Motoball – der Name ist Programm. Mit einem übergroßen Fußball und auf einem handgeschalteten Motorrad versucht Benedikt, seine mangelnde Kondition am extra großen Fußballfeld zu überspielen.

von Benedikt Winkel, Fotos: Erik Förster, Matthias Ricke

Den Ball am Fuß stürme ich in Richtung Tor. Es gibt nur noch den Torwart, den Ball und mich. Also, das runde Leder etwas vorlegen, noch einmal Schwung holen und mit dem Spann voll treffen. Wie in Zeitlupe verfolge ich die Flugbahn – dem Torhüter direkt in die Arme, Mist. Mist, ich sitze auf einem Motorrad und während ich dem Ball hinterherträume, fahre ich immer weiter, durch den Strafraum, der für mich verboten ist, fahre fast den Torhüter über den Haufen und komme im Netz zum Stehen.

Motorradfahren und Fußballspielen – das ist Männersport. Multitasking dagegen eher nicht. Beim Motoball braucht man gerade das aber dringend.

Eine halbe Stunde vorher nehme ich zum ersten Mal Platz auf einem 250-Kubik-Zweitakter aus einer Kleinserie. Gleich soll ich mit den „Alten Herren“ des MSF Tornado Kierspe trainieren und Frank Schmiedel, der stellvertretende Vorsitzende, gibt mir eine Einweisung zum Motorrad. Zuerst fallen die großen Bügel auf, die statt der Fußrasten montiert sind. Die schützen meine Beine vor Feindkontakt und verhindern, dass der Ball sich im Vorderrad verfängt. Die Hinterrad-Bremse kann man mit beiden Füßen betätigen und zwar mit der Ferse – das kann ja heiter werden. Die nächste Eigenart sitzt am Lenker, da warten gleich vier Hebel auf fachgerechte Bedienung. Auf der rechten Seite kann man nicht nur die Vorderbremse ziehen, sondern auch per Hebel den ersten Gang einlegen. Links sitzt das Pendant für den zweiten Gang und die Kupplung – davon hat mir vorher niemand was gesagt. Erik versucht ein paar Runden auf unserem Dauertester, der agilen Ducati Scrambler: Sie ist beinahe wendig genug, aber ohne schützende Bügel geht nicht viel.

Der Rotax-Single läuft nach einem Tritt auf den Kickstarter und verströmt wunderbare Zweitakt-Gase. „Dreh erstmal ein paar Runden“, sagt Frank, „das wichtigste beim Motoball ist das Driften und schnelle Wenden, aber das machen wir nachher.“ Wir müssen noch kurz warten, bis ein Traktor tausende Liter Wasser auf dem Kiesplatz verteilt hat, sonst staubt es zu heftig. Dann darf ich endlich die ersten Runden drehen.

Meine Erfahrung mit sportlichen Zweitaktern hält sich in Grenzen. Umso überraschter bin ich, wie vehement das Motorrad nach vorne stürmt. Die 50 PS, die Frank versprochen hat, glaube ich sofort. Außerdem ist die „Jonny Malon“, die in der Nachbarschaft in Kleinserie entsteht, herrlich leicht. Noch reicht mir der erste Gang voll und ganz. Die hydraulischen Trommelbremsen zeigen deutlich weniger Engagement als der Einzylinder und so trennen mich oft nur wenige Zentimeter vom Wall der Spielfeldbegrenzung. Mein Untersatz hat keinen Tacho, aber laut Frank schaffen die Bikes 90 km/h auf dem Feld. Damit ist Motoball der schnellste Mannschaftssport der Welt. Die mangelnde Feinsensorik in den Fersen sorgt außerdem für erste Drifts. Jetzt noch ein bisschen Gas und ich ziehe die ersten Kreise im Kies. So einfach ist das? Immer übermütiger ziehe ich am Kabel, bis der Grip der Trial-Reifen irgendwann abreißt, der Drift einsetzt und ich unter dem Motorrad liege. Das ging jetzt schnell.

Doch ruckzuck stehe ich wieder und mit dem zweiten Kick läuft der Rotax, nichts passiert. Am Motorrad ist alles geschützt und an mir dank Cross-Montur auch.

Es wird Zeit für den ersten Ball-Kontakt. Der ist viel größer und schwerer als ein Fußball. Frank zeigt mir, wie ich ihn mit gestrecktem Bein am besten in eine Aussparung am Fußbügel presse. Ein paar Meter lege ich mit Ball im Schleichgang zurück, bis zur ersten Bodenwelle. Schon hüpft der Ball aus meiner Umklammerung. Drückt man den Ball zu fest gegen das Motorrad, kann er nicht mehr am Boden drehen, sondern schleift. Lässt man zu locker, rutscht er am gestreckten Bein nach hinten weg. Es dauert, bis ich irgendwann mit höherem Tempo über den Platz fahre, ohne den Ball zu verlieren. Richtig kniffelig wird es in den Kurven. Liegt der Ball auf der Innenseite, bleibt kaum noch Platz für den Fuß, außen muss man den Ball mit dem Bein anheben, damit er nicht unter den Bügel rutscht.

Während ich an meiner Kurventechnik feile, üben die „Alten Herren“ ihr Kombinationsspiel und den Abschluss aufs Tor. Ich bin heilfroh, nicht mit der ersten Mannschaft zu trainieren und will jetzt auch mal mit den anderen spielen. Also in der Reihe anstellen und mit einem Doppelpass in Richtung Tor. Leider geht der Pass in meine Richtung anfangs oft ins Leere, weil ich ihn bei voller Fahrt nicht unter Kontrolle bekomme. Irgendwann bin ich aber mit Ball vor dem Torhüter. Zeit für den Abschluss, aber wie? Während die anderen aus großen Tempo den Ball in die Tor-Ecken ballern, weiß ich nicht mal, wie ich zum Schuss kommen soll. „Mit dem Bein vorschieben, leicht Bremsen, dann Beschleunigen, den Körper etwas von der Sitzbank schieben und das Bein durchschwingen – ist ganz einfach“, so Frank. Doch entweder bekomme ich den Ball nicht weit genug weg, oder er verspringt in einer Furche, oder ich treffe ihn nur ganz sanft. Wirklich gefährlich wird es für den Torwart eigentlich nur, wenn ich beim Analysieren meines Schusses mal wieder vergesse abzudrehen und ihn beinahe über den Haufen fahre. Trotzdem werde ich immer wagemutiger und irgendwann verschätzt sich Frank im Tor. Ein Gewalt-Roller rutscht an seiner Hand vorbei und landet in der langen Ecke. Tor! Es geht doch. Er kann es wahrscheinlich nicht verdauen, dass ich ihn überwinden konnte und stellt mich nach einer weiteren Wässerungs-Pause vor eine Spezialaufgabe.

Zwei Pylonen reichen, um meinen frisch erworbenen Stolz ganz schnell wieder schmelzen zu lassen. „Versuch einfach, eine möglichst enge Acht zu fahren“, sagt Frank und lässt mich am Spielfeldrand allein, um weitere Tore zu verhindern. Bei der Übung habe ich nicht lange Zeit, um mich auf einen Richtungswechsel vorzubereiten, sondern es geht von einem Drift in den nächsten. Zumindest, wenn ich koordinativ alles auf die Kette bekomme. Der Boden, die ungewohnte Bedienung, der enge Parcours, das fordert volle Konzentration. Im Minutentakt glaube ich mich abwechselnd dem Durchbruch ganz nahe und liege doch wieder unter dem Motorrad oder überdrehe zu 360-Grad-Burnouts.

Irgendwann bin ich mental und körperlich am Ende meiner Kräfte. Zum Abschluss schnappe ich mir nochmal den Ball und jage übers Feld. Der Zweitakter kreischt, der Wind weht ins Gesicht und auch im zweiten Gang führe ich den Ball sicher über den Kies. Das fühlt sich unbeschreiblich gut an. Auch wenn die Muskeln schon gewaltig schmerzen, fühlen sich nach nur zwei Stunden viele Bewegungen schon vertraut an. Als die Sonne langsam untergeht, stehen Fotograf Erik, Frank und ich bei einer Pizza am Spielfeldrand zusammen. Fußballspielen mit Motorrädern – tolle Idee.

Motoball – so geht’s

Eine Mannschaft besteht aus acht Feldspielern, von denen vier gleichzeitig am Feld stehen, einem Torwart ohne Motorrad, zwei Mechanikern, einem Trainer, einem Mannschaftsleiter und einem Physiotherapeuten. Ein Spiel dauert vier Viertel mit je 20 Minuten. Der Ball hat 40 Zentimeter Durchmesser und wiegt 1200 Gramm. Der Strafraum vor dem Tor darf mit dem Motorrad nicht befahren werden, der Torwart darf diesen Bereich nicht verlassen. Das Spielfeld kann aus Schotter oder Asphalt bestehen. Die restlichen Regeln entsprechend weitgehend denen des Fußball. In Deutschland wird seit 1956 die Meisterschaft im Motoball ausgespielt. Heute gibt es eine Nord- und Süd-Liga. Über die Meisterschaft entscheiden, wie im Eishocky, die Play-Offs.

Die Motorräder:

In Meinerzhagen, ganz in der Nähe von Kierspe, baute Jonny Mallon über viele Jahre in Kleinserie Motorräder für den Motoball-Sport. Der Motor wurde von Rotax zugeliefert, die Rahmen mit Ballaufnahmen fertigte Jonny selbst. Auch Mannschaften aus Russland und Frankreich bestellten Motorräder aus Meinerzhagen. Aus Altersgründen konnte Jonny die Entwicklung nicht weiter vorantreiben. Die meisten Mannschaften setzen mittlerweile auf Umbauten auf GasGas Crosser-Basis. Auch erste E-Bikes rollen über die Motoball-Felder, allerdings reicht eine Akku-Ladung häufig nicht für die gesamte Spieldauer.