Eine für alles: Kawasaki Z 650 im Fahrbericht

Keine Übertreibungen, ohne Starallüren oder explosive Eckdaten – die Z 650 ist genauso beliebt wie unauffällig. Doch dank grundsolider Stückzahlen gehört sie zu den wichtigsten Modellen des Kawasaki-Konzerns. Das ist sie auch wegen der regelmäßigen Modellpflege.

von Wulf Weis Fotos Kawasaki

Beinharter Wettbewerb ist angesagt: Yamaha MT-07, Suzuki SV 650 und auch Honda CB 650 R sind in dieser beliebten Klasse hochpotente Konkurrenten der Kawasaki Z 650. Einfach nur günstig zu sein genügt in diesem eng besetzten Umfeld bei weitem nicht. Es geht vielmehr darum, ein möglichst breites Feld von Kaufinteressenten anzusprechen – An­fänger wie Routiniers, Berufspendler wie Wochenend-Café-Fahrer. Dazu braucht es zunächst ein breitenkompatibles Design. Pfiffig genug um auf­zufallen, aber bieder genug, um nicht anzuecken. Ein schwieriger Spagat, den die neue Z 650 aber locker meistert. Äußerlich bleibt sie der Sugomi-Linie des Vorgängers treu, im Nasen-Schulterbereich tritt sie aber prägnanter an. Der neue Voll-LED-Scheinwerfer setzt sich klassenintern weit nach vorne, gleiches gilt für das neue TFT-Display. Es lässt sich sogar per Bluetooth mit dem Smartphone koppeln, eine passende App für Android und Apple stellt Kawasaki bereit. Damit das den Fahrer nicht zu stark ablenkt, spielt die Technik während der Fahrt nur knappe Infos ein und zeigt eingehende Anrufe und eMails per Symbol im TFT-Cockpit an. Um darauf zu reagieren, muss der Fahrer anhalten und das Smartphone zücken. Einer der wenigen Kritikpunkte am Vorgängermodell war der extrem schlanke Soziusplatz, den nun ein breiteres Kissen ersetzt. Auch die Abstimmung des hinteren Federbeins ist erhöhter Zuladung gewachsen. Aber hier zeigt sich dann auch ein klarer Zielkonflikt: Beladen mit einer zierlichen Fahrerpersönlichkeit wirkt die Hinterhand straff, beladen mit zwei Fullsize-Passagieren dagegen eher hart, weil dann die Progression kraftvoll zugreift. Da am kompletten Fahrwerk nur die hintere Vorspannung einstellbar ist, muss man also Kompromisse eingehen – was in dieser Preisklasse auch kaum anders möglich ist.

Unaufgeregt: Die mit Zweikolbensätteln bestückten Bremsen arbeiten solide, das ABS könnte flinker sein

Alleskönner: Der 180-Grad-Twin hat Durchzug, Temperament – und ist fit für Euro 5

Die neue Umweltnorm ist erst mal nur vorbereitet

Motorseitig hat Kawasaki auf Euro 5 umgestellt. Wenn auch erstmal nur technisch: Mit erweiterter Abgasnachbehandlung und kleineren, flankierenden Maßnahmen seitens der Motorsteuerung erfüllt die Z 650 bereits die neuen Umweltauflagen, trotzdem ist der 2020er Jahrgang noch nach Euro 4 homologiert. Erst 2021 – also zum spätestmöglichen Zeitpunkt – erhält die Z 650 dann auch offiziell den Euro5-Stempel. Das muss man nicht unbedingt verstehen, aber da für den Käufer mit Euro4-Zulassung keine Nachteile entstehen, kann man darüber hinwegsehen. Die angegebene Spitzenleistung leidet unter der neuen Schadstoffstufe nicht, das maximale Drehmoment fällt dagegen minimal schlanker aus. Wie die Kawasaki-Techniker bestätigen, ist das durchaus beabsichtigt – die neue Drehmomentkurve soll nämlich insgesamt fülliger aufspielen, lediglich der Maximalwert schrumpfte gegenüber der Vorgängerin geringfügig. Bei einer ausgiebigen, zweitägigen Testfahrt durch das katalanische Küstengebirge zeigte die neue Z 650 alle Qualitäten, für die bereits das Vorgängermodell berühmt war: Extrem einfaches Handling und super Zielgenauigkeit bei minimalen Lenkkräften bleiben weiterhin ihr Markenzeichen. Das spricht einerseits Anfänger und Wiedereinsteiger an, die in der Z 650 ein ideales Trainingsgerät zur persönlichen Weiterentwicklung finden. Aber auch Routiniers fühlen sich gut aufgehoben, wenn sie das flinke Leichtgewicht völlig stressfrei selbst durch anspruchsvolle Kurvenkombinationen scheuchen. Einen etwas durchwachsenen Eindruck hinterlassen allerdings die speziell für die neue Z 650 entwickelten Dunlop Roadsports 2. Die wollen bei Temperaturen um die fünf Grad doch sehr sorgfältig warmgeknetet werden, um sich für sport­liche Einlagen passend zu verzahnen. Der Zweizylinder beherrscht beide Spielarten, also Bummeln und Rasen. In der Drehzahlmitte pumpt er kraftvoll durch, verzeiht auch mal einen Schaltfehler und kann mit dieser Gelassenheit unsicheren Piloten durchaus den Stresslevel reduzieren. Aber auch heftig gedroschen macht der als klassischer Gegenläufer ausgelegte 180- Grad-Twin eine gute Figur. Er stürmt lustvoll in Richtung roter Bereich und verbreitet dabei echten Sportsgeist.

Kleine, aber wichtige Schritte nach vorne

Passend dazu liefern die bekannten Doppelkolben-Schwimmsättel solide Brems­leistung ab, ohne durch supersportlichen Biss Hektik zu verbreiten. Das obligatorische ABS regelt sehr defensiv und greift bereits früh ein. Das vermittelt ein hohes Sicherheitsgefühl. Die relativ langen Regelintervalle zum Nachfassen zeugen aber von nicht mehr ganz topmoderner Technik. Die Neuerungen zum 2020er Jahrgang sind natürlich keineswegs tiefgreifend. Viel­mehr haben die Kawasaki-Strategen nach Wegen gesucht, das bekannt gute Gesamtpaket ohne Kostensteigerungen noch attraktiver zu gestalten. Und so im knallharten Wettbewerb dieser Klasse einen vielleicht kleinen, aber auf jeden Fall wichtigen Schritt voran zu machen.

Farb-TV: Das aufgeräumte TFT-Display lässt sich ans Smartphone koppeln

Das ist neu:

  • TFT-Cockpit
  • Bluetooth-Anbindung fürs Smartphone
  • Voll-LED-Scheinwerfer
  • Verkleidungsteile Front
  • breiterer Sozius-Sitz

Technik:

Fertigungsland: Thailand
Motor: Zweizylinder-Viertakt-Reihe, flüssigkeitsgekühlt, dohc, vier Ventile/Zylinder
Hubraum: 649 cm³
Leistung: 50 kW (68 PS) bei 8000 min-1
Führerschein A2-Variante: lieferbar
Drehmoment: 64 Nm bei 6700 min-1
Umweltnorm: Euro 4
Bremse v./h.: 300-mm-Doppelscheibe mit Doppelkolben-Schwimmsätteln /
220-mm-Scheibe mit Einkolben-Schwimmsattel
Reifen v/h: 120/70 ZR 17 / 160/60 ZR 17
Radstand: 1410 mm
Federweg v/h.: 125/130 mm
Fahrwerkeinstellung: Vorspannung hinten
Konnektivität: Smartphone / Bluetooth
Sitzhöhe: 790 mm (mit Sondersitzbank 820 mm)
Tankinhalt: 15 l
Leergewicht: 188 kg
Preis zzgl. Nk.: ab 6995 Euro

Fazit:

Die erste Modellpflege der fürs Modelljahr 2017 präsentierten Kawasaki Z 650 fällt nicht üppig aus, aber das war angesichts des hervorragenden Vorgängers auch nicht anders zu erwarten. Kawasaki verfolgt konsequent das Ziel, die Z 650 als multifunktionalen Alleskönner zum besten Preis-Leistungs-Verhältnis aufzustellen.

Wulf
Mulitfunktional

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