Das Kyffhäuser Bergrennen legte nach dem Krieg den Grundstein für eine Pilgerstätte, die Motorsport-Freunde bis heute in Scharen anlockt. Seit 66 Jahren hallt Motorenklang durchs kleinste Mittelgebirge Deutschlands.

Wenn ein Ort das Prädikat „sagen­umwoben“ und „geschichts­trächtig“ verdient, dann der Kyffhäuser. „Der Kyffhäuser wird Treffpunkt der Meister am Berg, der Bergspezialisten und Bergkönige aus Ost und West werden“, hatte Rennleiter Roediger in seiner Ankün­digung zum ersten Kyffhäuser Bergrennen 1952 prophezeit.

Zeitzeugnisse: Kyffhäuser-Kenner Falk Getschmann und Kelbras Pfarrer Dräger haben wahre Bilder-Schätze ausgegraben

Und er behielt recht: Denn seit Lautsprechermusik und kreischende Motoren die Idylle damals das erste Mal durchbrachen, wurde der „kleine Bruder des Harzes“ zum Magnet fürs motorisierte Volk. Das erste offizielle Kyffhäuser-Bergrennen zählte zur DDR-Meisterschaft. Die Spekta­kel an den Bergstrecken und Rundkursen waren für die Menschen im Osten in den har­ten Nachkriegsjahren eine willkommene Abwechslung. Die Bevölkerung, so heißt es im Nachbericht des Fachblatts „Motorsport“, feierte die Fahrer wie Helden. Anders als bei anderen Traditionsstrecken gelang es aber nicht, die Bergrenn-Tradition am Kyffhäuser wieder zu beleben. Doch eins bleibt: In der Peripherie solch geschichtsträchtiger Orte des Sports treffen sich Motorradfahrer schon aus Tradition gern.

Am Fuße vom „Berg der Berge“, wo ein uralter Grenzstein die Nahtstelle zwischen Thüringen und Sachsen-Anhalt kennzeich­net, steht das alte Zollhaus. Und genau dort verlief die Startlinie der späteren Bergrennen, die in den Achtzigern jährlich stattfanden. Seit 2013 erlebt das Zollhaus unter Regie von Roswitha Hagedorn als Motorradtreff seinen zweiten Frühling.

In der Peripherie geschichtsträchtiger Motorsport-Orte treffen sich Motorradfahrer aus Tradition gern

Die 36 Kurven der berühmt-berüchtigten Bergstrecke gaben der Wirtschaft ihren Namen gaben: „Café 36 – Biker-Oase“. Die spektakuläre und bis heute unfallträchtige Aneinanderreihung von Kehren entstand in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. 

Geschichtsträchtig: Das Kyffhäuser Denkmal wurde zu Ehren Wilhelms auf mittelalterlichen Grundmauern der Reichsburg gebaut

Familienfoto am Obelisk: Nahe dieser Stelle war die Ziellinie der frühen Kyffhäuser-Rennen auf den Asphalt gepinselt

„Die Alte Salzstraße war Anfang der 1920er Jahre kaum mehr als eine schmale Schotterpiste,“ weiß Falk Getschmann vom Heimat- und Schloss­verein Roßla, der für NEWS wahre Schätze aus seiner privaten Bilder-Sammlung ge­kramt hat. Ende der 1920er Jahre rückte ein Bautrupp dem Sandstein und Granit zuleibe. Mit dabei: Getschmanns Urgroßvater. „Oben, am Abzweig zum Denkmal, stand damals ein Obelisk mitten auf der Kreuzung. Beim Rennen von 1952 markierte er das Ziel, hier stand die Tribüne, es wurden Siegerehrungen gefeiert. Bis in die 1960er Jahre war der Obelisk Wegpunkt und Wegweiser, ehe er im Zuge des Ausbaus zur Bundesstraße abgerissen wurde.“  Es geht zum Denkmal, dessen Silhouette sich schon bei der Anreise über die A38 von Weitem am Horizont abzeichnet.

Auf den letzten Metern lockt das Kyffhäuserhotel mit Imbiss und kostenlosen Motorrad­park­plätzen, von denen aus der kürzeste Fuß­weg zum Denkmal startet. Am liebsten futtern Motorradfahrer hier „Thüringer Roster für Einsfuffzig“. Nur wenige Meter weiter sticht bereits beim Parken am Burghof Kyffhäuser das Monument ins Auge, ein gewaltiger Sand­stein-Koloss. Die altehrwürdigen Gastwirt­schaft war schon Herberge für die Bauarbeiter, die das Denkmal zwischen 1890 und 1896 errichteten. 2003 hauchte Familie Auerbach-Pester dem denkmalgeschützten Gasthof, der nach der Wiedervereinigung verfallen war, neues Leben ein. Hausherr Peter Pester fuhr damals selbst Motorrad, zweirädrige Ausflügler parken auf dem Burghof umsonst.

Rush-Hour: Beim Imbiss am Kyffhäuserhotel startet der kürzeste Fußweg hinauf zum Denkmal

Auch der Aufstieg zum Denkmal, mit 81 Metern das drittgrößte Deutschlands, ist bei Motorrad-Touristen beliebt. Wer die 250 Stufen des Turms erklommen hat, wird mit einem grandiosen Panorama belohnt. Zu sehen ist auch der Kelbraer Stausee, an dessen Ufer seit 2009 jeden Herbst das Emmenrausch-Motorradtreffen steigt und den Kyffhäuser in alter Tradition in blauen Dunst hüllt.

von Sophie Leistner, Fotos: Sophie Leistner

Der Artikel erschien in MOTORRAD NEWS-Ausgabe 5/2019

Zur Sache

Treff: Rings um das sagenumwobene Denkmal gibt es etliche Anlaufstellen für Motorradfahrer. Allen voran das von März bis November geöffnete „Café 36 – Biker-Oase“ mit Gastraum, Biergarten und Grillstation: Forsthaus Rothenburg 2, 06537 Kelbra und www.cafe36-online.de. Ebenso beliebt sind der Imbiss am Kyffhäuserhotel,
Kyffhäuser 3, 06567 Kyffhäuserland sowie der von März bis Oktober geöffnete Burghof Kyffhäuser mit Gasträumen, Biergärten und Terrasse: Kyffhäuser 4, 99707 Kyffhäuserland, 034651/45410 und www.burghof-kyffhaeuser.de
Zeiten: Motorradfahrer trifft man zu jeder Jahreszeit, hauptsächlich aber zwischen April und November, nach Feierabend und an den Wochenenden.
Wer: Motorradfahrer aus allen Teilen Deutschlands aus der Schweiz, Österreich und Skandinavien pilgern Sommer für Sommer zum kleinsten Mittelgebirge Deutschlands.
Ringsherum: Der Besuch des Kyffhäusers lässt sich prima mit einem Motorradurlaub im Harz verbinden. Die beiden Mittelgebirge trennt die fruchtbare Ebene der Goldenen Aue, sodass man Kurvenspaß und entspanntes Cruisen bestens kombinieren kann.

Teilen: