Vor zwei Jahren wollte die Multistrada 950 die glücklose Hyperstrada 939 beerben und gleichzeitig die ebenso brachiale wie hochpreisige Multistrada-Familie zur Mittelklasse hin erweitern. Nun steht die fett ausgestattete Multistrada 950 S zu 15.490 Euro am Start. Revolution von unten?

von Wulf Weis Fotos Ducati

Multistrada! Welch klangvoller Name. Und seit Jahren eine erfolgreiche Alternative für alle Wandervögel, denen eine herkömmliche Großenduro zu spießig ist. Also das Desig­ner- SUV unter den Motorrädern? Das wäre zu kurz gegriffen, schließlich waren alle Multis auch immer exzellente Landstraßenfeger, nicht bange vor geflickschusterten Ne­ben­strecken und leichteren Abenteuer-Trails. Wo steht die neue Multistrada 950 S? Die Entstehungsgeschichte scheint widersprüchlich: Ursprünglich sollte die 950er die Multi-Modellfamilie in Richtung Mittelklasse erweitern. Also leichter, preisgünstiger und weniger brachial sein als ihre großen Geschwister mit 1200 und später 1260 Kubik. Natürlich sorgt die extrem hohe Quote an Gleichteilen zu den großen 1260ern für fast identisches Kampfgewicht – laut Pros­pekt liegen gerade mal fünf Kilo zwischen den Modellklassen, konkret soll die Multi 950 S 230 Kilo wiegen. Dazu kommt der gewaltige Radstand von fast einem Meter sechzig – eindeutig sinnvoll, um die 158 PS der 1260 beim Anreißen zu stabilisieren. Zum Vergleich: Eine ähnlich positionierte Yamaha Tracer 900 begnügt sich bei 115 PS, mit 214 Kilo und 1,50 Meter Radstand. Ausgewachsenes Bigbike-Feeling gibt es bei der Multistrada 950 S also gratis obendrauf. Was aber durchaus ein Vorteil sein kann. Speziell wenn Langstrecke und Soziusbetrieb auf dem Programm stehen. Die serienmäßige Sitzhöhe ist mit 840 Millimeter durchaus erwachsen, wobei das komfortoptimierte Sitzmöbel ziemlich breit ausfällt und damit den Bodenkontakt mit den Füßen etwas schwieriger macht. Der Ducati-Händler hält aber auch 20 Millimeter höhere oder tiefere Sondersitzbänke bereit. Die breite Lenkstange erleichtert das Handling, sie ist in entspannter und langstreckentauglicher Höhe platziert. Der erste Blick fällt auf das bunte TFT-Display, das von der 1260 S stammt. Bedientechnisch fällt der Transponder-Schlüssel auf, ein Zündschloss ist nicht mehr nötig. Mit etwas Logik im Detail ist auch die Menüführung gut zu ergründen, das Studium des Handbuchs sei Ducati-Neulingen dennoch empfohlen.

Das Skyhook-Fahrwerk lässt sich in 400 Punkten einstellen
Zentraler Mehrwert gegenüber der Basis- Multi-950 ist das semiaktive Skyhook-Fahr­werk, das die Dämpfung in Echtzeit der Fahrbahn anpasst. Wer es darauf anlegt, kann die Programmierung in bis zu 400 Kombinationsmöglichkeiten individualisie­ren, ab Werk sind aber bereits vier Fahrmodi vorgegeben: Touring, Sport, Urban und En­duro sollten bereits 95 Prozent aller Anwender glücklich machen. Wie bei Ducati üblich, arbeiten Traktionskontrolle, semiaktives Fahrwerk, Kurven-ABS und elek­tronische Gassteuerung Hand in Hand. Start! Aus Hypermotard 950 und Super­sport 950 ist der Motor ja gut bekannt, die Abstimmung in der Multi gelang besonders geschmeidig. Vor allem im ersten Drehzahldrittel läuft er bereits rund und willig, wo seine Sport-Kollegen noch unausgeschlafen poltern. Unsere Testrunde führt uns über 300 Kilometer durchs bergige Hinterland von Valencia. Jede Menge Höhenmeter wollen wir im Laufe des Tages erklimmen, eine Serpentinenschrauberei, die wirklich glück­lich macht. Wie die Eckwerte erwarten las­sen, erweist sich die Multi 950 S nicht als Handlingwunder, zumindest für eine 900er.

Ein Moduswechsel verändert den Kurventanz sofort
Auf den ersten Metern im Touring-Mode lenkt die Multi sogar etwas teigig ein, leitet Lenkimpulse mit gefühlten zwei Millisekunden Verspätung ans Vorderrad weiter. Ein Wechsel in den Sport-Modus macht Federung und Dämpfung spontan straffer, hebt das Heck leicht an und die Lenkpräzision passt zum Kurventanz. Aber dafür entwickelt sich die Gasannahme in Richtung rüpelig, was in den Serpentinen den runden Strich verhagelt. Auch regelt das ABS zu schroff für die teilweise bröselige Strecke. Also wieder zurück in den Touring-Mode, Federung und Dämpfung separat straffer gestellt – und die Multi passt gut zur Strecke. Der breite Lenker hilft bei Kurvenfahrt, das beachtliche Maschinengewicht zu kaschie­ren, die gute Lenkpräzision – auch ein Verdienst des 170er-Hinterreifens – macht Kor­rekturen in Schräglage nur selten nötig. Der lange Landstraßentrip stresst also weniger als befürchtet, bei trialähnlichen Passagen und beim Rangieren an der Tanke ist die wuchtige Statur aber nicht zu ignorieren. Vorteile sind natürlich das ausgewachsene Komfortangebot, auch der Sozius darf sich über Pullman-Unterbringung freuen – solange er mit der beträchtlichen Höhendifferenz zum Fahrer zurechtkommt, der in seiner Kuhle erheblich tiefer sitzt. Haben wir auf die Hightech-Variante der Multistrada 950 gewartet? In Topausstattung inklusive kerniger Speichenräder kommt sie nur noch 900 Euro günstiger als die Basisvariante der Multi 1260. Wer bei begrenztem Budget Power vor Ausstattung stellt, der dürfte sich gegen die 950er entscheiden. Aber ganz so einfach ist es nicht. Denn die 950er besticht durch stressfreie Geschmeidigkeit, sie verleitet zu einem runden, flüssigen Fahrstil, wo die 1260er nach Kraftakten an Gas und Bremse verlangt. Man ist mit der Multistrada 950 S also kaum später zum Abendessen zurück. Aber erheblich entspannter.

Das ist Neu:

• Sechs-Achsen-IMU / Bosch
• Kurven ABS EVO
• leichtere Felgen
• Seitenteile Tankverkleidung
• Menüführung Cockpit
• selbstlöschende Blinker

Meister der Geschmeidigkeit: Der 937-Kubik-Twin brilliert mit Ausgewogenheit

Bunte Sache: Das farbenfrohe TFT-Display ist der S-Version vorbehalten

Schutzpatron: Sankt Brembo steht übereifrigen Bikern bei

Technik

Bauart: Zweizylinder-Viertakt-V, flüssigkeitsgekühlt, vier Ventile/Zylinder
Hubraum: 937 cm³
Leistung: 83 kW (113 PS) bei 9000 min-1
Drehmoment: 96 Nm bei 7250 min-1
Bremse v./h.: 320-mm-Doppelscheibe mit Vierkolben-Festsätteln / 265-mm-Scheibe mit Doppelkolben-Schwimmsattel
Reifen v/h: 120/70 ZR 19 / 170/60 ZR 17
Federweg v/h.: 170/170 mm
Sitzhöhe: 820/840/860 mm – drei Sitzbänke verfügbar
Tankinhalt: 20 l
Leergewicht: 227 kg (230 / 235 kg)
Preise zzgl. Nk.:
Multistrada 950: 13 590 Euro
Multistrada 950 S: ab 15 490 Euro
Multistrada 950 S mit Speichenfelgen: ab 16 090
(Herstellerangaben)

Fazit

Der 950er Multistrada fällt es nicht ganz leicht, aus dem Schatten der großen 1260er Geschwister herauszutreten. In Sachen Gewicht und Handlichkeit kann sich die Kleine nur wenig von der Großen distanzieren, auch preislich bleibt die Lücke überschaubar. Markenzeichen der Multi 950 S ist die flott-entspannte Gangart mit dem geschmeidig abgestimmten 113-PS-Twin.

Multi-Tasting: Der Wulf

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