Die Zeit rennt: Rund vier Jahre nach ihrer Einführung erhält der Bestseller MT 07 ein Update. Wir wagten uns ran.

Eine Wiederauferstehungsgeschichte, die ihresgleichen sucht, war die Einführung der MT-Modelle für Yamaha. Weg vom konventionellen Vierzylinder-Denken und hin zu spaßmachenden Antriebskonzepten. Ohne Rücksicht auf verschenkte Synergien entstand eine neue Art Motorrad – ein Wagnis, das mit Dauerkarten in den Zulassungscharts belohnt wurde. Nach nunmehr fünf Jahren und einer neuen Zulassungsnorm steht das erste große Facelift an.

Auf den ersten Blick tat sich nicht viel: Mit zarter Hand setzte Yamaha an den Plastics an, die nun etwas schärfer geschnitten die Verwandtschaft zur MT-Familie klar machen. Der Frontscheinwerfer schaut nun böser drein, bei subjektiv gleich guter Ausleuchtung der Straße. Die neue Sitzbank bringt den Fahrer eine Spur näher zum Tank – erstaunlich, wie so einfache Kniffe das schon ausgewogene Fahrverhalten weiter verfeinern.

Wuchtig: Der Motor

Und das ist seit jeher die Stärke der Nullsieben: Der Motor ist eine Wucht. Der Reihenzweier mit dem charakteristischen Hubzapfenversatz fühlt sich an wie ein Vau, ohne dessen Allüren an den Tag zu legen. Vibrationsfrei und unauffällig im unteren Bereich gibt sich der Twin. Und hält ab Standgas Schub en masse bereit. Unabhängig von Drehzahl ist er bereit zu liefern, wenn gefragt wird: Ohne Verzögerung wird ein Dreh am Gasgriff in Vortrieb umgewandelt – vehement. Und feinfühlig. Im zweiten Gang sind Wheelies die Paradesdisziplin, die sich meilenweit durch die feine Gasannahme austarieren lassen. Dank der Drehmoment-orientierten Auslegung fällt der Zweizylinder über das gesamte Drehzahlband in kein Loch. Ein Vorteil, der vor allem auf kurvigen Landstraßen zur Geltung kommt. Ohne Schaltorgien lässt sich die MT blitzschnell um Kehren dirigieren. Und geht einmal ein Gangwechsel daneben, bleibt die Yamaha cool. Drehmoment aus dem Keller wird es richten – oder der fein einspringende Drehzahlbegrenzer. Wer letzteren meidet und gesittet mitschwimmt, kann den Verbrauch spielend leicht auf vier Liter drücken. Kein Rekordwert, aber im Rahmen. Und nach oben ist wenig Luft, selbst bei Dauerfeuer auf der Autobahn flossen nie mehr als 5,5 Liter auf 100 Kilometer durch die Einspritzdüsen.

Leicht verschärft: Die Front kommt etwas grimmiger daher

Powerknabe: Der Reihenzweizylinder setzt das Maß in der Klasse

Euro-4 – gern mit mir

Dass die Kupplungskraft dabei auf angenehm niedrigem Niveau ist, sei nebenbei erwähnt. Genau wie die akustische Zurückhaltung: Selbst bei Volllast lässt sich der Under-Engine-Topf nur zu einem leichten Grummeln bewegen. Eine emotional aufgeladene Klangkurve dringt nur stark gedämpft aus dem Auslass. Klingt zuerst langweilig, hat aber seinen Charme, ganz unbeschwert und fast lautlos umherzukurven.

Auch am Fahrwerk gab es leichte Retuschen – in Maßen. Die klassische Telegabel am Vorderrad erhielt eine neue Abstimmung. Die ist auf ganzer Linie gelungen und unterstreicht das alltags- und landstraßentaugliche Fahrverhalten der Yamaha: Grobe Patzer der Asphaltdecke werden ohne wenn und aber durch das exakt ansprechende Fahrwerk aussortiert, feine Rillen dringen auch in Schräglagen maximal als Nuancen durch. Komfortabel in schlaglochgeplagten Ballungszentren und spaßig auf gut ausgebauten Landstraßen. Durchschlagen gibt’s auch im Sozia-Betrieb nicht. Dass nur die Zugstufe an der Hinterhand einstellbar ist, sei bei diesem genialen Grundsetting entschuldigt.

Praktisch: Der Hakenschlüssel zum Einstellen der Federvorspannung liegt unter der Sitzbank

Justierbar: Der Stoßdämpfer lässt sich in der Zugstufe verstellen

Im Dreckstrahl: Der Ölfilter sitzt direkt hinter dem Vorderrad

Genial einfach

Wie einfach einfach genial sein kann, beweist Yamaha mit der Bremsanlage: Die Zutaten, zwei Festsättel vorne, die jeweils in eine schwimmende 282er-Scheibe beißen und ein Schwimmsattel auf einer 245-Scheibe hinten zusammen mit Gummileitungen sind Hausmannskost. Aber perfekt gewürzte, denn die beiden Doppelkolben vorne können weit mehr, als der dunkle Lack vermuten lässt: Durchaus spitz lässt sich die vollgetankt 182 Kilo wiegende MT abbremsen, mit viel Gefühl im rechten Zeigefinger. Und spät-wie-möglich-Bremser freuen sich über ein ABS, dass das Vorderrad stets an der Haftgrenze hält. Ganz tiefenentspannt bleibt das Heck, das beim Bremsen weder auskeilt noch bockt. Bis der 180er hinten anfängt zu wimmern, bietet das Bremspedal viel Gefühl, ehe das ABS sein Veto einlegt.

Das Thema Wartung ist ein zweischneidiges Schwert bei der MT-07: Yamaha möchte die 07er alle 10000 Kilometer oder einmal im Jahr sehen – das ist noch Mittelfeld. Der Ölstand wird links über ein Auge kontrolliert, das unter der Kupplung sitzt. Wegen der kompakten Bauform ist das Ablesen etwas umständlich und verbunden mit einem Knicks vor dem Motorrad. Die spacig aussehenden Achshalter könnten auch als Sturzpads durchgehen, das Ablesen der Einstellskala erfordert ein genaues Auge. Die mit Konterschrauben ausgelegten Kettenspanner sind zwar pfriemelig einzustellen, überzeugen aber mit hochwertiger Verarbeitung. Für die Kettenpflege liegt der Endschalldämpfer ungünstig, so dass dieser häufig ungewollt eine Ladung Schmiermittel abbekommt. Einen Hauptständer findet man erst im Zubehör-Markt.

Auch bei den Instrumenten bleibt Verbesserungspotential: Das Cockpit sieht zwar modern aus, ist aber immer noch nicht komplett entspiegelt und an sonnigen Tagen zu dunkel. Die Ziffern sind aus dem Augenwinkel teils schlecht erkennbar und die Tankanzeige geht subjektiv nicht linear runter. Eine Reserve-Leuchte vermisst man vollends, nur ein leichtes Pulsieren der Balken macht auf Brennstoff-Mangel aufmerksam.

Kunst? Sieht nett aus, aber der Tacho könnte eine Spur kontrastreicher sein

Leisetreter: Fast schon flüsterhaft gibt sich der Original-Pott

Viel Platz: Der Kennzeichenhalter bietet Potential für weniger

Fazit:

Alles in allem Kleinigkeiten, die den guten Eindruck der MT nicht schmälern können. Behutsam machte Yamaha aus einem guten Motorrad ein noch besseres, und blieb sich dabei seiner Wurzeln treu. Zwar sind knapp 7000 Euro in der Mittelklasse kein Pappenstil mehr, aber das, was die Japaner dafür liefern, sucht seinesgleichen. Ein so gut ausbalanciertes Motorrad, das auch triste Alltagsfahrten zum Erlebnis verwandelt, ist jeden Cent wert.

Die andere Meinung:

Und ich dachte bisher, nur Zweizylinder aus Europa machen richtig Laune: Die MT-07 ist kein langweiliger Vernunftmoppel, sondern ein Spaßgerät mit Grinsefaktor. Spritziger Motor, schmale Silhouette und ein Fahrwerk mit knackigem Feedback sind Zutaten für ein Funbike. Dass sie auch voll alltagstauglich und vergleichsweise günstig ist, kommt noch dazu.

– Erik Förster

Technische Daten:

Motor: Zweizylinder-Reihe, flüssigkeitsgekühlt
Hubraum: 689 Kubikzentimeter
Leistung: 75 PS (55 kW) bei 9000 U/min
Drehmoment: 68 Nm bei 6500 U/min
Reifen: v/h: 120/70 ZR17 / 180/55 Z17
Federweg v/h: 130/130 Millimeter
Sitzhöhe: 740 Millimeter
Wendekreis: 4,07 Meter
Tankinhalt: 14 Liter
Verbrauch: 4,8 Liter/100 Kilometer
Leergewicht: 182 Kilogramm
Preis zzgl. Nk.: 6795 Euro