Für die nicht ganz so sportliche Klientel bieten die Bayer ihren 400er-Scooter auch in der GT-Variante an. Ein Plus an Ausstattung und Komfort soll weitere Kleinrad-Kunden ins BMW-Lager locken.

GT steht für Grand Tourisme und von den Motorrädern wissen wir, das verspricht langstreckentaugliche, übermäßig gut ausgestattete Kräder. Doch wie sieht das im Roller-Segment aus? Basis für den C 400 GT ist der C 400 X. Ein eher sportlich ausgelegter Kollege, der seit 2018 die Mittel-Klasse im Scooter-Bereich der Bayern darstellt. Obwohl Mittelklasse in Bezug auf BMW nicht ganz stimmt, denn Roller mit weniger Hubraum haben die Bayern gar nicht – noch nicht. Mit dem GT will man aber weniger die Fernreise-Clique anlocken, sondern eher das komfortverwöhnte Publikum, das beim Anblick eines Zündschlosses beispielsweise entsetzt den Rückfall ins Mittelalter befürchtet. Das müssen GT-Fahrer definitiv nicht befürchten. Also, Keyless-Go? Hat er – und das sogar in der Basis-Version.
Dazu kommt beim GT vieles einen Tick wuchtiger, etwas voluminöser rüber. Das Plastikkleid ist ausladender, bietet mehr Wetterschutz und ist gleichzeitig eleganter. Die Sitzbank prahlt mit feinen Steppnähten und wuchtiger Rückenstütze, die stolz den Schriftzug „GT“ trägt. Feine optische Schmankerl, aber als erste wirklich effektive Neuerung fällt die große Scheibe auf. Dumm nur: Das Teil hat keine Verstellmöglichkeiten, kein Knopf am Lenkerende, kein Handrad, nix. Das hätten wir uns bei einem GT aber anders vorgestellt, wenn nicht sogar als selbstverständlich empfunden.

Schalter-Show: Sieht aus wie bei den Motorrädern, steuert aber nicht ganz so viele Funktionen
Passt: Für den Stadtbummel wandert der Helm unter die Sitzbank
Für den oft zitierten Kleinkram: Fächer in der Front nehmen Handy & Co. auf

Doch kaum den Zündschlüssel rumgedreht, ‘tschuldigung, den Gummibubbel, wo sonst ein Schlüssel reinkommt, gedrückt, versöhnt das feiste TFT-Display im Cockpit und strahlt mit dem Herbstlaub um die Wette. Aber Achtung, das TFT-Cockpit ist aufpreispflichtig. Denn unser Test-Fahrzeug hat mal wieder alles an Bord, was der Sonderausstattungs-Katalog hergibt – da lässt sich BMW nicht lumpen, auch ganz ohne Nachfragen.
Sogar die einzige aufpreispflichtige Lackierung ließ man unserem Testroller angedeihen: „Moonwalk Grey Metallic“, kostet nen Fuffi extra und kann man zu den 615 Schleifen vom TFT addieren. Doch tatsächlich kommen in dieser Ausführung mit Sitz- und Griff-Heizung luxuriöse Gefühle auf. Was soll man sagen, Sitz- und Griff-Heizung? Aufpreispflichtig. Aber nun wollen wir genießen und lümmeln uns auf die feiste Sitzbank, Start und ab geht’s. Dabei erstaunt der 350er-Einzylinder mit einem bärenstarken Antritt, der in der Disziplin Ampelstart kein Verlangen nach einer hubraumstärkeren Variante aufkeimen lässt.
Vor allem unterhalb dreistelliger Geschwindigkeitswerte geben sich die 34 Pferdchen verdammt munter. Den Gasgriff aufgezogen und der C stürmt vehement vorwärts. Das reicht locker, um im Stadtverkehr permanent die Nase vorn zu haben.
Die Ausmaße des GT erzwingen beim Durchwuseln allerdings mehr Aufmerksamkeit als bei einem zierlichen 125er Scooter. Aber trotzdem ist der Stadtverkehr mit dem GT problemlos zu meistern. Dazu tragen auch die gute Bremsanlage und das stabile Fahrwerk bei. Selbst harte Bremsmanöver und hinterhältige Fahrkapriolen bringen den Bayern-Scooter nicht aus der Fassung. Nur eins kristallisiert sich bereits im Sprint zwischen Aldi-Filiale und Döner-Bude heraus: So wirklichen Komfort bietet der Grand Tourisme nicht. Die Stoßdämpfer sind eher sportlich hart und hämmern spätestens bei tiefen Kanaldeckeln ihren Unmut in den Pilotenrumpf.

Dezenter Auftritt: Der BMW macht eine gute Figur im Straßenbild
Flockig: Am Fahrverhalten gibt es wenig zu meckern
Nicht Serie: Für das Cockpit de Luxe sind Extra-Ausgaben fällig
Etwas gewöhnen müssen sich Motorradfahrer wie immer auch an die Bremsbetätigung über die beiden Hebel am Lenker. Und vor allem, dass man mit der linken Hand deutlich mehr Bremskraft aktiviert. Doch weder handelt es sich um eine links betätigte Kombi-Bremse, noch verzögert man links das Vorderrad. Vielmehr erzeugt man beim Roller wegen der Gewichtsverteilung mehr Biss hinten als vorn. Nicht immer, aber beim C 400 GT auf jeden Fall.

 

 

 

 

 

 

 

Insgesamt problemlos:
Die Bremsen haben den Scooter im Griff

Die Sitzbank ist für langbeinige Piloten jenseits von 1,80 Meter zu kurz. Das schick mit GT-Schriftzug verzierte Bürzel drückt im Steiß und man hat permanent das Verlangen, ihn mit dem Allerwertesten nach hinten zu pressen. Kleinere Personen als so ein ausgewachsener Testfahrer-Brocken kommen da besser klar, wie unser zierliches Foto-Modell Isa klar bestätigt. Aber auch im Soziusbetrieb stört das Zierpolster, denn es verhindert den wirklichen Zusammenschluss von Fahrer und Beifahrer. Auf der flotten Landstraßenrunde macht das straffe Fahrwerk das City-Manko allerdings wieder wett. Vor allem die Front zeigt sich der sportlichen Fahrweise gewachsen. Der Scooter lässt sich präzise einlenken und nach einer gewissen Eingewöhnung kommt im kurvigen Geläuf Fahrfreude auf.
Und da müssen wir schon wieder etwas meckern: Denn leider lassen sich beide Hebel nicht einstellen. Für Umsteiger oder Gelegenheits-Scooteristen unkomfortabel – und gar nicht GT-like. Die Disziplin Autobahn lässt sich mit dem BMW problemlos absolvieren und mit 100-Kilo-Piloten besetzt treibt der kleine 350er das Zweirad immerhin auf knappe 150 Sachen. Mit einem Durchschnittsverbrauch von rund vier Litern lassen sich Etappen von über 200 Kilometern realisieren. Den Schlüssel braucht man zum Sprit bunkern nicht, denn der Tankverschluss ist Teil des Keyless-Go-Systems. Per Knopfdruck lässt sich auch die Sitzbank aufklappen. Zwar ist das Fach unter dem Sitzmöbel recht flach ausgefallen, doch ein Integral-Helm kommt trotzdem unter, dank „flexcase“. Ein cleveres System, bei dem im Stand der Stauraum mittels Ziehharmonika-Prinzip nach unten hin vergrößert wird. Die Gefahr, so zu starten, besteht nicht, denn mit geöffnetem „flexcase“ verweigert der BMW die Arbeitsaufnahme. Um die Aufzählung der serienmäßigen Verstaumöglichkeiten zu komplettieren, fehlen noch die beiden Fächer in der Front, die sich einfach per Knopfdruck öffnen lassen und Kleinkram aufnehmen. Am Ende des Tages lässt der GT gleich Platz für mehrere Fazits: Schaut man über die Bezeichnung GT hinweg, ist der 400er eine gelungene Variante des 400 X. Erwartet man einen wirklich gut ausgestatteten Roller, ist man enttäuscht, zumindest als Pfennigfuchser. Denn nahezu alles, was den 400er vom Gossenkind zum Prinzen macht, kostet Aufpreis. Und dann wird es richtig teuer, werden mit allen Sonderausstattungen aus 7950 Euro, schlappe 9500. Und eine verstellbare Scheibe bleibt dabei immer noch ein frommer Wunsch des Autors.

 

Text & Fotos: André Gbiorczyk

Motor: Einzylinder-Motor, flüssigkeitsgekühlt
Hubraum: 350 ccm
Leistung: 34 PS (25kW) bei 7500 U/min
Drehmoment: 35 Nm bei 6000 U/min
Reifen v/h: 120/70-15 / 150/70-14
Sitzhöhe: 775 mm
Tankinhalt: 13 l
Leergewicht: 212 kg
Preis zzgl. Nk.: ab 7950 Euro

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