Das Kürzel „XV“ steht bei Yamaha seit Generationen für Chopper und Cruiser. Customizing ist zwar im Trend, aber kann man aus einem Cruiser einen Scrambler machen? Yamaha hat es versucht, wir sind es gefahren: Gestatten, die SCR 950.

Aus Naked-Bikes werden Sportler, aus Enduros Scrambler und aus biederen 0815-Motorrädern mit etwas Customizing aufregende Cafe-Racer. Aber aus einem Chopper einen Scrambler zu bauen, ist schon eine abgefahrene Idee. Die setzte nicht irgendein Umbauer in die Tat um, sondern Yamaha. Doch die XV 950 R musste auch schon als Cafe Racer herhalten. Nun also ein Scrambler mit Namen SCR 950. Rein optisch gaben sich die Yamaha-Mannen alle Mühe. Allen voran die ansprechende Lackierung, die an seelige XT-Farbkleider erinnert, Startnummerntafel. Faltenbälge, Speichenfelgen und fette Kotflügel sind weitere Zutaten. Und – logo für einen Scrambler – etwas größere Federwege und das Gewicht sollen laut Yamaha identisch sein. Und auch Tacho und Rücklicht finden sich an der XV wieder. Da kommt die Frage auf, was macht denn den Cruiser zum Scrambler? Reichen die Modifikationen? Antworten auf diese Fragen kann nur die Probefahrt bringen, also ab.

Türsteher: Die Faltenbälge lassen keinen Schmutz an die Standrohre

Neues Konzept?

Doch schon beim Aufsitzen schlagen die Cruisergene schmerzhaft durch: Die weit abstehenden Fußrasten sind beim Rangieren nahezu ein Garant für blaue Flecken an den Unterschenkeln. Einmal aufgesessen ist die Ergonomie zwar etwas undefinierbar, aber nicht unangenehm. Der Enduro-Lenker liegt gut in der Hand, die Füße finden den Platz auf den Rasten sofort. Selbst an dieser Stelle mussten die Yamaha-Techniker keine Hand anlegen, denn auch bei der XV sind die Rasten fast in „Normal-Auslage“ montiert: nicht weit vorn, aber dafür weit auseinander und man sitzt sehr breitbeinig.

Der Motor brummelt angenehm, hängt gut am Gas und zieht für knapp 50 PS ordentlich durch, fühlt sich durch den den guten Antritt tatsächlich nach mehr an. Ein angenehmer Geselle, dieser 950er, versprüht er doch den gewissen rauen Charme, den ein V2 haben sollte. Leichte Vibrationen erreichen schon im Stand die Lenkerenden und selbst die Spiegel wackeln leicht. Doch bei höheren Drehzahlen wird das Feeling nicht unangenehm und mit steigender Geschwindigkeit zeigt sich der Yamaha-V sehr gut erzogen.

Der Motor lässt sich auch im letzten Gang mit 80 Sachen problemlos im Schaltfaul-Modus fahren. Ein Dreh am Gas und es geht schnell wieder in schnellere Gefilde. Die Abstimmung ist gelungen: viel Hubraum, viel Druck aus dem Keller und wer bei diesen Eckdaten nach Leistung im oberen Drehzahlbereich sucht, sitzt eh auf dem falschen Bike.

Einfach zu bewegen

Aber machen wir uns nichts vor, denn mehr oder weniger ist die SCR ein Cruiser im Scrambler-Anzug. Auf ebener Strecke ist alles gut und die Yamaha lässt sich ordentlich und auch angenehm einfach bewegen. Aber die Fußrasten setzen viel zu früh auf und die Federung ist einfach nur knüppelhart. Das hat nicht viel mit einem Scrambler zu tun.

Gratwanderung gelungen: Der Motor hat sanfte Vibrationen ohne lästiges Rappeln

Zum mäßigen Federungs-Komfort gesellt sich noch die unkomfortable, harte Sitzbank. Allerdings sorgt der Lenker für einen entspannten Oberkörper, das passt und versöhnt ein wenig mit dem schmerzenden Allerwertesten. Dank breitem Lenker ist auch die Rücksicht in den klassisch runden Spiegeln optimal. Die Bremsen packen ordentlich zu, wenn auch die vordere Einzelscheibe viel Handkraft braucht und eher von der rustikalen Seite ist, an Wirkung mangelt es nicht. Dass die Gewichtsverteilung von einem Cruiser stammt, merkt man auch beim Tritt aufs Fußpedal: der Stopper langt für eine Hinterradbremse ordentlich zu, so dass man den Scrambler auch aus mehr als Schrittgeschwindigkeit mit dem Heckstopper an der Ampel zum Stehen bringt.

Vier Tage später, etliche Kilometer mehr auf der Uhr habe ich mich irgendwie drauf eingeschossen. Verabschiedet man sich vom Scrambler, bekommt man einen Cruiser mit einem Lenker, auf dem man sich auch bei 130 noch ordentlich festkrallen kann und eine Fußposition, die man auch als DIN-Norm verabschieden könnte. Trotzdem bleibt das Cruiser-feeling erhalten. Dazu zählt auch die nicht vorhandene Schräglagenfreiheit.

Aber irgendwann groovt man sich ein, hat im Blut, was geht und fährt danach. Die Sitzbank bleibt in Sachen Komfort das größte Minus. Die hinteren bockharten Dämpfer fallen nur auf schlechten Straßen auf – im Gegensatz zur Sitzbank, die sorgt immer für feuchte Augen – und das nicht vor Glück. Freude kommt da eher beim Endantrieb auf, denn Yamaha setzt auf einen wartungsarmen Riementrieb. Alle 40000 Kilometer schreibt Yamaha die Kontrolle vor – damit lässt es sich faulenzen. Ebenfalls bequem gestaltet sich der Ölcheck, denn der Peilstab lässt sich locker vom Sitz aus herausschrauben.

Harter Stuhl: Die Sitzbank ist was für Eisenärsche

Wie früher: Zünd- und Lenkerschloss sind getrennt

Rudiment: An diesem Gewinde sitzt bei der XV 950 der Heckfender

Fazit:

Da nützen die schicke Lackierung und die Speichenfelgen gar nichts: Die SCR 950 verbirgt unter dem Scrambler-Kleid geschickt den Cruiser. Wer einen Scrambler sucht, Finger weg. Wer mit einem Cruiser liebäugelt, der mit Stufensitzbank, Chromdeckelchen und Born-to-be-Wild-Plattitüden nichts am Hut hat, sollte eine Probefahrt riskieren.

Technische Daten

Motor: Zweizylinder-V, flüssigkeitsgekühlt

Hubraum: 942 ccm

Leistung: 54 PS (40kW) bei 5500 U/min

Drehmoment: 80 Nm bei 3000 U/min

Reifen v/h: 100/90-19 / 140/55-17

Sitzhöhe: 830 mm

Tankinhalt: 13 l

Leergewicht: 252 kg

Preis zzgl. Nk.: 9 895 Euro