Ein’ im Tee: Ostfriesland-West

Der lange Frank erlebt eine besondere Friesenmischung: Mit im Boot sind der einst gefürchtete Freibeuter Otto Waalkes. Und der berühmte Blödel-Barde Klaus Störtebeker. Oder war es umgedreht?

von Frank Sachau (Text & Fotos)

Tee trinke ich nur, wenn ich krank bin oder ein ordentlicher Schuss Rum drin ist. Das sehen die Ostfriesen aber ganz anders: Nirgendwo verschwindet so viel Tee im Rachen wie in der norddeutschen Region zwischen Weser und Ems. Mit ihr lasse ich mich aus der Leeraner Innenstadt spülen, hinter einem mächtigen Deich folge ich dem Flusslauf in das von zahlreichen Wasserarmen und Kanälen durchzogene Zentrum von Emden. Der Hafen, an Emsmündung und Dollart gelegen, ist die historische Keimzelle des Ortes. Von hier machten sich die Frachtsegler der Ostasiatischen Handelskompanie auf den gefährlichen Seeweg nach Indien und China, um Tee, Seide und Porzellan zu importieren. Den wohl bekanntesten neu­zeitlichen Exportartikel stellt der in Emden geborene Komiker Otto Waalkes dar, der seiner Heimat nicht nur einen Film widmete: „Otto, der Außerfriesische“. Sondern auch sein Museum „Dat Otto Huus“. Die nächste bedeutende Persönlichkeit muss noch etwas warten. Der Weg dorthin führt mich entlang der Küstenlinie zur Rysumer Mühle, die Ende des 19. Jahrhunderts erbaut wurde und dank guter Pflege noch voll funktionsfähig ist. Einen weiteren Riesenpropeller entdecke ich im nahen Pewsum, wo das angeschlossene Mühlenmuseum Einblicke in das entbehrungsreiche historische Landleben schenkt. Obwohl stocknüchtern, sehe ich ein paar Gasstöße später doppelt: Die markanten Zwillingsmühlen bilden das Wahrzeichen Greetsiels und sind mit Teestube und Mühlenladen ein beliebtes Ausflugsziel. Vor wenigen Jahren erlangte eine von ihnen traurige Berühmtheit, als ein mächtiger Orkan Kappe samt Flügeln abriss. Die Küstenlinie war schon immer ständigen Veränderungen ausgesetzt, in alten Chroniken wird über verheerende Naturkatastrophen berichtet. Als eine der schwersten Sturmfluten gilt das Weihnachtshochwasser anno 1717, als das Meer tief ins Binnenland strömte. Die heutige Leybucht ragte einst bis nach Marienhafen an die Mauern der St.- Marien-Kirche, die damals als größtes Gottes­haus zwischen Groningen und Bremen galt. Ihr massiver Turm bildete unbeabsichtigt ein hervorragendes Seezeichen und erleich­terte dem berüchtigten Piraten Klaus Störtebeker die Navigation. Der um 1370 geborene Seeräuber beeindruckte seine Gefolgsleute mit Trinkfestigkeit und Muskelkraft. In Marienhafen war der Freibeuter gern gesehener Gast, denn sein Schwiegervater war der mächtige Friesenhäuptling Kenoten Broke. Fast zur gleichen Zeit machte ein verheerendes Hochwasser einen anderen Clan- Chef obdachlos. Dieser verlegte Haus und Hof sicherheitshalber landeinwärts, auf den Grundfesten steht heute das Wasserschloss Lütetsburg bei Norden. Kurz darauf mache ich am Fähranleger in Neßmersiel fest. Vor meinen Reifen breitet sich der Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer aus, mein Blick wandert ungehindert bis zum Horizont, wo die Inseln Norderney und Baltrum zu erkennen sind.

Macht Laune: Das kunterbunte Coloniale-Haus der Firma Bünting, die als älteste private Teehandlung Ostfrieslands gilt

Die Endung „-siel“ steht für ein Schleusentor zur Nordsee

Übrigens: Die Endung „-siel“ verdient sich jedes noch so kleine Kaff. Hauptsache, es hat eine durch Schleusentore geschützte Verbindung zur Nordsee. Der bleibe ich weiterhin treu und gehe nach nur wenigen Seemeilen bei Fischfeinkost Rinjes am Hafen von Dornumersiel vor Anker. Im Geschäft wird Leckeres aus Neptuns Reich frisch zubereitet, draußen locken sonnige Plätze mit maritimem Flair und das Motorrad parkt in Sichtweite. Gestärkt schlage ich den Weg ins flache Binnenland ein, der mich an der prächtigen Bockwindmühle von Dornum vorbei schnur­stracks durch das Meerhusener Moor in die Nähe Aurichs führt. Die Ortsdurchfahrt schenke ich mir und umrunde die Stadt östlich, als sich nicht nur eine Menge Kurven vor meine Pneus wirft, sondern sogar ein Hügel zu überwinden ist. An der stattlichen Windmühle von Ostgroßefehn rechts abgebogen, tauche ich ins Fehnland ein: Selbst bei liberalster Auslegung der neuen deutschen Rechtschreibung hat die Fehnroute nichts mit jenen zauberhaften Wesen zu tun, die einem drei Wünsche erfüllen möchten. Der Begriff „Fehn“ stammt aus dem Niederländischen und bedeutet Moor. Langgestreckte Ortschaften, sogenannte Fehndörfer, schmiegen sich an Kanäle, die einst der Entwässerung und als Transportwege dienten. Eine Klappbrücke reiht sich an die nächste, alle tragen Namen, jede ist ein Unikat. Ich muss mich sputen, die klassi­sche Tea-Time zwischen 16 und 17 Uhr naht. Hinter Mittegroßefehn und Westgroßefehn, man war hier bei den Ortsnamen nicht sehr kreativ, biege ich nach Leer ab. Erfrischt und umgezogen, benötige ich für den Fußweg von der Pension in die Leeraner Altstadt nur zehn Minuten. Im kunterbunten Coloniale-Haus der Teehandlung Bünting lasse ich mir eine Friesenmischung mit Sahne und Kluntjes schmecken. Mit einem Ohr an der Tasse höre ich den Kandies im heißen Tee leise knacken. Der Beginn einer neuen Liebe?

Hoteltipp

Pension Bolland

Die Wirtsleute fahren selbst, haben immer Zeit für einen Klönschnack und geben gerne Tourentipps, denn die liebevoll geführte Pension bietet sich auch für Ausfahrten in die Niederlande und das Emsland an. Leer, das „Tor Ostfrieslands“, besitzt eine malerische Altstadt mit tollen Restaurants sowie einen sehenswerten Museumshafen, alles fußläufig zu erreichen. Das Doppelzimmer mit Frühstück gibt es ab 68 Euro.

Anke & Heinz Bolland
Stettiner Straße 14
26789 Leer
0491 9279260
www.pension-bolland.de

Reise Info

Streckenlänge: 190 Kilometer
Dauer der Tour: Tagestour
Allgemeines: Das Land zwischen Jadebusen und niederländischer Grenze ist zwar flach wie ein Brett, aber keineswegs langweilig. Von wenigen Stadtdurchfahrten abgesehen führt die problemlose Strecke durch dünn besiedelte Gebiete mit zahlreichen Windmühlen. Deichkronen bilden die höchsten Erhebungen, von dort aus geht der Blick bis zu den ostfriesischen Inseln am Horizont, „achtern Diek“ warten reizvolle Nebenstrecken mit manch überraschender Kurve. Ständig vorherrschende und manchmal ruppige Westwinde sorgen für abwechslungsreiches Wetter.

Code einfach eingeben auf 
www.motorrad.net/aktuelles/touren

 

Anreise: In Windeseile gerät man über die A 1 zum Dreieck Arlhorner Heide. Von dort aus führen die A 29 und A 28 direkt nach Leer.
Reisezeit: Anfang Mai bis in den Oktober
Literatur: DuMont Bildatlas Nummer 2 „Ostfriesland“. 120 Seiten reich bebilderte, geballte Informationen für den ersten Überblick und zahlreiche Straßenkarten, 9,95 Euro. Karten: ADAC Kartenset Deutschland 2018/19. Zehn Doppelblätter im Set von MairDumont. Maßstab 1:200 000, www.adac.de, 14,99 Euro.
Informationen: Ostfriesland Tourismus GmbH, Ledastraße 10, 26789 Leer, www.ostfriesland.de, www.deutsche-fehnroute.de
Tee trinken: J. Bünting Coloniale, Brunnenstr. 39, 26789 Leer, www.buenting-coloniale.de

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