Festtagsstimmung: Östliches Erzgebirge

Im Motorradland Erzgebirge ist immer Weihnachten: Das Kurveneldorado beschert neben reichlich Fahrspaß auch einen bunten Teller festlicher Höhepunkte.

von Frank Sachau (Text & Fotos)

Kindheitserinnerungen werden wach: Die Weihnachtspyramide dreht sich, die Eisenbahn ist aufgebaut, der Wunschzettel geschrieben. Im Fichtenhäusel ist ganzjährig Festtagsstimmung angesagt, denn im Gastraum bringt der Fichtenexpress Getränke an die Tische, draußen weckt eine überdimensio­nierte Pyramide Bewunderung. Und auf den Wunschzetteln der Motorradfahrer stehen Kurven, Kurven, Kurven. Kaum aus der Hotelgarage gerollt, wirft sich im dunklen Wald auch schon die erste Kehre vor unsere Pneus. Kurz darauf gelangen wir entlang der historischen Gleise der Preßnitztalbahn nach Steinbach, um von dort aus dem Kamm des Erzgebirges nord­ostwärts zu folgen. Von nun an schmiegt sich die Straße an die Grenze zu Tschechien, windet sich über aussichtsreiche Höhen und durch enge Täler. Während am linken Spie­gel mächtige Felsen neben dem schmalen Teer aus dem Boden wachsen, gluckert rechts ein kleiner Bach durch den dunklen Wald. Wieder im Tageslicht angekommen, stoppen wir am „Olbernhauer Reiterlein“, einem schneeweißes Schaukelpferd, das einen rotgewandeten Kavalleristen trägt, aus Holz und übergroß. Viel kleiner kam dieses Ensemble 1935 zu Ehren, als es hier millionen­fach gefertigt, den Spendern für das Winter­hilfswerk als Dankeschön überreicht wurde. Erzgebirgisches Holzspielzeug kann auf eine lange Tradition zurückblicken: Ausge­beutete Gruben führten zum Niedergang des seit dem Mittelalter florierenden Berg­baus und zwangen zur Neuorientierung. Was lag näher, als die umliegenden Wälder für die aufstrebende Holzverarbeitung zu nutzen. In liebevoller Handarbeit gefertigte Weihnachtspyramiden, Engel und Räucher­männchen verschafften Seiffen den Bei­namen „Spielzeugdorf“. Zur 650-Jahr-Feier wurde ein vier Meter großer Nussknacker, der „Musketier“, geschaffen, der aber nach den Festivitäten in Vergessenheit geriet. Fast zwanzig Jahre später wiederentdeckt und restauriert, erhielt der hölzerne Riese 1991 sogar ein eigenes Schutzhäuschen. Als Häuschen kann man das nahegelegene Schloss Purschenstein nicht bezeichnen. Der prachtvolle Bau entstand aus einer Burg, die einen historischen Handelsweg ins benachbarte Böhmen schützen sollte. Was am Himmel über der ehemaligen DDR unterwegs war, können wir im klitzekleinen Flugzeugmuseum Cämmerswalde bestaunen: Ein Passagierflugzeug Iljushin IL 14, einen Kampfjet MIG 21 und einen Hubschrauber MI-2. Nach den Einblicken in die überholte Luftfahrttechnik bleibt sogar noch Zeit für einen Kaffee im gemütlichen Biergarten. Die Etappe zum nächsten betagten Gemäuer ist ganz nach unserem Geschmack: Gespickt mit Biegungen aller Güteklassen, lässt uns eine charaktervolle Nebenstrecke durch finstere Forste flitzen, über runde Kuppen hüpfen und in tiefe Senken stürzen, bis wir in Lauenstein mit einem zufriedenen Lächeln die Zündschlüssel ziehen. Das gleichnamige Renaissanceschloss thront hoch über dem bildhübschen Müglitztal, von dem schon König Johann von Sachsen schwärmte. Nur allzu gern folgen wir dem gewundenen Wasserlauf und erreichen Glashütte, wo die Zeit gemacht wird: Seit mehr als 170 Jahren tickt es hier unauf­hörlich und äußerst präzise, denn der Ort gilt als Olymp deutscher Uhrmacherkunst.

Wasserwelten: Neben Thüringen und Nordrhein-Westfalen gönnt sich Sachsen deutschlandweit die meisten Talsperren

Purschensteiner Vogelhochzeit: Das Holz für diese bunte Truppe lieferte der Stamm einer 200 Jahre mächtigen Fichte

Wo sind die Bäume? Für einen Abschnitt der Deutschen Alleenstraße bietet die B 171 erstaunliche Fernblicke

Die Blicke auf die schmucklose Digitaluhr im Cockpit und die Straßenkarte im Tankrucksack machen deutlich, dass es langsam Zeit für eine Wende wird. Bei Dippoldiswalde schwenken wir auf die Deutsche Alleenstraße ein und die B 171 hält, was der Faltplan versprach – Fahrspaß satt! Nach einem Schlenker um die Talsperre Lehnmühle fliegt die von Weitem sichtbare Burgruine Frauenstein vorbei, die zu den schönsten und größten der Republik zählt. Um 1200 zum Schutz großer Silberfunde erbaut, ist sie heute das Wahrzeichen des 3000-Einwohner-Örtchens. Nu gugge ma da, wie der Sachse sagen würde, in Bienenmühle-Rechenberg waren wir heute doch schon mal. Wir queren das dunkle Wasser der Freiberger Mulde, steigen zur hochgelegenen Bergstadt Sayda auf und zirkeln anschließend über herrlich runde Kurven hinab ins Tal der Flöha. Sie und ihre sechs Nebentäler schenken Olbernhau den Beinamen „Stadt der sieben Täler“. Der nördliche Ortsrand entlässt uns ins nicht weit entfernte Marienberg, das seinen Ursprung den reichen Bodenschätzen der Region verdankt. Im 16. Jahrhundert sorgten mehr als 1000 Zechen für Arbeit und Brot, der große Zustrom von Bergleuten veranlasste Herzog Heinrich den Frommen zur Gründung der Bergstadt Marienberg. Mit furchteinflößendem Schwert bewaffnet, schaut er als Bronzestatue dem Treiben auf dem riesigen quadratischen Marktplatz zu. Hier verlassen wir die breite B 171 und konzentrieren uns auf die menschenleere Nebenstrecke nach Mildenau, denn von dort brauchen wir nur noch dem Pöhlbach stromaufwärts bis zum Fichtenhäusel an der tschechischen Grenze zu folgen. Und am späten Abend folgt dann die Bescherung, wenn der Fichtenexpress mit den Verdauungsschnäpsen an unserem Tisch anhält.

Hoteltipp

Hotel Fichtenhäusel am Pöhlagrund

Für das freundliche Hotelteam um Benny Langer sind Motorradfahrer gern gesehene Gäste. Das ideale Basislager für Fahrten durchs Erzgebirge diesseits und jenseits der Grenze bietet neben komfortablen Zimmern und einer tollen Küche auch Wellnessangebote und geführte Touren, überdachte Stellplätze, kostenloses Kartenmaterial und WLAN. Das Doppelzimmer mit Frühstück gibt‘s ab 90 Euro.

Königswalder Straße 20
09471 Bärenstein OT Kühberg
Fon 037347 / 80265
www.fichtenhaeusel.de

Reise Info

Streckenlänge: 240 Kilometer
Dauer der Tour: Tagestour
Allgemeines: Das zum Bundesland Sachsen gehörende Erzgebirge erstreckt sich über eine Länge von 130 und eine Breite von 40 Kilometern von Südwesten nach Nordosten und grenzt an Tschechien. Das stark bewaldete Mittelgebirge erreicht Höhen von 800 bis 900 Meter, der 1214 Meter aufragende Fichtelberg bildet den Gipfel auf deutscher Seite, der jenseits der Grenze liegende Klinovec legt noch 30 Meter drauf. Ein dichtes Netz kurvenreicher Haupt- und Nebenstraßen überzieht die Region und verbindet Schlösser, Burgen, Stauseen und historische Orte. Fahrbahnbreiten und Belagqualitäten sind stark unterschiedlich. Anfahren am Berg muss sicher beherrscht werden!

Anreise: Aus dem Süden führen die A 9 und die A 72 heran, von Westen die A 4, aus dem Norden kommen die A 9 und die A 14
Reisezeit: Anfang Mai bis in den Oktober
Literatur: DuMont Bildatlas Nr. 182 „Sachsen“. 120 Seiten reich bebilderte, geballte Informationen für den ersten Überblick und zahlreiche Straßenkarten, Preis 9,95 Euro. Karten: ADAC Kartenset Deutschland 2018/19. Zehn Doppelblätter im Set von MairDumont. Maßstab 1:200 000. Im Buchhandel oder über www.adac.de, 14,99 Euro.
Informationen: Tourismusverband Erzgebirge e.V., Adam-Ries-Straße 16, 09456 Annaberg-Buchholz, www.erzgebirge-tourismus.de
Museum: Deutsches Uhrenmuseum, Schillerstraße 3 a, 01768 Glashütte/Sachsen, www.uhrenmuseum-glashuette.com, Täglich von zehn bis 17 Uhr geöffnet, Eintritt sieben Euro

Teilen: