Flusspiraten: Westerwald

Flüssiges Fahren leicht gemacht: Gleich vier Wasserläufe wässern einen reizvollen Motorradtrip durch den vielbesungenen Westerwald, der trotz kalter Winde ein heißes Pflaster für Kurvenräuber ist.

von Frank Sachau (Text & Fotos)

Wer beim Bund war, kann da vielleicht mitsummen: Das Marsch­lied „Oh, du schöner Westerwald“ ist ein Klassiker der Mundorgel. Wollen wir doch mal schauen, was es mit dem vielbesungenen Landstrich auf sich hat.
Aus der hessischen Domstadt Limburg ziehen wir hinaus in die Dörfer der rheinland- pfälzischen Provinz. Mit Erreichen des Niederwesterwaldes leuchtet am Horizont das gelbe Schloss Montabaur auf, das Wahrzeichen der Stadt krönt den alles überragenden Schloss­berg. Die Straße führt steil hinauf und endet vor dem Tor des barocken Bauwerks, dessen Ecken mit Rundtürmen besetzt sind. Unser nächster Eckpunkt befindet sich im nördlich gelegenen Selters, das aber nichts mit dem bekannten Mineralwasser zu tun hat. Das feuchte Nass, dem wir ab hier unsere Aufmerksamkeit schenken, gehört zum Saynbach. Sein Bett schlängelt sich wild durch das gleichnamige Tal, und die Straße weicht ihm nur selten von der Seite. Gut so! Der zum Rhein strebende Bach sorgte einst für das Auskommen vieler Müller, in der Blütezeit klapperten hier 17 Mühlen vor sich hin. Südlich des Tals liegt das Kannenbäckerland vor uns. Reich an Ton, war es seit dem Mittelalter die Heimat des grau-blauen Westerwälder Steinzeugs. Von deutlich feinerem Geschirr dürften die Grafen von Sayn gespeist haben. Das zum uralten deutschen Adel zählende Geschlecht setzte im zwölften Jahrhundert eine stattliche Burg auf einen Felsvorsprung hoch über dem Ort, zog dann aber, weil‘s schicker war, in das von einem prächtigen Landschaftsgarten umgebene Schloss um.
Dass es im Vorderwesterwald nicht weniger schön ist, erfahren wir mit Querung der B 256. Wir erreichen das bildhübsche Wiedtal. Erneut bleiben wir einem Wasserlauf dicht auf den Fersen und wechseln von einer Schräglage in die nächste. Stromaufwärts preschend, mal auf dem linken, mal auf dem rechten Ufer, schlagen wir einen großen Bogen über Neustadt nach Döttesfeld, wo wir der Wied vorerst Tschüss sagen. Im nahen Puderbach biegen wir ab und nehmen Kurs auf die Abtei Marienstatt. Ein kurzweiliger Feldwald­und­wiesenmix liegt hinter unseren Rücklichtern, als wir am Zisterzienserkloster vorbeisausen und in das wohlgeformte Hügelland der Kroppacher Schweiz vorstoßen. Auf der Steineberger Höhe nördlich von Malberg wurde vor wenigen Jahren der Barbaraturm errichtet, Überbleibsel eines stillgelegten Harzer Bergwerkes. Kaum haben wir die Aussichtsplattform erklommen, wird uns klar, warum es im Westerwaldlied heißt: „O, du schöner Westerwald, über deine Höhen pfeift der Wind so kalt“. Egal, wir genießen ein tolles Panorama, das uns Fernblicke bis zum Siebengebirge bei Bonn schenkt.

Mittelalterliche Mautstelle: Eine Furt in der Lahn und die Lage an einem bedeutenden Handelsweg ließen die Domstadt Limburg aufblühen

Adliger Anschriftenwechsel: Die Grafen von Sayn zogen einst von der zugigen Burg über dem Ort in das feudale Schloss im Erdgeschoss

Glück Auf: Das Fördergerüst der stillgelegten Harzer Zeche auf der Steineberger Höhe dient nun als Aussichtsturm

So wie das stählerne Turmgerüst vor dem Schrottplatz gerettet wurde, haben auch viele betagte Motorräder Glück gehabt und im Wes­terwald-Museum für Motorrad & Tech­nik eine neue Heimat gefunden. Seit 1993 zeigen Agnes und Gerhard Weller im nahen Steinebach eine umfangreiche und liebevoll zusammengestellte Oldtimersammlung von BMW bis Zündapp.
Zurück in die Natur! Südlich der Fachwerk­stadt Hachenburg führt uns eine beschauliche Nebenstrecke an die B 8, die schon zu Zeiten der Ritter eine bedeutende Handelsstraße zwischen Frankfurt und Köln war. So bedeutend, dass hier die Burg Hartenfels als strategisch wichtiger Checkpoint erbaut wurde. Von ihr überdauerte nur der hoch aufragende, unüber­sehbare Bergfried. Nach einem beherzten Kurswechsel gelangen wir in das benachbarte Natur­schutz­gebiet Westerwälder Seenplatte mit seinen sieben Weihern und der Wiedquelle. Im nicht weit entfernten Nistertal entführt uns schon der nächste Wasserlauf: Gegen die Fließrichtung der Nister schwingen wir durch die Kur- und Kneippstadt Bad Marienberg zur Fuchskaute hinauf, mit 657 Metern der höchste Berg des Westerwaldes. Wenige Schaltvorgänge später heißt es vom Gipfel in die Grube – in Höhn stoppen wir am Förderturm des 1961 stillgelegten Bergwerks Alexandria. Rund 250 Jahre schufteten die Kumpel unter Tage, um die die größten Braunkohlevorkommen der Region abzubauen. Südlich des bei Freizeitkapitänen und Wasserratten beliebten Wiesensees stoßen wir hinter Westerburg auf den Elbbach, der mit uns zurück nach Limburg plätschern wird. Wir haben Zeit und Muße genug, um die B 54 zu verschmähen und treiben unsere Maschinen lieber ins hessische Hadamar. Die letzte Querung des Elbbachs führt uns über die winzige St. Wendelinbrücke, wohl die älteste ihrer Art in Hessen. Dann tauchen die Türme Limburgs auf. Ürigens: Aufgrund des nationalsozialistischen Hintergrunds untersagte das Verteidigungsministerium kürzlich die Verwendung mehrerer vorbelasteter Marschlieder. Auch das Westerwaldlied stimmt die Truppe deshalb heute nicht mehr an. Doch das hält den Wind nicht davon ab, weiterhin kalt über die Höhen dieses wunderschönen Mittelgebirges zu pfeifen.

Hoteltipp

Hotel Montana Limburg

Während das historische Zentrum der schmucken Domstadt nur 15 Gehminuten vom verkehrsgünstig an der A 3 gelegenen Haus entfernt ist, liegen die Tourengebiete von Rheingau, Westerwald und Taunus fast vor der Hoteltür. Komfortable Zimmer, prima Service, tolles Frühstücksbüfett. Garage und WLAN kostenlos. Das Doppelzimmer mit Frühstück ab 78 Euro.

Am Schlag 19
65549 Limburg an der Lahn
Fon 06431 21920
www.montana-limburg.de

Reise Info

Streckenlänge: 260 Kilometer
Dauer der Tour: Hessen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz – gleich drei Bundesländer teilen sich das rechts des Rheins aufragende Mittelgebirge, dessen Gipfel die 657 Meter hohe Fuchskaute markiert. Während das 3000 Quadratkilometer Fläche umfassende, wald- und kurvenreiche Terrain von den Flüssen Sieg, Dill, Lahn und Rhein eingerahmt wird, führen verkehrsarme Nebenstrecken an den verschlungenen Wasserläufen von Saynbach, Wied, Nister und Elbbach entlang zu malerischen Kleinstädten, schicken Schlössern, trutzigen Burgen und aussichtsreichen Höhen. Die Tour stellt weder Anfänger noch Profis vor fahrerische Herausforderungen.

Anreise: Das Tourengebiet wird von der A 3 von Südosten nach Nordwesten durchzogen, das Hotel wird über die Abfahrt Limburg-Nord erreicht.
Reisezeit: Anfang Mai bis in den Oktober
Literatur: Das große Motorrad-Tourenbuch Deutschland. Auf Traumstraßen über 30 000 Kilometer quer durch die Republik. 320 reich bebilderte Routen mit Kartenskizzen und Informationen. Bruckmann-Verlag, 30 Euro.
Karten: ADAC Kartenset Deutschland 2016/17. Zehn Doppelblätter im Set von MairDumont. Maßstab 1:200 000. Im Buchhandel oder über www.adac.de, 14,99 Euro.
Informationen: Westerwald Touristik-Service, Kirchstraße 48a, 56410 Montabaur, Fon 02602 30010, www.westerwald.info
Museum: Westerwald-Museum, Hauptstraße 21, 57520 Steinebach/Sieg, www.westerwaldmuseum.de. Täglich von neun bis 18 Uhr geöffnet, Eintritt vier Euro

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