Rund um die „Brocker Mühle“ versammeln sich im Sommer schon seit Jahren jeden Mittwochabend hunderte Motorradfahrer. Längst ist das bunte Treiben weit über die Grenzen Ostwestfalens hinaus bekannt.
Bei gutem Wetter treffen sich manchmal Tausende mit ihren Maschinen – der Ruf eilt der Brocker Mühle voraus, als ich mit unserer Dauertest-GS nach Herzebrock-Clarholz swinge. Dabei sieht alles ganz beschaulich aus, als ich kurz nach drei auf den Hof rolle.
Ein paar Silberrücken hocken scherzend beisammen, direkt daneben schmucke Zwei­räder älterer Semester. Die Vöglein zwitschern, am Grillstand brutzeln ein paar Würstchen und auf der benachbarten Wiese malt ein Mann mit Warnweste mit einem Markierwagen Linien aufs Gras. Ein netter, beschaulicher Treffpunkt.
Ich besuche Chefin Andrea Greweling- Disselkamp, die das Gasthaus zusammen mit ihrer Mutter führt. 1974 kamen erstmals eine Handvoll Motorradfahrer aufs Gelände der Brocker Mühle. Die Sache wurde ratzfatz ein Selbstläufer. Mit jedem Mal erschienen mehr, Mitte der 80er Jahre schauten regelmäßig mehr als 300 Motorradfahrer herein.
Der Trubel am Nachmittag zur Halbzeit der Arbeitswoche wurde für die Szene in Ostwestfalen-Lippe zum „Muss“. Andrea, eigentlich gelernte Floristin, erinnert sich: „Wir haben damals aus unserer Garage Getränke, Mettbrötchen und Frikadellen verkauft, ehe später die Imbissbuden dazu­kamen.“ Heute teilen sich Würstchenstand, Pizzabude und Eismann die Verköstigung.

In Reih‘ und Glied: Parkwächter Peter bringt Ordnung ins Mittwochs-Getümmel

Doch es steckt noch mehr Mühe hinterm Mittwochs-Kult. Was viele nicht wissen: Die große Wiese neben der Gastwirtschaft hat Familie Greweling seit Jahr und Tag für die Motorräder reserviert. Weil jede Woche die Motorradwelle drüber rollt, kann man das Stück Land weder als Weide noch für Heu nutzen. Stattdessen schickt Andrea regelmäßig für teuer Geld einen Spezialisten für Golfplatz-Pflege übers Gras. Und weil die Brettchen, die „für unterm Ständer“ an der Wiese verteilt werden, manchmal Füße bekommen, lassen Grewelings regelmäßig nachsägen.

Seinen Höhepunkt erreichte der Wiesen-Kult Ende der 1990er Jahre. Bis zu 2000 Maschinen parkten jeden Mittwoch in Reih und Glied.

Die Temposchilder an der Groppeler Straße sind seitdem variabel: sechseinhalb Tage die Woche darf man 70 fahren. Aber am Mittwoch werden die Schilder aufgeklappt – und dann gilt nur noch Tempo 30. Aus gutem Grund, wie ich bald feststelle. Um Punkt 17 Uhr galoppieren die Horden herbei, als hätte irgendwo jemand das Tor offenstehen lassen. Aus beiden Richtungen knattern, kreischen und blubbern die Motorräder heran. Manche ein­zeln, meistens im Pulk. Einsatz für Peter, den Parkwächter mit der Warnweste.

Selbst als es richtig trubelig wird, winkt er die vergnügte Schar souverän in Reih und Glied. Er sorgt seit vielen Jahren für die schnurgeraden Kreidemarkierungen auf dem Gras – und für Ordnung im Getümmel. Außer bei schlechtem Wetter stand er all die Jahre fast jeden Sommermittwoch als Einwinker auf der Wiese – Hut ab!
Als eine Stunde später der Höhepunkt erreicht ist, parken die Motorräder in acht Reihen zu je rund 50 Motorrädern. Plus die Maschinen hinter und auf der anderen Seite der Gaststätte und das Kommen und Gehen – macht bis zu 700 Motorräder. Ich bin platt – aber Peter setzt noch einen drauf. „Da geht oft noch mehr. Manchmal stehen hier 900 Motorräder auf der Wiese.

Eigens gesägt: Eingangs warten hunderte Ständer-Brettchen

Aber sobald ein paar Wolken am Himmel sind, lassen sich viele abschrecken.“ Das Pub­likum ist sensibel. Denn zu heiß darf es auch nicht sein. Und wenn es regnet, ist kaum etwas los, wie ich am Grillstand erfahre. Klaus Venturs jongliert seit zehn Jahren mit Würstchen, Pommes und Krakauern. Erst als Angestellter, mittlerweile als Chef. Sein Mittwochs-Einsatz am Rost: Ehrensache und eine Freude für den CBF 1000-Fahrer. Was die Biker am liebsten futtern? „Ganz klar: Mantaplatte und Bratwurst.“
Plötzlich kreischt auf der Straße eine 390 Duke auf. Ein Bengel zieht am Kabel und wheelt vorbei. Und noch einmal und noch einmal. Auch das gehört dazu – und ruft immer wieder die Polizei auf den Plan.
Gegen 20 Uhr wird es ruhiger, rollen die Scharen vom Hof. Peter zieht seine Runden über den Platz und die Fressbuden klappen ihre Markisen ein. Ruhe kehrt ein in der Brocker Mühle. Aber nur für eine Woche. Denn dann heißt es wieder „Auf zum Bergfest nach Herzebrock-Clarholz!“

von Sophie Leistner, Fotos: Sophie Leistner

Der Artikel erschien in MOTORRAD NEWS-Ausgabe 9/2019

Zur Sache

Treff: Brocker Mühle, Familie Greweling, Groppeler Straße 63, 33442 Herzebrock-Clarholz, 05245/2413, www.brocker-muehle.de. Eine ganz normale Gaststätte, an der im Sommer
immer mittwochs Ausnahmezustand herrscht. Treffpunkt sind die große Wiese neben dem Haus sowie Parkplatz und Rasenflächen drumrum.
Lage: Zwischen Münster und Bielefeld, am westlichen Rand von Ostwestfalen an der
Grenze zum Münsterland.
Zeiten: Während der Sommerzeit immer
mittwochs zwischen 16.30 und 21 Uhr
Wer: Motorradfahrer aus ganz Ostwestfalen-Lippe, aus dem Ruhrgebiet, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Hessen. Gelegentlich nutzen Motorradhersteller und Bekleidungs­spezialisten den Rummel, um sich zu präsentieren.
Hinweise: Die Polizei ist mittwochs am Treff und auf den umliegenden Straßen oft in Bereitschaft. Die nächste DRK Blutspende­aktion ist für den 28. August 2019 geplant.
Ringsherum: Im Müns­terland ist gemütliches Cruisen angesagt. Sportlicher geht’s in Richtung Teutoburger Wald, Wiehengebirge und Weserbergland zur Sache.

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