Freiheit erfahren: Franken/Thüringen

Der lange Frank kurvt über drei Gebirgszüge und genießt dabei ein buntes Potpourri aus Schlössern, Burgen und Kirchen: Grenzenlose Freiheit entlang des ehemaligen Eisernen Vorhangs.

von Frank Sachau (Text & Fotos)

Plötzlich ist er wieder da – der kleine Schweinehund auf meiner linken Schulter! Perfide wiederholt der fiese Wicht die wenig optimistische Wetterprognose und rät mir angesichts fünfzigprozentiger Niederschlagswahrscheinlichkeit doch lieber die Annehmlichkeiten des Hotels zu genießen. Aber nichts da: Hin- und hergerissen schließe ich das Helmvisier und starte meinen Bayernboxer in Richtung Meiningen. Regennasse Geraden und die wolkenverhangene Rhön liegen hinter mir, als ich in weiten Kurven zur ehemaligen innerdeutschen Grenze hinaufschwinge. Bis zur Wiedervereinigung fand zwischen dem unterfränkischen Eussenhausen und dem thüringischen Henneberg der sogenannte „kleine Grenzverkehr“ statt. Beim Betrachten der noch reich­lich vorhandenen Sperranlagen überkommt mich leichtes Schaudern, das beim Abbiegen zum Heiligen Berg zu einem Lächeln wird und beim Erreichen des Weilers Einödhausen einem lauten Lachen weicht.
Durch die hügelige und menschenleere Landschaft des „Grabfeldes“ – die Herkunft des Namens liegt im Dunkeln – gelange ich auf schmalem Teer in die ehemalige Residenzstadt Römhild, die mit ihrem schlichten Schloss Bodenständigkeit demonstriert. Himmelwärts geht es dagegen bei der Etappe durch die Gleichberge. An Waldrändern, Wiesen und Feldern entlang, zwänge ich mich zwischen den über 600 Meter hohen Kegeln von großem und kleinem Gleichberg hindurch. Die lange erloschenen Vulkane werden in meinen Rückspiegeln immer kleiner, bis ich die Kreisstadt Hildburghausen erreiche, wo ich auf die Werra stoße. Stromaufwärts beschleunige ich auf der B 89 in Richtung Eisfeld, biege aber schon nach wenigen Schaltvorgängen am Bahnübergang von Veilsdorf rechts ab. Eine einfache Landstraße unter den Rädern, überquere ich die noch schmale Werra und taste mich durch das ehe­malige Niemandsland des Eisernen Vorhangs ins oberfränkische Heldritt vor. Von dort beginnt mein radienreicher Aufstieg an der Hildburghauser Höhe vorbei in die Langen Berge. Auf dem Kamm des über 500 Meter aufragenden Bergrückens verläuft ein mittelstreifenloses Asphaltband, das mir trotz niedriger Wolkendecke tolle Ausblicke auf das Coburger Land gewährt. Nach Passieren des Sendemastes auf der Senningshöhe senkt es sich schnell in mehreren Schleifen ins Lauter­bachtal hinab. Durch diese Hintertür betrete ich Coburg, das durch seine mittelalterliche Festung hoch über der Stadt bekannt ist.

Steinalt: Das barockige ehemalige Benediktinerkloster Banz thront hoch über dem Maintal

Alle Achtung: Von Vierzehn­heiligen führt ein leicht zu meisternder Wanderweg zum aussichtsreichen Staffelberg hinauf – und ein schneller Weg hinunter

Niemandsland: In Behrungen überdauerten Hinterlassenschaften des „antiimperialistischen Schutzwalls“ bis heute

Um mein nächstes, deutlich friedvolleres Ziel zu erreichen, scheue ich die mehrspurige B 4 wie der Teufel das Weihwasser. Die vom berühmten Architekten Balthasar Neumann geschaffene barocke Wallfahrtsbasilika Vierzehnheiligen polarisiert: Entweder ist man von der Pracht und Schönheit begeistert oder wird von Protz und Prunk abgestoßen. Im urgemütlichen Gastgarten der Klosterbrauerei fröne ich irdischen Genüssen und freue mich über deftige Kost zu niedrigen Preisen. Glauben und Wissen sind zwei unterschiedliche Dinge: Im benach­barten Bad Staffelstein wurde im 15. Jahrhundert der Rechenkünstler Adam Riese geboren, der als Vater des modernen Rechnens gilt, weil er seine Lehrbücher, was damals un­üblich war, in deutscher Sprache verbreiten ließ. Die lebensgroße Bronzefigur, die den Hochbegabten zeigt, finde ich in unmittel­barer Nähe des mit wunderschönem Fachwerk aufwartenden Rathauses. Kaum habe ich den Main überquert, lockt der Besuch des vor fast tausend Jahren gegründeten Benediktinerklosters Banz. Die im schönsten Barockstil gehaltene Anlage thront über dem Maintal und dient heute weltlichen Dingen. Meine Reise zum nächsten Zahlenjongleur punktet gleich doppelt: Landschaftlich eine Augenweide, fahrtechnisch ein Leckerbissen. Viel zu schnell kommt Königsberg im Naturpark Haßberge daher. Am Brunnen der unter Denkmalschutz stehenden historischen Altstadt stoppe ich den Motor und schaue zur Statue des Regiomontanus empor. Unter dem bürgerlichen Namen Johannes Müller erblickte das Genie im 15. Jahrhundert hier das Licht der Welt, stellte schon als junger Bursche seine mathematischen Fähigkeiten unter Beweis und sorgte für neue Erkenntnisse in Navigation und Astronomie. Im Hintergrund, etwas versteckt, schaut ein kleiner, dickbäuchiger Schwertträger von einer Fassade auf den Marktplatz. Es ist die südlichste Rolandfigur Deutschlands, sie stan­den im Mittelalter für besondere Privilegien und Freiheiten der Städte. Nicht weit vom nördlichsten Zipfel der Haßberge entfernt, konnten in Behrungen zahlreiche Hinterlassenschaften des ehemaligen „antiimperialistischen Schutzwalls“ bis heute erhalten werden und als Mahnmal Deutsch- Deutscher-Geschichte Auskunft darüber ge­ben, wie das DDR-Regime nach Selbstbestim­mung und Freiheit trachtende Bürger an der Flucht aus dem Arbeiter- und Bauernstaat hindern wollte. Abends im Hotel angekommen, schaue ich auf meine linke Schulter. Sollte der kleine Schweinehund wieder erscheinen, werde ich ihn mit einer lässigen Handbewegung wegscheuchen – die Freiheit nehme ich mir!

Hoteltipp

Bio-Hotel Sturm

Im liebevoll geführten Haus von Matthias und Christa Schulze Dieckhoff beginnt und endet ein Fahrtag, wie man es sich als anspruchsvoller Gast nur wünschen kann: Komfortable Zimmer, aufmerksamer Service, kreative Bio-Küche, schattiger Garten mit Schwimmteich, großzügiger Spa-Bereich, kostenloses WLAN, tolle Tourenvorschläge und eine Wohlfühlecke fürs Motorrad. Doppelzimmer mit Frühstück und Vier-Gang-Abendessen ab 174 Euro.

Ignaz-Reder-Straße 3
97638 Mellrichstadt
Fon 09776 / 8180-0
www.hotel-sturm.com

Reise Info

Streckenlänge: 230 Kilometer
Dauer der Tour: Tagestour
Allgemeines: Zwischen Main, Thüringer Schiefergebirge und Rhön führt die Reise entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze fast ausschließlich über verkehrsarme Nebenstrecken. Mit Ausnahme Coburgs gibt es keine kniffligen Ortsdurchfahrten und keine langweiligen Schnellstraßen, dafür ländliche Idylle pur, unzählige Kurven und Fachwerkhäuser satt. Die drei zu bewältigenden und bis zu 600 Meter hohen Mittelgebirgszüge stellen auch Fahranfänger vor keine allzu großen Herausforderungen. Wer über Zeit und bequemes Schuhwerk verfügt, sollte auf den aussichtsreichen Staffelberg wandern.  

Anreise: Das Tourengebiet wird von drei Autobahnen umschlossen: Die A 73 verläuft im Osten, die A 70 im Süden und die A 71 im Westen, die mit der Abfahrt Mellrichstadt eine besonders bequeme Anreise bietet.
Reisezeit: Anfang Mai bis Ende Oktober
Literatur: Der Tourismusverband Franken e.V. bietet mit „Motorradtouren Franken“ eine kostenlose, 90 Seiten umfassende Broschüre mit zehn ausgearbeiteten Routenvorschlägen an. Umfassend recherchiert, reich bebildert und kurzweilig beschrieben. www.frankentourismus.de
Karten: ADAC Kartenset Deutschland 2018/19. Zehn Doppelblätter im Set von MairDumont. Maßstab 1:200 000. Im Buchhandel oder über www.adac.de, 14,99 Euro.
Informationen: Tourismusverband Franken e.V., Wilhelminenstraße 6, 90461 Nürnberg, www.frankentourismus.de
Museum: Mahnmal Deutsch-Deutscher Geschichte, Freilandmuseum Behrungen, 98631 Grabfeld. Das Areal ist ganztägig und kostenfrei geöffnet.

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