Kumpels kürzen wollten. Mit dem Einschwenken auf die B 93 nimmt die Verkehrsdichte ab und die Entfernungen zwischen den Ortschaften zu – endlich wieder Zeit, die Ausblicke zu bewundern. In der Nähe von Haßlau treffen wir auf die Zwickauer Mulde, die uns mit nach Zwickau nimmt. Nach 800 Jahren Steinkohlebergbau begann Anfang des 20. Jahrhunderts der Automobilbau, bis Kriegs­ende 1945 produzierten hier Horch und Audi, zu DDR-Zeiten der VEB Sachsenring. Wir sind am Ende der Silberstraße angekommen, die ihren Ursprung auf der historischen Lebensader „Silberwagenweg“ findet. Nun können wir den Weg von der Förderung über die Verarbeitung bis in die Schatzkammer August des Starken nachvollziehen. Doch als die Lagerstätten ausgebeutet waren, Gold als Währungsreserve in Mode kam und der Silberpreis abstürzte, begann der unaufhaltsame Niedergang. Die letzte Förderung fand vor 100 Jahren statt.

Hoteltipp

Hotel Fichtenhäusel am Pöhlagrund

Für das freundliche Hotelteam um Benny Langer sind Motorradfahrer stets willkommene Gäste. Das ideale Basislager für Fahrten durchs Erzgebirge diesseits und jenseits der Grenze bietet neben komfortablen Zimmern und einer tollen Küche auch Wellnessangebote und geführte Touren, überdachte Stellplätze, kostenloses Kartenmaterial und WLAN. Das Doppelzimmer mit Frühstück ab 90 Euro.

Königswalder Straße 20
09471 Bärenstein OT Kühberg
Fon 037347 / 80265
www.fichtenhaeusel.de

Reise Info

Streckenlänge: 165 Kilometer
Dauer der Tour: Tagestour
Allgemeines: Das zum Bundesland Sachsen gehörende Erzgebirge erstreckt sich über eine Länge von 130 und eine Breite von 40 Kilometer von Südwesten nach Nordosten und grenzt an Tschechien. Das stark bewaldete Mittelgebirge erreicht Höhen von 800 bis 900 Meter, der 1214 Meter aufragende Fichtelberg bildet den Gipfel auf deutscher Seite, der jenseits der Grenze liegende Klinovec legt noch 30 Meter drauf. Ein dichtes Netz kurvenreicher Haupt- und Nebenstraßen überzieht die Region und verbindet Schlösser, Burgen, Stauseen und historische Orte. Fahrbahnbreiten und Belag Qualitäten sind stark unterschiedlich. Anfahren am Berg muss sicher beherrscht werden!

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www.motorrad.net/aktuelles/touren

Anreise: Aus dem Süden führen die A 9 und die A 72 heran, von Westen die A 4, aus dem Norden kommen die A 9 und die A 14.
Reisezeit: Anfang Mai bis in den Oktober
Literatur: DuMont Bildatlas Nr. 182 „Sachsen“. 120 Seiten reich bebilderte, geballte Informationen für den ersten Überblick und zahlreiche Straßenkarten, 9,95 Euro.
Karten: ADAC Kartenset Deutschland 2018/19. Zehn Doppelblätter im Set von MairDumont, 1:200 000, 14,99 Euro.
Informationen: Tourismusverband Erzgebirge e.V., Adam-Ries-Straße 16, 09456 Annaberg-Buchholz, www.erzgebirge-tourismus.de
Museum: Frohnauer Hammer, Sehmatalstraße 3, 09456 Annaberg-Buchholz, www.annaberg-buchholz.de, neun bis zwölf und 13 bis 16 Uhr geöffnet, Montag Ruhetag, Eintritt fünf Euro.

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