In der Unter-6000-Euro-Liga hat man derzeit die Qual der Wahl. Mit der Neuauflage der 390 Duke fährt KTM faustdicke Argumente auf. NEWS hat den Alpen-Gnom in Turin ausgeführt.

von Moritz Schwertner, Fotos Black&Rad

Kleinvolumige Bikes haben es in Deutschland schwer: Von vielen als zu schwach abgekanzelt, müssen sie sich auch noch gegen gute Gebrauchte wehren – und da zieht selbst das einstige Killer-Feature ABS nicht mehr zwingend. Es braucht also wirklich gute Gründe, um anstatt einer gebrauchten LC4 eine neue 390 Duke satteln zu wollen.

Und so staunt man nicht schlecht, wenn man vor der optischen Neuinterpretation des österreichischen Weltbikes steht. Das Gesicht glänzt wie bei der Super Duke als Voll-LED-Scheinwerfer, auf dem breiten Rohrlenker thront zudem ein großer 5,8 Zoll Farb-TFT mit Smartphone-Konnektivität. Dazu gesellen sich Ride-By-Wire, Super-Moto-ABS und ein typisch neuzeitliches KTM-Design mit angeschraubtem Heckrahmen. Und ehe jetzt jemand eine lange Aufpreisliste vermutet: Bis auf das knapp 30 Euro teure „KTM My Ride“-Add-On für die Telefon-Anbindung ist das tatsächlich alles Serie.

So viel Technik schlägt sich aber im Preis nieder: Rund 5400 Euro verlangt Mattighofen mittlerweile für die 390 Duke. Das ist kein Kampfpreis mehr, aber im Reigen der Konkurrenz aber immer noch günstig. Es zahlt sich aus, dass sie sich mit ihren kleinen Geschwistern den Baukasten teilt: 125er, 390er und die in Europa nicht angebotene 200er setzen mit geringfügigen Unterschieden vom Rahmen bis Tank auf die gleiche Fahrzeugbasis.

Motorseitig hat KTM nur in der Homologation nachgeschärft, wie gehabt stampft der 372-Kubik-Single satte 44-PS aufs Parkett. Der zuvor noch unterflurige Endtopf wuchs seitlich aus – weil’s die Kunden so gewünscht hätten, versichern die Mattighofener, aber wohl auch als Zugeständnis an strengere Abgasvorschriften.

Insgesamt zehn Kilo nahm das Leichtgewicht zu, fährt dafür aber auch einen um zweieinhalb Liter gewachsenen Tank sowie eine erwachsenere Ergonomie spazieren. Summa summarum stehen nun 149 Kilo Leergewicht im Fahrzeugschein. Positiver Nebeneffekt der Moppelkur: Wegen des verschlechterten Leistungsgewichts entfällt die Drosselung für den Stufenführerschein, A2-Jünglinge dürfen das kleine Biest gleich ohne Korken fahren.

Erstaunlich ist beim ersten Aufsitzen der Unterschied zur 125er. Gerade einmal zehn Kilo liegen zwischen der Leichtkraft-Duke und der 390 Duke. Der guten Manövrierbarkeit tut das allerdings keinen Abbruch. Man merkt schlicht, dass unter einem ein deutlich größeres Aggregat auf Blödsinn wartet.

Zunächst müssen wir ein Stück durch den Turiner Mittagsverkehr. Hier gibt sich die 390er gelassen. Regelkonforme 50 Sachen macht der DOHC-Vierventiler dank des Ride-By-Wire auch im vierten entspannt mit, Kupplung und Getriebe spielen wunderbar leichtgängig zusammen. Doch die wahre Duke-Domäne liegt irgendwo da draußen. Also raus aus der Stadt und hoch in die Voralpen, das Wohnzimmer der Mini-Duke: Kurvige Landstraßen, möglichst wenig geradeaus. Mit Passieren des Ortsausgangsschilds lässt Technik-Guru Christian Diesselbacher dann auch alle Zurückhaltung hinter sich. KTM-typisch setzt er das Werksmotto in die Tat um.

Absolut narrensicher hängt der Eintopf am Gas, Drehfreude und Sound haben trotz Euro 4 keine Einbußen zu verzeichnen. Wie gehabt legt der kleine Herzog jenseits der 6500 Touren noch einmal einen Scheit nach, bis kurz vor den Begrenzer bei 10500 Umdrehungen muss man den Eintopf aber nicht nötigen. Dabei gilt: Je enger die Kurven, desto mehr Spaß hat man auf der Duke. Wer richtig schnell sein will, muss den Kurzhuber zwar permanent zwischen den ersten vier Gängen rotieren lassen, aber dank des knackigen Getriebes passt das wunderbar ins Konzept.

Ein kurzer Radstand samt eines tadellos funktionierendem WP-Fahrwerks, das vorne jetzt mit einer Open-Cartridge-Forke arbeitet – auch im neuen Modelljahr ist die 390 eine Kurvengranate.

Adleraugen finden natürlich dennoch etwas zu kritteln, etwa an immer noch nicht perfekten Spaltmaßen. Auch die LED-Blinker waren noch etwas nachlässig entgratet. Für Stirnrunzeln sorgte beim Fotostopp am Wegesrand vor allem der früh einsetzende Lüfter. Ein Zugeständnis an die indische Kurzhosen-Fraktion, so die anwesenden Technik-Experten. Heiße Luft haben Inder in Shorts wohl ungerne an den Knien, deswegen bläst die 390er die Heißluft nach oben ab. Was der bollernden Eintopf-Gemeinde einen surrenden Unterton untermischt – und den Mattighofenern immerhin einen Ansatz für künftige Verbesserungen lässt.

Fazit:

KTM hat den kleinen Herzog an den richtigen Stellen nachgeschärft: Mit Voll-LED-Scheinwerfer, Farb-TFT-Tacho, Smartphone-Link und Ride-By-Wire ist auch die Midi-Duke in der Zukunft angekommen. Das Herzstück bedurfte keiner Änderung, der kleine Eintopf mit seinen 44 PS ist auf kurvigen Land- und Bergstraßen immer noch eine Spaßgranate. Hartgesottene wünschen während der Ausfahrt mehr Fahrwerks-Feedback, eine brutalere Bremse – oder wie bei den größeren Modellen am besten gleich eine verschärfte „R“-Version.

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