Die Raketeninsel: Usedom

Die mecklenburgische Ostseeküste bietet weitaus mehr als Meer und Strände: Sommerliches Motorrad-glück, wo einst Kaiser baden gingen und ein Visionär vom Weltraumflug träumte.

von Frank Sachau (Text & Fotos)

Drei. Zwei. Eins. Zündung. Lift-off! Eine steile Rampe katapultiert uns aus der dunklen Tiefgarage des Hotels zur Post ins Tageslicht der geschichtsträchtigen Hansestadt Stralsund. Ein schneller Blick auf die Instrumente: Alle Systeme funk­tionieren einwandfrei, Treibstoff ist ausrei­chend an Bord, das GPS lotst uns am Turm der St.-Marien-Kirche entlang aufs flache Land. Jeder Handgriff sitzt, ohne große Kurs­korrekturen folgen wir der B 194 über 20 Kilo­meter bis nach Grimmen. Dort zünden wir die zweite Stufe und zischen über kurz­weilige Landstraßen an den südlichen Rand der Universitätsstadt Greifswald. Doch deren altehrwürdiges Zentrum muss bis zum späten Nachmittag auf uns warten. Wir halten Ausschau nach der Eldenaer Mühle, die zu den ältesten Bock­windmühlen im Ostseeraum zählt. An ihr vorbei gelangen wir an das Flüsschen Ryck, das schon bald in den Greifswalder Bodden mündet. Der weit ins Binnenland ragende Ostseearm bietet von alters her einen idealen Hafenplatz, eine nach holländischem Vorbild gebaute Klappbrücke verbindet die beiden Ortsteile des Fischerdorfs Wieck und ist ein beliebtes Fotomotiv. Vom Parkplatz am Hafen sind es nur wenige Schritte über den „Studentensteig“ zu den beeindru­ckenden Resten des ehemaligen Zisterzienserklosters Eldena, das im zwölften Jahrhundert von dänischen Mönchen gegründet, im dreißigjährigen Krieg zerstört und später vom Maler Caspar David Friedrich höchst romantisch auf Leinwand gepinselt wurde. Anschließend folgen wir dem Küstenverlauf und erreichen bald den Fischerei­hafen Freest. Farbenfrohe Kutter dümpeln am Kai, kreischende Möwen streiten um Fischreste und am dunstigen Horizont ist die Insel Usedom zu erkennen. Das nicht weit entfernte Wolgast gilt als Tor dorthin, die viel befahrene Klappbrücke, im Volksmund „Blaues Wunder“ genannt, lässt uns mit tro­ckenen Reifen auf dem Eiland ankommen. Kaum haben wir die Hauptstraße verlassen, wird hinter Karlshagen der Teer schmal, windungsreich und wellig. In den 1930er Jahren machte Wernher von Braun mit noch jungfräulicher Raketentechnik auf sich aufmerksam. Von den braunen Machthabern mit nahezu unerschöpflichen Finanzmitteln ausgestattet, ließ er die nordwestliche Inselspitze Peenemünde zum Raketentestzentrum ausbauen. Doch schon bald musste der Visionär seine Weltraumpläne aufgeben, denn seine kriegerischen Geldgeber forderten fliegende Bomben. Der Marschflugkörper V 1 und die Rakete V 2 verbreiteten ab 1942 als angebliche Wunderwaffen Angst und Schrecken. Als friedlicher Höhepunkt unserer Inseltour entpuppt sich der Streckelsberg bei Koserow, dessen 60 Meter hoher Gipfel sich aber noch nicht in den Wolken versteckt. Usedoms Kapital ist der 40 Kilometer lange, von Kiefernwäldern gesäumte weiße Sand­strand. Die Pommersche Riviera lockte im 19. Jahrhundert Kaiser und Könige an. Die bis dahin unbekannten Küstenorte Bansin, Heringsdorf und Ahlbeck erhielten eine Bahnanbindung an Berlin und stiegen zu den mondänen Kaiserbädern auf.

Auferstanden aus Ruinen: Das totgeglaubte Schloss Stolpe auf Usedom konnte nach der Wende erfolgreich vor dem Verfall gerettet werden

Usedoms Kapital ist der 40 Kilometer lange Sandstrand
Langsam rollen wir durch die Villenviertel, deren verspielte Fassaden an den Sommertrubel längst vergangener Zeiten erinnern. Kurz vor der polnischen Grenze – seit 1945 gehört Swinemünde zu Polen – biegen wir hart rechts ab und freuen uns über die ungeahnten Steigungen und Kurven im dunklen Wald am Zirowberg. Weil die tolle Motorradstrecke zwischen Wolgast- und Gothensee viel zu schnell auf die B 110 trifft, folgen wir unserem Forscherdrang und er­kunden die einsame Kreisstraße nach Benz. Als wir kurz darauf in Neppermin auf das im Sonnenlicht glitzernde Achterwasser stoßen und sich die Frage nach Fischbrötchen oder Sahnetorte stellt, sind die Schleckermäuler unter uns in der Überzahl. Basisdemokratisch steuern wir das verträumte Wasserschloss in Mellenthin an und stürmen das dortige Kuchenbüffet. Schwer verdau­lich präsentiert sich anschließend eine Buckel­piste, die uns von der Stadt Usedom zur Karniner Eisenbahnbrücke rumpeln lässt. Auf dem Rückzug von den Deutschen gesprengt, hängt das Mittelteil seit 1945 mahnend über dem Stettiner Haff in der Luft. Die benachbarte Zecheriner Brücke dagegen ist völlig intakt und geleitet uns über den Peenestrom zurück aufs Festland. Nach einem Halt in Katzow, wo der mit mehr als 100 Exponaten aus Holz, Metall und Stein größte Skulpturenpark Europas steht, stellen wir unsere Maschinen in der Hanse- und Universitätsstadt Greifswald ab. Durch die hübsch herausgeputzte Fußgän­ger­zone bummeln wir vom Dom St. Nikolai zum historischen Marktplatz mit seinen prächtigen Giebelhäusern, die nicht nur Naturgewalten und Bombennächten trotzten, sondern auch den Plattenbauplänen der ehemaligen DDR-Regierung. Weil der Tag deutlich fortgeschritten ist, müssen wir uns sputen, um unsere Basis zu erreichen. Wir geben vollen Schub auf die Triebwerke und steuern schnurstracks über die recht langweilige B 105 Stralsund an.

Hoteltipp

Hotel zur Post Stralsund

Das zentral in der Hansestadt gelegene Hotel bietet sich nicht nur für Trips entlang der mecklen­bur­gi­schen Küste an, sondern auch für Ausflüge ins seenreiche Hinterland. Werner Kirchhoff und sein Team gehen auf die Bedürfnisse der motorradfahrenden Gäste ein und bieten neben komfortablen Zimmern und riesiger Tiefgarage auch tolle Tourentipps. Das Doppelzimmer mit Frühstück ab 108 Euro.

Werner Kirchhoff
Tribseer Straße 22
18439 Stralsund
Fon 03831 / 200500
www.hotel-zur-post-stralsund.de

Reise Info

Streckenlänge: 290 Kilometer
Dauer der Tour: Ausgedehnte Tagestour
Allgemeines: Die langgestreckte Insel Usedom vor dem Stettiner Haff war über Jahrhunderte die Heimat armer Bauern und Fischer, bis Kaiser Wilhelm den 40 Kilometer langen Sandstrand für die Sommerfrische entdeckte. Deutschlands zweitgrößtes Ostseeeiland wurde zur Bade­wanne Berlins, die noblen Kaiserbäder Bansin, Heringsdorf und Ahlbeck weltbekannt. Die Land­schaft abseits der Strände ist im Nordwesten flach, im Südosten unerwartet hügelig, der höchste Punkt der Insel misst aber gerade mal 60 Höhenmeter. Die Tour ist auch für Anfänger geeignet, die Qualität der Fahrbahnen stark unterschiedlich.

Anreise: Die Ostseeautobahn A 20 berührt das Tourengebiet am Rande, die gut ausgebauten Bundesstraßen 110 und 111 führen auf die Insel, wobei die Brückenöffnungszeiten in Wolgast und Zecherin zu beachten sind: http://insideusedom.de
Reisezeit: Mitte Mai bis Anfang Oktober
Literatur: Dumont Bildatlas 38 „Mecklenburg-Vorpommern“, 120 Seiten reich bebilderte Infos, zahlreiche Straßenkarten, 9,95 Euro.
Karten: ADAC Kartenset Deutschland 2018/19. Zehn Doppelblätter, 1:200.000, 14,99 Euro.
Informationen: Usedom Tourismus GmbH, Hauptstraße 42, 17459 Seebad Koserow, www.usedom.de
Museum: Historisch-Technisches-Informations­zentrum, Im Kraftwerk, 17449 Peenemünde, April bis Oktober täglich zehn bis 18 Uhr geöffnet, Eintritt neun Euro, www.mueseum-peenemuende.de

Teilen: