Gelände und Straße – dafür stand das „GS“ schon immer. Reichen dafür 313 Kubik ? Für eine Fachsimpelei unter Kollegen kommt die BMW G 310 GS jedenfalls gerade recht. Ein Streitgespräch zwischen Reisefuchs Guido und Stadtindianer Till.

Guido: Tacho 164 km/h. Hui! Muss man eigentlich schneller fahren? Na gut, es geht ein bisschen bergab, und vielleicht hat der silbergraue Sprinter vor mir schon eine Schneise in die Atmosphäre gebuddelt. Aber von solchen Geschwindigkeiten habe ich zu XT-500-Zeiten höchstens geträumt. Und das war bekanntlich ein Männermotorrad mit Weltreise-Kompetenz. Gut, dass die XT nicht mehr erleben muss, wie ihr indische BMWs um die Ohren fahren. Womit sie sich trösten könnte: Souverän fühlt sich das auf der BMW G 310 GS nicht an. Viel störender als das Drehzahlniveau und die Vibrationen ist da­bei das Summen, das sich bei Richtgeschwindigkeit wie eine Rückkopplung in den Helm bohrt. Vermutlich ein Verbrauchs-Warnton. Denn Vollgas treibt die Verbrauchsanzeige über die Sechsliter­marke. Da fährt man für schnelle Reiseschnitte besser langsamer.

Till: Old Throttlehand, du alter Reisefuchs – du gehörst doch gar nicht zur Zielgruppe. Lange Autobahnetappen bis ins Outback schnell überbrücken, das zählt nicht zu den Kern­kompetenzen der Schwellenland-GS. Dafür schnappt man sich was Größeres. Zumal dieser Summton bei Dauervollgas gegen die Genfer Konvention verstößt. Der knuffige Single – für mich die aktuell hübscheste GS – ist  für „urbane Lebens­welten“ zwi­schen Wanne-Eickel und Mumbai gedacht. Backstein und Benzin, da bin ich als Großstadt­kind am Ball. Durch die Häuserschluchten knattern, den SUV-Stau vorm Bioladen zu durchschlängeln wie ein Fahrradkurier. Die Baby-GS fühlt sich beim Rangieren zwar wie eine 125er an, aber mit 36 Prüfstand-PS ist man durchaus saftig motorisiert. Zwischen 6000 und 10000 Touren geht der Drehwurm lustig nach vorne, hinten plöppert’s fröhlich. E-Biker und Taxis sind chancenlos. Zumindest wenn man sich mit der Anfahrschwäche arrangiert hat. Ein 300-Kubik-Single ist nun mal kein Dampfhammer.

Guido: Nicht zur Zielgruppe zu gehören scheint sich wie ein roter Faden durch meine Konsumwelt zu ziehen. Aber dass man mit einer Dreihunderter nicht verreisen kann, halte ich für ein Gerücht. Vom Ruhrpott bis in die Alpen nimmt so eine Zwanzig­tausend-Euro-GS mit Vollaustattung der lieben Kleinen doch maximal zwei Stunden ab. Fahr ich halt ein bisschen eher los und kaufe eine Sani­fair-Marke weniger.
Ja, ich weiß, BMW bietet für die G 310 GS noch nicht einmal passende Koffer an. Aber eine derart stattliche Gepäckablage wie an der 310er wünscht man sich in manchem Zugabteil vergebens. Zur Not kommen halt noch Softbags an die Seite. Klar, die Sozia sollte lieber selbst fahren. Schon solo ist das Kayaba-Fahrwerk von der kuschelweichen Sorte. Das schont Kondition und Nerven, wenn man den ganzen Tag über Schlaglöcher und Rumpelpfade holpert. Voll beladen ist das Ganze aber tatsächlich eher was für Schunkelfreunde.

Till: Tja, und mit meinen 100 Kilo ist die 310 dann auch voll beladen. Zumindest gefühlt, denn laut Fahrzeugschein hätte ich tatsächlich noch Platz für einen 72-Kilo-Sozius. Fühlt sich im Stadtverkehr schon sehr knautschig an und beim zackigen Abbiegen hätte ich vorne gerne mehr Kontrolle und Feedback. Einstellbar ist hier außer dem bisschen Vorspannung am Heck nichts. Fühlt sich alles ein wenig wie Guidos olle XT an.
Auf der anderen Seite bügelt die Kleine den postnuklearen Straßenbelag vor meiner Tür einfach glatt, Kopfsteinpflaster, kleine Hüpfer über Bordsteine oder Treppen auf dem Campus registriert man kaum. So gesehen ist die G 310 GS auch perfekt für Gegenden, in denen kein Soli-Zuschlag ankommt. Und: Das Handling ist atemberaubend, die superbreite Lenkstange muss ich zum Einlenken nur böse anschauen. Der Lenkeinschlag ist phänomenal, der Wendekreis entsprechend winzig.
Ich sag’s doch: Die Baby-GS ist das fast perfekte Stadtmotorrad. Mir fehlt nur ein wenig der letzte Pfiff – Staufach und wartungsarmer Zahnriemen wie bei der gefloppten Scarver. Damit wollte BMW schon vor 15 Jahren Großstadt-Hipster auf den Einzylinder locken. Leider gab’s damals noch keine Hipster.

Guido: Genau. Es ist dieses Federleicht- Unbeschwerte, das den Charme der Klein-GS ausmacht. Und der sticht auch unterwegs. Mal eben den Trampelpfad zum Fluss runter? Gu­cken, ob die Aussicht auf dem Hügel noch ein kleines bisschen besser ist? Fahren wir einfach hin! Geht nicht? Dann drehen wir wieder um.
Das Leben unterwegs kann so einfach sein, wenn das Motorrad seine gar nicht so zierlichen 173 Kilo weit genug unten versteckt. Was nützen mir hochbeinige Rallye-Fahrwerke, dreistellige PS-Zahlen und zentnerweise Assistenzsysteme, wenn mir jeder Weg ins Ungewisse den Angstschweiß in die Augen drückt? Da ist die G 310 GS einfach lustiger.
Doch bitte nicht falsch verstehen: Für bein­harte Expeditionen ist sie nicht gemacht. Ihre sehr guten Metzeler Tourance in weicher Sonderausführung beißen lieber auf Granit als in den Matsch. Durch die geringen Schwungmassen ist es offroad nicht immer leicht, zwischen Durchdrehen und Abwürgen Traktion aufzuspüren. Irgendwann drücken dann auch die stumpfe Vorderbremse, ihr un­damenhaft abstehender Hebel und die knochige Schaltung auf die Ausflugslaune. Knapp 47 Meter ABS-Bremsweg sind auch mehr dritte Welt als Schwellenland.

Till: Du meckerst jetzt. Aber dürfen wir überhaupt meckern? Schließlich bekommt man hier für 5800 Euro eine neue GS. Da sitzt auf jeder Schraube ein Buchhalter und verhindert, dass in Indien jemand verstellbare Bremshebel einbaut. Auch die Bybre-Stopper sind grundsätzlich in Ord­nung, aber eben nicht mit der Verwandtschaft aus dem italienischen Brembo-Werk vergleichbar.
Das Instrument ist etwas lieblos, aber immerhin informativ. Aber dann wäre da noch dieser Scheinwerfer. Besser gesagt: die Scheinwerferbefestigung. Die Leuchte wackelt so kräftig im Gehäuse, dass selbst Vertreterkombis auf der Bahn ehrfürchtig Platz machen – die glauben halt, dass da von hinten ein Mopped mit 200 plus angeflimmert kommt. Umso ulkiger, wenn sich dann mit Hängen und Würgen ein pummeliger Mann auf dem Tank liegend vorbeipresst.
Aber wie gesagt, die nächstgrößere GS kostet fast dreieinhalb Tausender mehr. Und zumindest in den drei Wochen, in denen wir auf der 310er herumgeritten sind, machte sie einen recht soliden Eindruck. Das Gefühl, eine Sparbüchse zu fahren, kam bei mir jedenfalls nicht auf. Ich bleibe dabei: Ein richtig lustiges Stadtmotorrad, mit dem man auch mal eine Tankfüllung im Mittelgebirge abreißen kann – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Guido: Meckern, wenn es was zu meckern gibt, ist ja wohl unsere Mission. Da genießt die Baby-GS keinen Welpenschutz. Den hat sie auch gar nicht nötig. Denn sie übertrifft fast alle Erwartungen, die verbohrte Europäer an indische Massenfertigung haben. Manche Eigenheiten sind eben auch mit dem Einsatz als Schwellenland-Tourer zu erklären.
Das Gezappel des Scheinwerfers zum Beispiel liegt ja an der Gummilagerung, die der Birne auf langen Rüttelpisten das Leben rettet. Das ändert nichts daran, dass er die Fahrbahn vorbildlich hell und gleichmäßig ausleuchtet und zur Not auch herumstreunende Kühe aus dem Dunklen reißt. Da sehe ich mich schon auf der G 310 GS behaglich durch laue Sommernächte cruisen. Egal, ob entlang der Ruhr oder am Ufer des Mekong. Die lässige Sitzposition weckt nie das Gefühl, auf einem Kinderfahrrad zu kauern, das robuste Fahrwerk kann einen Knuff vertragen, und wenn ich die Packrolle runterwerfe, fährt auf diesem Rücksitz sogar die Liebste gerne mit Richtung Abendessen. Das Schaulaufen auf der Promenade dürfen sowieso gerne andere übernehmen.

Till: Schaulaufen ist ein gutes Thema, im gentrifizierten Altbauviertel ist der Poser-Faktor nicht zu unterschätzen. Schließlich parkt man auch mal vorm Szenecafé, pfeift sich seinen Kokos-Latte mit veganer Salamandermilch rein. Da muss der Auftritt stimmen.
Problemchen: Die 310er kommt ein wenig rüber wie „die Große konnte ich mir nicht leisten“. Verwechslungsgefahr mit einer großen GS besteht angesichts der Abmessungen jedenfalls nicht, spätestens das übereifrige Plöppern des Singles im Leerlauf lässt die Illusion endgültig platzen. Deshalb mein Wunsch für die Zukunft: Zwischen G 310 R und G 310 GS noch eine G 310 Scrambler anbieten – technisch gerne ganz GS, denn insgesamt funktioniert das Motorrad gut. Aber eben im klassischen Lodenmantel und ein bisschen günstiger – das passt meiner Meinung nach besser zum Konzept des kleinen Cityflitzers.

Guido: Es spricht für ein Motorrad, wenn die Außenwirkung die größten Sorgen macht. Hier ist BMW in der Zwickmühle: Einerseits soll die kleine GS die aufstrebenden asiatischen Massen ins Modellprogramm locken und auf den ganz tiefen Griff in die Schatulle vorbereiten. Für verwöhnte Konsumenten wie uns würde sie sich dagegen besser klar von der Oberklasse distanzieren, um nicht wie eine Sparausführung zu wirken. So ein Lodenscrambler könnte als coole Alternative zu Pedelec oder Roller bestimmt auch urbane Trendviertel aufmischen.
In der freien Wildbahn dürfte es die G 310 GS bei uns jedoch schwer haben. Da kann die typische Kundin beim ersten Probesitzen noch so begeistert sein: der Abstand zur Groß-GS des Gatten dürfte die Harmonie einer gemeinsamen Alpentour auf Dauer gefährden. Viele gestandene Mannsbilder ahnen ja gar nicht, wie fröhlich es auf kleinen Motorrädern zugehen kann. Da sind Till und ich mal einer Meinung.