Jahrelang war der Name Pirone untrennbar mit der Tonenburg verbunden. Doch seit fünf Jahren weht in den ehrwürdigen Gemäuern frischer Wind. NEWS hat die neuen Burgherren im Weserbergland besucht.

von Sophie Leistner, Fotos Gesine Kramer

Menschen, Musik, Motorräder: Auf der Tonenburg sind Gesine Kramer und Pete Mackenroth täglich von dem umgeben, was sie lieben. Da möchte man nicht glauben, dass das Paar vor fünf Jahren eher zufällig in die Chefrolle der legen­dären Motorradherberge schlüpfte. Denn eigentlich kommen die beiden Hamburger aus ganz anderen Berufen.

Tischlerin und Diplom- Sozialpädagogin Gesine sammelte im Sattel ihrer SR 500 schon früh Fahrpraxis und Schrauberwissen. Mit Zwillingsschwester Antje gründete sie einen Damen-Motor­rad-Stamm­tisch, an dem eine gute Idee keimte: Fahr­trainings speziell für Frauen.

„Frauen fahren anders Motorrad. Nicht schlechter, nicht besser – einfach anders. Die Sinne von Frauen sind anders geschaltet“, erklärt Gesine. Ab 2000 boten sie und Antje als „sister-act“ Lehrgänge auf Übungsplätzen, Rennstrecken und der Straße an. Erst nur für Frauen, dann durften auch Männer mitmachen.

Gut so! Denn über einen Kursteilnehmer, der in einer Rock-Cover-Band spielte, lernte Gesine deren Frontmann Carl-Peter kennen, den alle nur „Pete“ nennen. Gesprächsstoff gab es reichlich – auch wenn sich Gesine Bemerkungen zu Petes Shovelhead nicht verkneifen konnte. So nahm das Schicksal seinen Lauf.

An den Wochenenden begleitete der selbstständige Handelsvertreter seine Liebste fortan auf die Rennstrecken und durchlief sämtliche Kurse des „sister-act“-Angebots. Pete leitete bald selbst Lehrgänge und Touren. 2012 boten Gesine und Antje mit einem 20-köpfigen Team Kurven-, Handlings- und Sturztrainings, geführte Reisen und Technikseminare an.

„Ich verlasse die Party am liebsten, wenn die Stimmung auf dem Höhepunkt ist“, philosophiert Gesine. Auf dem Zenit des Erfolgs spürten die Schwestern, dass sich die Ära „sister- act“ ihrem Ende näherte. „Sonst wäre ich da­mals kaum empfänglich gewesen für Norberts Angebot“, erinnert sich Gesine.

Sie kennt Norbert und Paula Pirone, die damaligen Chefs der Tonenburg, schon aus Zeiten, als die Pirones mit der Villa Löwenherz noch Pioniere der Motorradherbergen waren. Sie gehörten zu den Ersten, denen Norbert Mitte der Neunziger die marode Tonenburg zeigte. „Die Burg war eine Ruine. Unglaublich, was Paula und Norbert hier im Rentenalter geschafft haben“, sagt Gesine.

Als sie Ende 2012 mit einer geführten Tour auf der Burg rasteten, boten Norbert und Paula ihnen die Nachfolge für ihr Herzensprojekt an. Gesine und Pete waren überrumpelt. Obwohl sie Ambitionen hatten, in die Gas­tronomie einzusteigen: Eine 700 Jahre alte Burg mit Hotel und Restaurant in sieben denkmalgeschützten Gebäuden zu übernehmen, klingt nicht nach einem Spaziergang.

Doch der Gedanke ließ sie nicht los. Im März 2013 traten sie in die Fußstapfen der Pirones, die ihren Ruhestand nun im Wirtschaftsgebäude der Burg genießen. Pete und Gesine heirateten und grün­deten eine GmbH, um die Übernahme zu erleichtern.

Mit Wertschätzung für das Alte und Mut für frische Ideen knüpften sie an das erfolgreiche Konzept an. So siedelten Gesine und Pete die Motorradhorden, die in der Vergangenheit oft den ganzen Hof belagerten, auf den Platz vorm „Ackerhaus“ um – und schufen so auf der Restaurant-Terrasse Platz für heimische Besucher, Wanderer, Radfahrer und Kanuten. Und die beehren die Tonenburg seitdem auch im ruhigen Winter.

Events und Festgesellschaften kommen sich selbst bei vollem Terminplaner nicht mehr in die Quere, weil Gesine und Pete ihre Tages- und Hotelgäste, Märkte, Feste und Konzerte geschickt auf die zahlreichen Bauwerke verteilen. Sie wissen ja, was Motorradfahrer mögen. Bei Sätzen wie „der Chef fährt selbst“ stellen sich Pete die Nackenhaare auf. „Jeder x-beliebige Betrieb versucht, auf den „Bikers welcome“- Zug aufzuspringen“, ärgert sich der 56-Jährige.

Er und Gesine wollen den Betrieb übersichtlich halten, damit der persönliche Kontakt nicht auf der Strecke bleibt. Sie begrüßen ihre Gäste am liebsten mit Handschlag und „Ständerbier“. Und wenn die Technik muckt, sammeln sie ihre Gäste mit dem Transporter ein und leisten Ersthilfe in der eigenen Motor­rad-Werkstatt. „Wir sind keine Gastro­nomen, sondern Motorradfahrer, aus denen Gastronomen geworden sind“, sagt Pete.

Sich selbst nicht aus den Augen zu verlieren, ist angesichts des Großprojekts eine echte Herausforderung. Das gelingt Pete am besten, wenn er sich mit Blaumann und Kaltgetränk zur „Männerwellness“ in die Werkstatt verkrümelt, abends mit den Gästen bis in die Puppen feiert oder bei Unplugged-Sessions am Mikrofon steht. Und Gesine ist in ihrem Element, wenn sie auf der Burg Motor­rad-Lehrgänge leitet und sporteln geht.

Und was machen die beiden, wenn sie frei haben? Na klar, sie schwingen sich aufs Motor­rad. Vorausgesetzt, sie können sich entscheiden, denn der Fuhrpark ist ein Potpourri aus Kraft­bolzen und Herzens-Motorrädern. R6, Tuono, FZ1, Fazer 600 sowie ihre Schulpferde Honda Sevenfifty und 125er Honda Rebel stehen in Gesines Garage. Pete wuselt mit KTM 950 Supermoto und Yamaha TRX 850 durchs Weserbergland oder wringt auf der Renne eine YZF 750 aus. Wie gut, dass es bis zum Bilsterberg nicht weit ist.

Wenn sie von ihrem Zuhause sprechen, liegt viel Wärme in den Stimmen – aber es schwingt auch ein Hauch von Ehrfurcht mit. Gesine und Pete wissen, dass ihre Rolle in der beeindruckenden Geschichte der über 700 Jahre alten Tonenburg nur Teil einer langen Ahnenreihe ist. Und dass ihnen noch viele Generationen folgen werden.

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