Imitation ist bekanntlich das schönste Kompliment: Mit der XSR 700 XTribute lässt Yamaha die XT 500 noch einmal hochleben.

von Guido Bergmann
Fotos F. Montero/J. Godin

Ein Tipp vorneweg: Parkt eine X Tri­bute nie in der Nähe des Originals! Neben einer echten XT 500 wirkt das Sondermodell der XSR 700 wie ein di­cker Onkel, der sich in den Trainingsanzug seines Neffen gequetscht hat. Diese kleine Peinlichkeit fällt zum Glück wirklich nur auf, wenn die XTribute und der Spargeltarzan von 1981 unmittelbar neben­einander stehen. Für sich betrachtet ist die XSR durchaus schick. Das gebürstete Alu- Tankcover mit der klassischen Beschriftung wirkt ebenso zeitlos wie die goldgelackten Alufelgen. Der bronzeglänzende Twin samt Edelstahlauspuff macht sich ebenfalls gut und lässt fast vergessen, dass es sich hier um einen topmodernen wassergekühlten Vierventiler handelt. Alte XT-Freunde freuen sich auch über Faltenbälge und die weißen Kotflügel. Fast wie damals ist schon das dicke Original- LED-Rücklicht, das Yamaha an unseren Testmotorrädern bereits gegen ein kleineres Zubehörteil mit betörendem Leuchtring ge­tauscht hat. 163 Euro, die sich lohnen. Einen Batzen mehr wird Akrapovics hoch­gelegte Titan-Komplettanlage verschlingen, die die Abgase fast so führt wie die alte XT und so klingt, als wären die Geräuschvorschriften der Achtziger immer noch aktuell. Überraschung: Selbst jene Kollegen, die die XTribute für, sagen wir mal: optisch nicht ganz so gelungen halten, finden das Sitzgefühl cool. Mein Reden: Ein Endurolenker hat noch keinem Motorrad ge­schadet. Auf der flachen Bank mit dem für jede Sozia unerreichbar weit nach hinten gerutschtem „Halteriemen“ thront man ähnlich lässig wie damals auf dem Dampfhammer. Fehlt eigentlich nur noch der Bundeswehrrucksack, um die optische Zeitreise perfekt zu machen. Das Fahren fällt natürlich hochmodern aus. Über den saftigen Twin ist ja schon im Fahr­bericht zur Ténéré beinahe alles gesagt. Er drückt, er dreht, er gehorcht aufs Wort – er ist wunderbar. Die aufrechte Sitzposition verbessert nicht nur Übersicht und Handlichkeit, sondern entlastet auch das Vorder­rad, das sich fast so einfach lupfen lässt wie auf einer Sportenduro. Apropos Sport: Kann die XTribute auch! Natürlich betreibt sie auf kurvigem Geläuf eine andere Disziplin als stummelgelenkte Superbikes. Aber viel langsamer ist sie nicht. Vor allem aber fühlt sie sich dabei herrlich unbeschwert und spielerisch an. Das softe Fahrwerk filtert Widrigkeiten des Straßenbaus locker weg, gautscht wie eine Supermoto in die Kurve und kommt auch in Schräglage gut mit Buckeln zurecht. Die Pirelli MT60RS sehen nicht nur gut aus, sondern machen auch alle vertretbaren Geschwindigkeiten mit. Selbst die obszön langen Schleifnippel der Fußrasten raspeln später als vermutet. Kurz: Die XTribute fährt kein bisschen schlechter als eine Standard-XSR. Aber als echter Scrambler darf sie natürlich auch nicht schmutzempfindlich sein. Die zehn Kilometer lange Schotteretappe als Teststrecke für ihre „Urban Offroad“-Talente meistert die XSR solide, aber ohne rechte Begeisterung. Bei sachtem Tempo kommen die 130 Milli­meter Federweg einigermaßen zurecht, der breite Lenker hilft, und der Zweizylinder kann auch krabbeln. Die überbreiten Reifen auf den 17-Zöllern verhageln die Zielgenauigkeit allerdings deutlich, und der Schottergrip der Pirelli ist auch nicht der Rede wert. Egal, für einen stilechten Abstecher auf den festgefahrenen Strand reicht es allemal. Und wer wollte so ein schönes Motorrad wirklich schmutzig machen?

Fast wie früher: Der Akra perfektioniert das Heck zum Preis eines Gebrauchtmotorrads

Dunkle Zeiten: Das asymmetrische Digitalding schert sich nicht um Tradition

Das ist neu:

  • Faltenbälge
  • breiter Endurolenker
  • Offroad-Fußrasten
  • Bereifung Pirelli MT60RS
  • viel schwarzer und goldener Lack
  • schwarze Blenden
  • flache Sitzbank
  • gelbe Blinkergläser

Technik: Yamaha XSR 700 XTribute

Bauart: Zweizylinder-Viertakt-Reihe, flüssigkeitsgekühlt, Sechsganggetriebe, Kette
Hubraum: 689 cm³
Leistung: 55 kW (75 PS) bei 9000 min-1
Drehmoment: 68 Nm bei 6500 min-1
Bremse v/h:  282-mm-Doppelscheibe mit Vierkolben-Festsätteln / 245-mm-Scheibe mit Einkolben-Schwimmsattel
Federweg v/h: 130/130 mm
Bereifung v/h: 120/70 ZR 17 / 180/55 ZR 17
Sitzhöhe: 845 mm
Tankinhalt: 14 l
Leergewicht: 188 kg
Preis inkl. Nk.: 8499 Euro
(Herstellerangaben)

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