Mit der Elektrorakete LiveWire wechselt Harley-Davidson auf die grüne Seite der Macht. Die Probefahrt rund ums ultrahippe Portland zeigt: Das Ding fährt brillant. Und wir fragen: Was macht das mit uns – und Harley?

von Frank Roedel Fotos Harley-Davidson

Portland, die grüne Westküstenstadt im US-Bundesstaat Oregon, gilt unter Spöttern als Metropole der „Treehugger“, der Baumumarmer. Es gibt angeb­lich deutlich mehr Marihuanaläden als Kirchen, 113 Brauereien für exotische Designerbiere, hordenweise bis zum Hals täto­wierte Bart- und Duttträger sowie dreigeschlechtliche Toiletten, mindestens. Der ideale Portländer ist liberal, metrosexuell, vegan und ökologisch. Da ist die hippste Stadt der USA ge­nau das richtige Biotop für die Präsentation des Paukenschlags von Harley- Davidson, des Elektromotorrads LiveWire. Milwaukees Lötarbeiten begannen bereits 2010, 2014 gab es erste Prototypen, die als Testballons rund um die Welt stromten. Und die Rückmeldungen waren begeisternd, Elektromobilität ist schließlich das Evangelium des 21. Jahrhunderts. Seitdem hat das Entwicklungsteam nochmal alles auf Links gedreht und aufgrund der gesammelten Erfahrungen ein komplett neues Motorrad an die Steckdose gehängt. Heraus kam ein klassischer, modern gezeichneter Roadster, der ein wenig an die seligen Buell-Sportbikes erinnert. Auch die LiveWire folgt dabei dem klassischen HD-Styling-Dogma: Der Fokus liegt auf dem Motor. Und was da schwerpunktgünstig unter dem mit Kühlrippen verzierten 15,5-kW- Akkupack sitzt, ist eine Zierde seiner Art.

Die erste vegane Harley der Welt setzt auf den „Revelation“ getauften, flüssigkeits­gekühlten Permanentmagnet-Elektromotor, der ohne Umwege über ein Getriebe maximal 106 PS und 117 Nm via Zahnriemen an den 180/55 ZR 17 Michelin Sorcher Sport schickt. Laut Harley reicht der Saftspeicher je nach Einsatzprofil für 150 bis 240 Kilometer – und dient im fliegengewichtigen Leichtmetall-Gussrahmen als tragendes Element. 249 Kilo sind für ein Elektromotorrad respektabel, zumal der mächtige Akku bereits 104 Kilo auf die Waage stemmt. Und für eine Harley ist das schlicht sensationell. Schließlich hat man das Gefühl, die Eisenwerker vom Lake Michigan halten schon den Gedanken an Leichtbau für Kommunismus. Rundherum bestückten die frisch getauften Ökoboys das 17-Zoll-Fahrwerk der LiveWire mit aufwendigen und vielfach einstellbaren Showa-Elementen, einer feinfühligen BFRC-lite hinten und Big-Piston- Upside-Down vorn. Ein Pärchen massiver Vierkolben-Brembo-Monoblocks verbeißt sich vorne in 300-Millimeter-Scheiben, hinten reicht ein Doppelkolbensattel.

Fahrwerk, Bremsen und Elektronik sind vom Feinsten

Dazu spendierten die Entwickler alles an elektronischen Hilfen, was man von einem Motorrad für überaus deftige 33 555 Euro brutto verlangen darf. Das „RDRS“ gekürzelte „Defensive Rider System“ verknüpft Kurven-ABS, Kurven-Traktionskontrolle, eine Antischlupfregelung und ein Überschlagsvermeidungs-System. Die Fahrmodi Sport, Road, Rain, Range sind vorab eingestellt, zusätzlich lassen sich noch drei Leerplätze konfigurieren. Und die App „HD Connect“ informiert auf dem Phone über Motorradstatus, Sicherheit, Service, Ladezustand und Ladestationen – das erste Jahr kostenlos, danach im Abo. Statistiker freut, dass sich jede Menge Daten als Balken oder Torten­ im 4,3-Zoll-Farbtouchscreen darstellen lassen, viele individuell konfigurierbar. War es das an Technik? Natürlich nicht, Pferdefuß der Technik ist schließlich die Ladung des Akkus. Soweit in der wirklichen Welt verfügbar, soll die LiveWire an Schnellladestationen in einer Stunde wieder voll auf Saft sein. Haushalts-Schukos liefern in dieser Zeit Strom für etwas über 20 Kilometer. Zur Zeit dürfen in Deutschland jene 14 Händler die LiveWire verkaufen, die sol­che Schnelladesäulen haben. In den ersten zwei Jahren fließt der Strom dort für lau. Uff. Ende? Nein: Und jetzt stellen die lieben Kollegen bei der Vorstellung auch noch jede Menge Fragen. Dabei interessiert im Augenblick nur eins wirklich: Wie fährt das Ding denn? Man sitzt auf einem klassischen Road­ster, in der Tankattrappe ist der Ladesockel integriert. Über den Startknopf rechts lässt sich der Strom zuschalten. Und mit einem leichten Dreh am rechten Griff pfeilt das Ding direkt, aber gut kontrollierbar und auf Wunsch im Schweinsgalopp nach vorne.

Die Bremsen sind enorm bissfest und konkret, das Fahrwerk vielleicht ein wenig hölzern, aber das lässt sich ja grammgenau abstimmen. Und nachdem wir das Baumknutscher- Paradies hinter uns gelassen haben, gibt es kein Halten mehr. In drei Sekunden katalputiert der revolutionäre Revelation-Motor das mit Fahrer fast sieben Zentner schwere Paket auf 100 Sachen, von 100 auf 130 km/h vergehen laut Harley zwei Sekunden. Der Vortrieb beim kupplungs- und schaltungslosen Twist-and-Go ist das eigentliche Zirkusstück der LiveWire. Als wenn man einer Maus auf den Schwanz tritt, rast der Stromer begleitet von einem kurzen Quieken der Sonne entgegen. Von außen klingt das tatsächlich wie versprochen nach startendem Düsenjet, mechanisch verursacht durch das Pfeifen des Zahnriemens, für den Fahrer verweht das der Wind.

Nüstern einer neuen Zeit: Mit dem Schnellladeanschluss soll die LiveWire in passendem Gerät in 40 Minuten 80 Prozent Ladung fassen. Volllaufen dauert eine Stunde.
Da war doch mal was: Die LiveWire erinnert an selige Buells

Wie beim Katapultstart auf der Achterbahn

Sonst: Stille. Abgesehen vom Abrollgeräusch der Reifen fühlt man sich wie beim Katapultstart auf der Achterbahn, nur der Wind rauscht und die Landschaft zieht Fäden. Dass man keine Vöglein zwitschern hört, liegt daran, dass man viel zu schnell ist. Und viel zu viel Spaß hat: Denn die LiveWire funktioniert als Motorrad großartig. Fahrwerk, Bremsen, Motor ergeben eine harmonische, sportlich einsetzbare Einheit, bei der sich auch Anton Hofreiter nicht den Bart zerzaust. Still und nachhaltig geht es durch die kurvenreichen Wälder Oregons. Und dass uns die von weitem hörbaren anderen Motorradfahrer noch grüßen, beweist mir, dass ich nicht auf einem rasenden Rennrad unterwegs bin. Das gute Gefühl reißt beim Gaswegneh­men nicht ab, schließlich rekuperiert der Motor dann die Energie übers Hinterrad, gut sichtbar an einem grünen Balken im Cockpit. Und da fast keine beweglichen Teile rotieren, hält sich der Inspektionsaufwand in Grenzen. Die Kosten pro Kilometer sowieso, nach rund 100 sehr zügigen Kilometern verheißt der TFT-Bildschirm noch Saft für weiter 60. Und wenn man die effektive Ladekapazität des Akkus von 13,6 kW umrechnet, kostet eine Tankfüllung Strom rund vier Euro. Aber schon haben wir wieder Portland erreicht, schließlich ist das Nachladen auf halber Strecke etwas heikel. Nun steigt die Reserve wieder sprunghaft an. Denn im sonntäglichen Stadtverkehr erkennt man schnell, wo die LiveWire ihre wahre Heimat hat: Im urbanen Gewühl, wenn vor roten Ampeln keine urzeitlichen Wälder in Rauch aufgehen. Und in der Nachmittagssonne keine aufsteigende Motorhitze für Schweiß­ausbrüche sorgt.

Dafür gibt der Motor im Stand kleine Pulsschläge im Herztakt an den Fahrer und sagt damit, ich bin noch bei dir. Viel zu schnell geht unser Sunday for Future zu Ende, die Gretas dieser Welt würden fröhlich mit ihren Zöpfchen wackeln. Zumindest, wenn sie nicht hinter die Kulissen gucken und sehen, wie Dieselgeneratoren statt des schlappen US-Stromnetzes Starkstrom in die halbleeren Akkus pumpen. Schließlich ist die effektive Ökobilanz jedes Elektromobils ein enorm kom­plexes Thema, das sich nicht in einem Satz beantworten lässt, wenn man die Herstellung und den Strommix mit einrechnet. Aber wir wollen ja auch nicht mit einem Dreh am Gasgriff die Welt retten, hier in der grünen, weitgehend heilen und liberalen Oregon-Metropole. Wir hatten Riesen­spaß auf einem für Großserienhersteller völlig neuen Motorradkonzept, einer bedeutenden Pioniertat ausgerechnet vom Gralshüter des Schwermetall-Maschinenbaus. Und auch ohne einen Baum umarmt zu haben, muss man feststellen: Die LiveWire ist vielleicht kein Riesenschritt für die Mensch­heit. Aber für Harley-Davidson. Mil­waukee zeigt allen, was geht. Und das ist ganz schön Portland.

Spielwiese für Statistik-Nerds: Auf dem Farbdisplay lassen sich viele kunterbunte Balken und Torten konfigurieren

Feinwerkzeug: Der Showa-Dämpfer ist haarfein justierbar

Technik:

Bauart: Permanentmagnet-Elektromotor, flüssigkeitsgekühlt, Sekundärantrieb über Zahnriemen
Leistung:  78 kW (106 PS) bei 11 000 min-1
Drehmoment: 116 Nm bei 5000 min-1
Fahrwerk: Leichtmetall-Gussrahmen mit Motor als mittragendem Element
Gewicht: 249 kg inklusive 104 kg Akku
Radstand: 1490 mm
Bereifung v/h: 120-70 ZR 17 / 180-55 ZR 17
Bremsen v/h.: 300-mm-Doppelscheibe mit Vierkolben-Festsätteln / 300-mm-Scheibe  mit Zweikolben-Sattel
Tankinhalt: 15,5 kWh/13,6 kWh effektiv nutzbar, runde zehn Jahre Lebenszeit
Reichweite: 150 – 235 km, je nach Einsatz
Preis: 32 995 Euro plus 560 Euro Nk (Herstellerangaben)

 

Fazit:

Harley muss was tun. Und tut es: Mit der LiveWire greift die Eisenschmiede von einer Flanke an, auf der man bisher nur wollsockige Start-Ups vermutet hatte. Und mit Erfolg – die Technik funzt, der Stromer funktioniert als Motorrad blendend. Aber Menschen mit Benzin im Blut müssen jetzt nicht auf Bäumen leben. Die LiveWire ist nur ein Teil der Produktoffensive, bereits im September lässt Harley wieder einen neuen Verbrenner krachen.

Frank

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