Der Lichtblick: Yamaha Tracer 700 im Fahrbericht

Sie war ein heimlicher Star der letzten Mailänder Motorradmesse: Mit der Euro 5-Renovierung schärft Yamaha die Tracer 700 an vielen Punkten nach. Die Kernfrage ist: Bleiben die Grundqualitäten erhalten?

von Frank Roedel Fotos Werk

Bessermachen ist gar nicht einfach, vor allem, wenn die Messlatte so hoch liegt. Schon bei ihrem Debüt im Juli 2016 begeisterte die Tracer 700 mit ihrem fröhlichen „Hoppla-jetzt-komm-ich“- Auftritt. Sie impfte der feinen MT-07 den fehlenden Funken Reisetauglichkeit ein, ohne den Sportsgeist zu beschneiden. Aufrechte Sitzposition, grandioser CP2-Motor mit Saft und Charakter, einfacher Gepäcktransport und langbeiniger Komfort zum Kilometerfressen, dabei genug Rückmeldung für knackige Runden am Urlaubsort oder nach Feierabend – so gewinnt man viele Freunde. Die Tracer 700 war also schon bislang ein astreines und dabei auch erschwingliches Motorrad. Wer es richtig rennen ließ, bemängelte zwar die butterige Grundabstimmung des Fahrwerks, beim Angasen musste man die Front mit fester Hand führen, hinten verlor das Hinterrad beim Anbremsen gerne die Haftung. Im Gegenzug gefielen nicht nur Prinzessinnen auf der Erbse die langen Federwege und deren bandscheibenfreundliche Abstimmung. Das Kunststück von Yamaha ist es nun, mit der Euro 5-Renovierung einen Schritt nach vorn zu gehen, ohne die Qualitäten von Motor, Handlichkeit und Gewicht zu opfern. Schon bei der ersten Begegnung auf der Mailänder Messe letzten November sprang die Tracer 700 ins Auge: Aus dem Dutzendgesicht der ersten Serie ist etwas Spezielles geworden. Die neue Frontmaske mit den prägnanten LED-Tagfahrschlitzen und untenliegenden Doppelscheinwerfern im R1- Stil sticht heraus und entwickelt die eher biedere Formensprache einen Schritt weiter. Nicht nur das Gesicht ist nachgeschärft, auch am kuscheligen Fahrwerk haben die Japaner gefeilt. Das Schweizer Messer erhielt eine wertigere, in Federvorspannung und Zugstufe einstellbare Cartridge-Gabel und ein ebenso anpassbares Federbein.

196 Kilo fahrfertig – und das mit vollem 17-Liter-Tank

Mit dem LED-Licht rundherum, dem geänderten Plastik und neuer Batterie sparten die Techniker dieser italienisch-japanisch- französischen Koproduktion 1,5 Kilo ein, was sich mit dem Euro 5-Mehraufwand egalisiert und zu 178 Kilo trocken addiert. Mit Betriebsflüssigkeiten kommt die Tracer 700 wie gehabt auf 196 Kilo fahrfertig – laut Hersteller immer noch Klassenbestwert. Mit 17-Liter-Tank, wohlgemerkt. Der erlaubt mit der Werksangabe von 4,3 Liter auf 100 Kilometer fast 400 Kilometer Reichweite. In der motomobilen Praxis waren es bei unserer vollgasintensiven 270-Kilometer- Runde rauf und runter zu Teneriffas Teide 5,5 bis sechs Liter. Aber mit solcher Schrittzahl geht ja kaum jemand auf große Fahrt. Dafür geht auf den kleinen bis kleinsten Bergstraßen so einiges. Mit 45 statt 43 Zähnen am Kettenrad zieht die Tracer 700 wie alle CP2-Töchter für ein 75-PS-Motorrad erstaunlich die Falten aus dem Anzug. 2250 Touren unterhalb des Leistungshochs bei 8750 Umdrehungen liegen bereits 67 Nm an, genügend Druck für zügige Fahrt ist schon deutlich darunter vorhanden. Da hat Euro 5 keinen Schaden angerichtet. Königsdisziplin des Zweizylinders mit dem typischen 270 Grad Zündversatz sind genau diese kurvenreichen Gourmetstraßen, wo das superhandliche Fliegengewicht seine ganze Klasse ausspielen kann. Ein größeres Motorrad möchte man da gar nicht haben. Wenn es richtig zur Sache geht, beweisen die neu aufgezogenen Michelin Pilot Road 4 auch, warum sie einen so guten Ruf haben. Vor allen Dingen im Dauerregen, als wir es beim ständigen Auf und Ab zu Spaniens höchstem Berg es schaffen, dreimal eine halbe Stunde durch die gleiche Regenwolke zu donnern. Selten so viel Vertrauen in den Nassgrip gehabt, obwohl kurz vorm Gipfel laut Thermometer in dem schlichten, aber informationsstarken neuen LCD-Cock­pit nur fünf Grad für Eisfinger sorgen. Immerhin lässt sich das Instrument nun mit dem linken Daumen bedienen. Und die Scheibe mit einer Hand unkompliziert um sechs Zentimeter in der Höhe verstellen. Dabei leistet die Tracer 700 Erstaunliches. Mit spielerischer Leichtigkeit lässt sie sich auch im engsten Klein-Klein durch dauernde Schräglagenwechsel dirigieren, zielgenau und exakt und mit genug Druck geht es zur Sache. Wer allein unterwegs ist, braucht definitiv nicht mehr Pferde im Stall. Beim Anbremsen geht allerdings das Hinterrad oft auf Block, das ABS ist quasi permanent im Regelbereich. Oft verliert das Rad die Haftung, eine Anti-Hopping- Kupplung würde Wunder wirken. Und die Hoppelneigung ist auch ein Zeichen dafür, dass auch das geänderte Federbein den Bodenkontakt nicht hundertprozentig im Griff hat. Auch die neue Cartridge- Gabel ist für knackigen Sportbetrieb weiterhin etwas zu weich. Aber dafür gibt es ja andere Motorräder. Denn wenn der Puls nicht bis in die Schläfen pocht, passt alles. Eigentlich hat Yamaha mit dieser kompromissbereiten Abstimmung so ziemlich alles richtig gemacht. Auf schwierigem und bröckeligem Asphalt bleibt der Komfort hoch, die CP2- Tracer schädigt auch auf Untergrund dritter Ordnung nicht den Rücken, sondern setzt auf einen ordentlich Zwischenweg aus Rückmeldung ohne Härte.

Schöner Schein: Mit LED-Tagfahrlicht, R1-Scheinwerfern und LED-Blinkern zeigt die neue Tracer 700 klare Kanten

Sportpaket: Auch mit Euro 5-Abstimmung zählt der CP2 zu den besten Motorrad-Motoren

Wer alleine unterwegs ist, braucht nicht mehr Motorrad

Was bei unserem bunten Kurven-Tohuwabohu fehlt, ist ein längeres Hochgeschwindigkeitsstück. Denn traditionell ist der Haken einer kürzeren Übersetzung das hohe Drehzahlniveau bei der Anreise zum Urlaubsort. Die Tracer 700 sei ein „No-Autobahn-Bike“, betont dazu Produktentwickler James McComb. Was schade ist, denn mit dem zehn Millimeter dickeren Sitz, der um 60 Millimeter mit einer Hand höhenverstellbaren Frontscheibe und der gut schützenden Verkleidung ist die Tracer 700 eigentlich auch gemacht fürs Abreiten zum Urlaubsort. Vielleicht spendiert Yamaha ja bei der nächsten Modellpflege noch einen Overdrive. Um dann noch ein Stück näher ans perfekte Motorrad zu kommen. Denn für 8490 Euro ist die neue Tracer 700 schon heute ein echter Lichtblick.

Das ist neu:

  • Euro 5
  • geänderte Sekundärübersetzung
  • Federung angepasst
  • Zündung und Kraftstoffeinspritzung optimiert
  • überarbeitete Lufteinlässe und Auspuffanlage
  • Einstellbare 41-mm-Gabel mit Dämpferpatronen
  • Federvorspannung in Dämpfung einstellbar
  • Verkleidungsscheibe mit Einhandverstellung 60 Millimeter verstellbar
  • neue Verkleidung mit LED-Scheinwerfer
  • LED-Blinker in Handprotektoren integriert
  • 34 Millimeter breiterer Lenker
  • neue Sitzbank, Beifahrer sitzt etwas höher
  • neues LCD-Display, über linke Armatur bedienbar

Schlicht und wirkungsvoll: Das Cockpit lässt sich jetzt mit dem linken Daumen durchzappen

Goldstandard: Die kultigen einteiligen Vierkolbensättel an den wavigen Scheiben verzögern ausgesprochen knackig

Technik:

Fertigungsland: Motor Japan, Design/Fahrwerk Italien, Produktion bei MBK Frankreich
Motor: Zweizylinder-Reihe, flüssigkeitsgekühlt, vier Ventile/Zyl., dohc, Sechsganggetriebe
Hubraum: 689 cm³
Leistung: 54 kW (75 PS) bei 8750 min-1
Drehmoment: 68 Nm bei 6500 min-1
Umweltnorm: Euro 5
A2-Variante: ja
Bremse v./h.: 282-mm-Doppelscheibe mit Vierkolben-Festsattel / 245-mm-Scheibe
Reifen v/h: 120/70 R 17 / 180/55 R 17
Radstand: 1460 mm
Federweg v/h.: 130/142 mm
Einstellmöglichkeiten Fahrwerk: v/h Federvorspannung und Zugstufe
Konnektivität: nein
Assistenzsysteme: ABS
Sitzhöhe: 840 mm
Tankinhalt: 17 l
Leergewicht: 196 kg
Preis zzgl. Nk.: ab 8499 Euro

Fazit:

Verfeinertes Fahrwerk, weniger Gewicht, neues Cockpit, bessere Sitzposition und nachgeschärftes Design mit LED-Licht rundherum: Yamaha nutzt die Euro 5-Renovierung, um das Schweizer Mittelklasse-Messer an vielen Stellen nachzufeilen. Wer ohne großen Ballast auf Reisen gehen will, bekommt mit der Tracer 700 ein multifunktionales Motorrad zu einem wirklich fairen Preis.

Frank
Leicht-Gläubig

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