Fünf-Seen-Fahrt: Oberbayern

Kristallklare Seen, einladende Biergärten, imposante Kirchen, Lüftlmalereien an Hausfassaden und am Horizont die Berge – das ist oberbayerische Vielfalt zwischen München und den Alpen.

von Frank Sachau (Text & Fotos)

Auszeit! Die lange Anreise noch in den Knochen, gönnten wir gestern den Motorrädern einen Ruhetag und uns eine Ammerseerundfahrt an Bord des historischen Raddampfers Dießen. Am Nachmittag folgte eine Wanderung durch das idyllische Kiental hinauf zum berühmten Kloster Andechs. Auf dem heiligen Berg angekommen, arbeiteten wir den kulturellen Teil schnell ab, um mehr Zeit für den der kulinarischen zu haben: Bei Klosterbier und Schweinshaxe, versteht sich. Ausgeschlafen und gut gefrühstückt, beginnen wir mit unserer Entdeckungstour durch das Fünf-Seen-Land gleich vor Herrschings Haustür. Der Fährbetrieb auf dem Ammersee war ein Privileg der Fischer, nur sie durften die Pilger von und nach Andechs übersetzen. Bei vollem Kahn vertrösteten sie die Zurückbleibenden mit dem Ruf „Wart‘s a Weil“ bis zum Eintreffen des nächsten Bootes. So kam das Dörfchen Wartaweil zu seinem ungewöhnlichen Namen. Wir warten nicht und preschen gen Süden, die Berge am Horizont fest im Blick, glitzert rechter Hand der Zweitgrößte des See-Quintetts durchs Unterholz. Nach einem respektvollen Schlenker um ein Vogel­schutzgebiet erreichen wir das von weitem sichtbare Dießener Marienmünster, eine der großartigsten Barockkirchen Süddeutschlands, bekannt durch feinste Deckenmalereien, den sogenannten „Dießener Himmel“. Die Etappe am Westufer kann man getrost als „nett, aber unspektakulär“ bezeichnen, geizt sie doch mit Blicken auf das Gewässer. Mit dem Abbiegen auf die parallel zur Autobahn führende Straße nach Inning befahren wir historischen Boden. Wo heute die A 96 München mit dem Bodensee verbindet, verlief einst ein wichtiger Handelsweg, auf dem Salz, das weiße Gold, transportiert wurde. Nicht an die Ware, sondern an einen gekrönten Reisenden und sein riesiges Heer erinnert das beeindruckende Wandgemälde am „Kaiserhaus“: Vor rund tausend Jahren zog Kaiser Heinrich II., der Heilige, mit 60 000 Mann durch Inning nach Italien, wobei er just an dieser Stelle über Nacht blieb. Unser Tag ist noch jung, der Tank noch voll. Die sich anschließenden Höhen von Breitbrunn überraschen mit ganz großem Kino – der nahe Ammersee zeigt sich in Bayerisch- Blau, die weit entfernten Alpengipfel kleiden sich mit weißen Mützen. Im quirligen Herrsching angekommen, biegen wir auch schon zum Pilsensee ab, der sich aber, wohl wegen seiner geringen Größe, schüchtern hinter einer dichten Blätterwand verbirgt. Als Entschädigung entführt uns eine nette Nebenstrecke im Uhrzeigersinn um den benachbarten Wörthsee, der mit einer einladenden Badestelle punkten kann. Wäh­rend wir uns auf der Liegewiese im Halb­schatten rekeln, parken unsere Maschinen in Sichtweite auf kostenlosen Stellplätzen.

Der Mann mit dem goldenen Fisch: „Der Diez“ trägt seinen kapitalen Fang aus dem Ammersee ins Zentrum des Fischerorts Dießen

Mediterranes Flair am Lago Maggiore? Falsch! Bayerisches Dolce Vita bei einer planerischen Pause im Café Forster in Schondorf am Ammersee

Himmel auf Erden: Das Dießener Marienmünster protzt mit feinsten Deckenmalereien

Um den kleinsten Vertreter unserer Fünf-Seen-Fahrt auf der Straßenkarte zu entdecken, müssen wir schon genauer hinschauen, denn der Weßlinger See ist kaum größer als ein Swimmingpool. Was ihm an Weite fehlt, ma­chen die umliegenden Straßen durch reichlich Fahrspaß wieder wett: Von der Wasserfläche geleitet uns eine reizvolle Trasse windungsreich hinauf nach Unering, um von dort über etliche Kurven steil nach Seefeld hinabzustürzen, bevor der Anstieg zum Widdersberg zu bewältigen ist. Nach diesem vergnüglichen Auf und Ab ist entspanntes Touren im hohen Gang nach Starnberg an der nördlichen Spitze des gleich­namigen Sees angesagt. Doch die schön runden Kurven um Söcking geraten schnell in Vergessenheit, als wir kurz darauf im zähfließenden Verkehr dahinschleichen – halb München scheint Ruhe und Erholung am größten der fünf Seen zu suchen. Dem Tohuwabohu entronnen, weist kurz darauf eine überdimensionierte Krone im Kreis­verkehr von Berg auf eine traurige Begebenheit hin: Die unstillbare Bauwut des Märchenkönigs Ludwig II. brachte Bayern an den Rand des Ruins. Entmündigt und entmachtet zog man den Monarchen und seinen Arzt im Sommer 1886 am nahen Ufer tot aus dem Wasser. Mord oder Selbstmord – die myste­riösen Umstände blieben bis heute ungeklärt. Völlig klar ist, dass die Seestraße entlang des Ostufers für den Durchgangsverkehr gesperrt wurde. Denn ein übergroßes Verbotsschild verlangt, über Münsing an den südlichen Zipfel des langgestreckten Gewässers zu cruisen, wo weiße Segeldreiecke die glitzernde Wasserfläche verzieren. Als ebenbürtiges Gegenstück zum Märchenkönig wartet Possenhofen am westlichen Ufer mit seiner „Sisi“ auf, der späteren österreichischen Kaiserin, die im hiesigen Schloss ihre Kindheit verbrachte. Vielleicht hat sie ja in den Sommermonaten an der Badestelle Possenhofener Paradies Erfrischung gesucht. Wir erleben trotz des viel­versprechenden Namens rustikale Selbstbedienung, aber ein tolles Seepanorama und einen grandiosen Alpenblick. Weil wir mitgezählt haben, machen wir uns mit der Gewissheit, alle Gewässer des Fünf-Seen-Landes angefahren zu haben, auf den Rückweg.

Hoteltipp

Hotel Gasthof zur Post

Der im Zentrum von Herrsching am Ammersee gelegene Gasthof mit seinem gemütlichen Biergarten ist idealer Ausgangsort auch für Fahrten in den benachbarten Pfaffenwinkel oder die im Süden gelegene Zugspitzregion. Kloster Andechs und die Anlegestelle der Seeschifffahrt sind bequem zu Fuß zu erreichen. Das Doppelzimmer mit Frühstück ab 129 Euro, die Garage und das WLAN gibt’s gratis.

Andechsstraße 1
82211 Herrsching am Ammersee
Fon 08152 396270
www.post-herrsching.de

Reise Info

Streckenlänge: 160 Kilometer
Dauer der Tour: Tagestour
Allgemeines: Zwischen dem bodenständigen Ammersee (47 km² Fläche, bis zu 82 m tief) und dem mondänen Starnberger See (57 km² Fläche, bis zu 127 m tief), auf denen Fahrgastschiffe verkehren, liegen drei kleinere Gewässer, die zu­sammen das oberbayerische Fünf-Seen-Land bilden und ihren Ursprung den mächtigen Gletschern der letzten Eiszeit verdanken. Die Uferregionen sind gesäumt von Wäldern und Wiesen, Kirchen und Klöstern, Bootshäusern und Badestellen, Villen und Parkanlagen. Das Angebot an Einkehrmöglichkeiten ist vielfältig, das Straßennetz dicht und sehr gut in Schuss. Die beschriebene Tour verläuft überwiegend auf Nebenstrecken und ist auch für Anfänger geeignet.

Anreise: Im Osten tangiert die von München nach Garmisch-Partenkirchen führende A 95 das Tourengebiet, im Norden die von München zum Bodensee führende A 96.
Reisezeit: Anfang Mai bis Ende Oktober
Literatur: DuMont Bildatlas Nummer 6 „Ober­bayern“. 120 Seiten reich bebilderte Informationen über die Region zwischen Lech und Inn, München und den Alpen. Das preiswerte und mit zahlreichen Straßenkarten gespickte Werk eignet sich hervorragend für die erste Planung, 9,95 Euro.
Karten: ADAC Kartenset Deutschland 2018/19. Zehn Doppelblätter im Set von MairDumont. Maßstab 1:200 000, 14,99 Euro.
Informationen: Tourist Information Starnberg, Hauptstraße 1, 82319 Starnberg, www.sta5.de, www.fuenfseenland.de, www.fuenfseenland.de, Klosterbrauerei Andechs, Bergstraße 2, 82346 Andechs. Das Braustüberl ist täglich von zehn bis 20 Uhr geöffnet, andechs.de

Teilen: