Tourentipp: Furioses Finale – Mecklenburg-Vorpommern

Berührungen mit Berühmtheiten und Baudenkmälern: Vom Forscherdrang getrieben, erkundet der lange Frank das stille Mecklenburg-Vorpommern – und erlebt dabei ein wahrlich dickes Ende.

von Frank Sachau (Text & Fotos)

Pfusch am Bau war ein Fremdwort, als im 15. Jahrhundert die Altentreptower Stadtmauer errichtet wurde: Das stattliche Brandenburger Tor mit seinem markanten Staffelgiebel steht noch heute. Dass außerhalb der wehrhaften Umfassung noch weitere Schätze auf mich warten, versichert mir Hotelier Torsten Rode glaubhaft und schickt mich in die Region östlich der Mecklenburgischen Seenplatte. Schön ist’s hier, denke ich, als ich auf einer ehrlichen Landstraße durch leuchtend ­gelbe Rapsfelder gen Stavenhagen cruise.

Kaum in Wolde links abgebogen, zeigt der Teer deutliche Anzeichen von Magersucht und schwankt durch weite Agrarflächen und kleinere Wäldchen zum Schloss Bredenfelde. Das abseits gelegene Anwesen wurde einst im britischen Tudorstil mit seinen typischen Zinnen, Erkern und Türmchen errichtet, vom dazugehörigen Park blieb allerdings nicht viel übrig. Es lohnt kaum, sich komplett anzukleiden, denn das Herrenhaus Schloss Kittendorf wartet nur einen Steinwurf entfernt: Perfekt restauriert und von gepflegten Grünanlagen umschlossen, durch die ein eigens umgeleiteter Bach fließt – ein filmreifes Ambiente. Hier stoße ich nicht nur erneut auf den Tudorstil, sondern auch auf den berühmten Gartenbaukünstler Peter Joseph Lenné (1789 – 1866), der den damals populären britischen Lebensstil ins Preußenreich pflanzte.

In liebevolle Hände abzugeben: Vom Glanz des Schlosses Varchetin ist nach 170 Jahren nicht mehr viel übrig

Betteln und Hausieren verboten: Altentreptows Bürger schützten ihr Hab und Gut mit einer hohen Stadmauer und drei Toren

​Britischer Lebensstil in preußischem Ambiente

Die architektonischen Einflüsse des Empire reichten sogar ein paar Kilometer weiter. Das von großzügigen Grünflächen umgebene Schloss Varchentin hat allerdings schon bessere Zeiten gesehen, steht mittlerweile unter Denkmalschutz und bedarf dringend eines handwerklich begabten Investors. Die Errichtung des Schlosses fällt in die Zeit des späteren Troja-Entdeckers Heinrich Schliemann (1822 – 1890), der im nicht weit entfernten Ankershagen seine Jugend verlebte. Vor dem ihm gewidmeten Museum steht, wie könnte es anders sein, ein hölzernes trojanisches Pferd. Die Landschaft wandelt sich, die Kurven werden runder, die Hügel höher, Fahrspaß pur!

Wer sich den Royals und der Romantik verbunden fühlt, kommt im benachbarten Hohenzieritz auf seine Kosten. Auf einer aussichtsreichen Anhöhe thront das klassizistische Schloss Hohenzieritz, das durch den plötzlichen Tod der erst 34 Jahre alten Königin Luise von Preußen bekannt wurde, einer geborenen Herzogin zu Mecklenburg aus dem Hause Mecklenburg-Strelitz. Die beim Volk beliebte Monarchin verstarb hier im Sommer 1810 angeblich an gebrochenem Herzen, die Mediziner hingegen vermuten eine Bronchitis. Aus dem Sterbezimmer wurde eine vielbesuchte Gedenkstätte, aus dem Schloss der Sitz der Müritz-Nationalpark-Verwaltung. Weniger pompös kommt das um die Ecke liegende Örtchen Prillwitz daher: Es gönnt sich ein bescheidenes Jagdschloss und ein frisch renoviertes Gutshaus. Hier klappe ich gern den Seitenständer raus und schlendere hinunter ans schattige Ufer der Lieps: ein kleines Gewässer, das durch einen schmalen Kanal mit dem langgestreckten Tollensesee verbunden ist. Zwischen der stark befahrenen B 96 und Möllenbeck schufen Straßenbauer mit mittelstreifenlosem Teer ein wahres Kurvenparadies, mit den sanften Kuppen einer typischen Endmoränenlandschaft legte Mutter Natur eine weitere Schippe Fahrspaß obendrauf. In der Annahme, dass die zurückliegende Etappe schon der fahrerische Leckerbissen der Tour gewesen sein soll, belehrt mich der Ritt zur Burg Stargard eines Besseren. Unzählige Teiche und Bäche funkeln durchs Unterholz, bis ich über betagtes Kopfsteinpflaster, aus dessen Fugen Gras wuchert, hinauf zur Burg rumple.

Die Bastion kann gleich doppelt punkten: Sie gilt als eines der ältesten Bauwerke der Region und ist die letzte erhaltene Höhenburg in diesem recht flachen Teil Norddeutschlands. Die verkehrsreiche Metropole Neubrandenburg meide ich ganz bewusst, ich bin lieber auf allerkleinsten Wegen über Land unterwegs. Wie ein flüchtender Feldhase schlage ich dabei einen Haken nach dem anderen und erreiche im großen Bogen Friedland. Dessen vorteilhafte Lage an mittelalterlichen Heer- und Handelsstraßen bescherte Reichtum, aber auch Neider, gegen die eine mächtige Mauer schützen sollte. Vom Neubrandenburger Tor, dem größten Durch­lass in der einstigen Stadtbefestigung, beschleunige ich westwärts und treffe nach einem kurzweiligen Feldwaldundwiesenmix auf die mäandernde Tollense. Ich durchstreife ihr weites Tal und gelange in Altentreptow durch die Hintertür in die Kleingartenanlage am Klosterberg, wo ein wirklich dickes Ding auf mich wartet: Der „Große Stein“. Ähnlich wie der Eisberg, der die Titanic versenkte, ist der größte auf dem Land liegende Findling Norddeutschlands nur zu einem Teil sichtbar. Experten schätzen sein Gewicht auf 360 Tonnen, was etwa dem von 1800 Motorrädern entspricht. Noch größer soll der Findling „Buskam“ sein, der bei Göhren vor der Ostküste Rügens aus den Wellen der Ostsee ragt. Da muss ich unbedingt mal hin. Die Insel soll ja auch sehr schön sein.

Hoteltipp

Hotel am Markt

Das gastliche Haus bietet sich für viele ausgedehnte Touren zwischen der Uckermark und der Ostseeinsel Usedom an. Ruhige, komfortabel ausgestattete Zimmer, ein einladendes Restaurant und ein zünftiger Tresen bilden eine gute Grundlage für unbeschwerte Fahrtage. Überdachte Stellplätze und Wlan. Das Doppelzimmer mit Frühstück ab 80 Euro.

Am Markt 1
17087 Altentreptow
Fon 03961 / 25820
www.ferienhotel-vorpommern.de

Reise-Info

Streckenlänge: 200 Kilometer
Dauer der Tour: Tagestour
Allgemeines: Mecklenburg-Vorpommern liegt im Norden Deutschlands zwischen Schleswig-Holstein und Polen, zwischen Ostseeküste, Binnenseen und Hügelland, die Landeshauptstadt ist Schwerin. Die östlichen Ausläufer der Mecklenburgischen Seenplatte mit ihren Wäldern und Mooren bilden eine vielfältige Landschaft, in welcher die Natur auf großen Flächen geschützt ist. Abschmelzende Gletscher der letzten Eiszeit prägten die leicht gewellte Region, in der sich zahlreiche Schlösser und Herrenhäuser verbergen. Die Bundesstraßen bieten guten Teer, aber oft hohes Verkehrsaufkommen, die Qualität der überwiegend verkehrsarmen Nebenstrecken ist sehr unterschiedlich. Die Tour ist von Anfängern und alten Hasen problemlos zu meistern.

 

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Anreise: Von Hamburg über die A 1 bis Lübeck und weiter auf der Ostseeautobahn A 20, die dem Küstenverlauf folgt und das Tourengebiet im Norden tangiert. Alternativ von Hamburg oder Berlin aus über die stark frequentierte A 24.
Reisezeit: Anfang Mai bis in den Oktober
Literatur: Dumont Bildatlas 38 „Mecklenburg-Vorpommern“. 120 Seiten, 9,95 Euro.
Informationen: Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern e.V., Konrad-Zuse-Straße 2, 18057 Rostock, www.auf-nach-mv.de.
Wissens­wertes zu den Schlössern, Gärten und Herrenhäusern bietet www.schloesser-gaerten-mv.de.
Museum: Schliemann-Museum, Lindenallee 1, 17219 Ankershagen, schliemann-museum.de. Montag geschlossen, Eintritt sechs Euro

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