Aprilia präsentierte die neue Mittelklasse: Shiver 900 und Dorsoduro 900 sollen die früheren 750er Modelle ablösen, dear 1200er Twin fällt aus dem Programm. Welchen Druck hat der 900er Twin im Kessel?

Kinder, wie die Zeit vergeht! Zehn Jahre ist es her, als Aprilia die Shiver 750 auf den Markt brachte, ein Jahr später folgte die Dorsoduro 750. Für ein gründliches Produkt-Update ist es also keineswegs zu früh. Und zusammen mit Euro 4 stand ohnehin ein Modellwechsel an. Zum ganz großen Erfolg reichte es den beiden sympathischen Mittelklässlern nie, trotz ihrer unbestreitbaren Qualitäten.

Das soll jetzt anders werden. Rein optisch zeigen sich beide Modelle frisch und aufgehübscht, allerdings ohne komplette Typveränderung. Die Shiver gibt sich modern, elegant, zeitlos und vielleicht sogar ein wenig bieder. Die bitterböse Attitüde einer Monster oder Z 900 ist ihr fremd.

Für die fetzig orientierte Kundschaft soll schließlich die Dorsoduro herhalten, deren Design bereits auf dem Seitenständer den Sportsgeist laut herausbrüllt. Das SuMo- Konzept der Dorso geht mit satten 87 Zentimetern Sitzhöhe einher, was den Käuferkreis naturgemäß etwas einschränkt.

Sechs Zentimeter flacher geht es auf der Shiver zu, was zu drei Zentimetern dem kürzeren Federbein der Straßenvariante zuzuschreiben ist. Auch die Gabel der Shiver fällt kürzer aus, entsprechende Abweichungen ergeben sich in der Fahrwerksgeometrie der beiden Schwestermodelle.

Vom Aufbau her ähneln sich die Chassis der beiden Maschinen schon sehr stark, das mehrteilige Rahmenkonzept, Gabeln, Schwingen und die direkt angelenkten Federbeine stammen aus benachbarten Ersatzteilregalen. Brems-an-lagen und Räder sind sogar identisch.

Wobei die erste Probefahrt in den italienischen Alpen trotz vieler gleicher Teile sehr unter-schiedliche Charaktere offenbart. Die Shiver fährt sich einfacher und folgt der ange-peilten Linie extrem direkt – sie macht vom ersten Meter an genau das, was sich der Fahrer wünscht. Serpentinen gehen kräfte-schonend von der Hand, komplizierte Wechselkurven und Kombinationen gelingen auf Anhieb.

Nicht ganz so rund läuft es auf der Dorsoduro. Sie bietet dem Fahrer deutlich mehr Widerstand am Lenker, gibt sich eher stabil als handlich. Fühlt sich fast an, als hätten die Ingenieure hier eine Geometrie für einen noch stärkeren Motor entwickelt. Wer unvor-eingenommen – also ohne vorher auf der Shiver gesessen zu haben – zur Dorsoduro kommt, kann dem fordernden Anspruch dieser Geometrie durchaus etwas abgewinnen. Ein kerniger Sportler darf schließlich auch etwas Einsatz verlangen.

Perspektivisch lädt die Dorsoduro aber sicher zu Experimenten mit anderen Reifen ein. Die aufgezogenen Dunlop D 214 mit Sonderkennung lassen noch Verbesserungspotenzial vermuten. Auch was das Aufstellmoment beim Bremsen in Schräglage angeht.

Sehr gut gefällt der souverän-geschmeidige Rundlauf bereits in der unteren Drehzahlmitte. Gerade hier zeigen sich ja die V-Zwos des roten Erzrivalen aus Bologna gerne etwas zickig. Das Druckniveau kann der neue Aprilia- V-Twin bis knapp zur Nenndrehzahl halten, ganz oben heraus wirkt das Ag-gre-gat aber dann etwas kurzatmig.

Vielleicht war es auch ungeschickt von Aprilia, unseren Tourguide mit einer über-mächtigen Tuono V4 1100 zu bewaffnen. Der Bube machte sich einen Riesen-spaß daraus, das nachfolgende Testervolk auf den Zwi-schen-geraden am langen Arm verhun-gern zu lassen.

Bremsen, ABS und Traktions-kontrolle leisten sich vom ersten Eindruck her keine Schwächen, das Ansprechverhalten der hinteren Federbeine wirkt dagegen auf größeren Verwerfungen et-was hölzern. Hier rächt sich der Verzicht auf eine progressive Hebelanlenkung, die eine weichere Grundkennlinie erlaubt hätte. Ganz weit oben rangiert das bunte TFT- Display, was Ablesbarkeit, Auflösung und Farb-darstellung angeht spielt es in einer Liga mit dem Flatscreen der neuen Triumph Street Triple RS (Maxitest Seite 30). Sogar bei praller Sonne und getöntem Visier ist alles gut ablesbar. Das heißt, nicht ganz: Die Neben-infos zu Spritverbrauch und ähnliche Werten sind wie bei vielen anderen Motorrädern nur winzig eingeblendet. Mit den typischen Leseproblemen der Generation 50+ lassen sich nur die größeren Datenfelder und natürlich Tacho und Drehzahlmesser auf den ersten Blick erfassen. Wo stehen nun die neuen Aprilias? Die gediegene Shiver zeigt sich als klassischer Roadster im modernen Gewand, vielseitig und unkompliziert – ein echter Allrounder. Die Dorso-duro macht es ihrem Fahrer nicht ganz so einfach, dafür zeigt sie mehr Sport, mehr Design und mehr Emotion. Dass die Dorso nicht ganz so easy abrollt, verzeiht man ihr da gerne. Nur der schmächtige Zwölfliter-Tank könnte sich für Vielfahrer wieder als Ärgernis erweisen. Fazit: Mit den neuen 900ern präsentiert Aprilia zwei sehr spannende Motorräder zum attraktiven Preis. Die gemäßigte Spitzenleistung von 95 PS stört auf der Landstraße weniger als beim Prospektstudium, könnte sich damit aber zum Verkaufshemmnis auswachsen. Mein Tipp: Selber Probefahren und das Popometer entscheiden lassen!

 

Technik der Dorsoduro 900 / Shiver 900

Motor: Zweizylinder-Viertakt-V, flüssigkeitsgekühlt, vier Ventile/Zylinder
Hubraum: 896 cm³
Leistung: 70 kW (95 PS) bei 8750 min-1
Drehmoment: 90 Nm bei 6500 min-1
Bremse v./h.: 320-mm-Doppelscheibe mit Vierkolben-Festsätteln / 240-mm-Scheibe mit Einkolben-Schwimmsattel
Reifen v/h.: 120/70 ZR 17 / 180/55 ZR 17
Federweg v/h.: 170/160 mm / 130/130 mm
Sitzhöhe: 870 mm / 810 mm
Tankinhalt: 12 l / 15 l
Gewicht vollgetankt: 212 kg / 218 kg
Preis zzgl. Nk.: 9990 Euro / 8990 Euro
www.aprilia.com