Beim Märchenkönig: Deutscher Alpenrand

Motorradfahrer müssen nicht blauen Blutes sein, um königlichen Fahrspaß erleben zu dürfen. Bayerische und Tiroler Bergwelten buhlen auch um die Gunst des einfachen Motorradvolkes.

von Frank Sachau (Text & Fotos)

Was für eine Kinderstube! Am Füssener Ortsrand biegen wir zum Schloss Hohenschwangau ab, in dem Prinz Ludwig seine Jugend verbrachte. Nach dem Tod seines Vaters, König Maximilian II. von Bayern, betritt der gerade 18-jährige Ludwig unerfahren den Thron und trifft wenig später auf den Kom­ponisten Richard Wagner. Von Wagners opulenten Opern angeregt, entwickelt der König der schwülstigen Künste große Fantasien, verbunden mit kreativer, ausufernder Baulust. Nach Schloss Herrenchiemsee und Schloss Linderhof gilt das in Sichtweite auf einem bewaldeten Bergrücken thronende weltberühmte Märchenschloss Neuschwanstein als Ludwigs Meisterstück. An der Nahtstelle von Allgäuer und Ammergauer Alpen drängen sich die Wassermassen des Lech durch Füssen zum Forggen­see im Alpenvorland. Wir treiben unsere Maschinen am westlichen Ufer des riesigen Stausees entlang nach Roßhaupten. Dank der nördlichen Staumauer können wir trockenen Fußes den Lech überqueren und erreichen bald die B 17. Griffiger Teer nagt an unseren Reifenflanken, als wir auf der Deutschen Alpenstraße durch den Schwarzenbacher Wald bis an die Echelsbacher Brücke preschen und auf die B 23 einschwenken. Für viele Kilometer genießen wir immer wieder neue Ausblicke auf die im Gegenlicht schimmernden Bergriesen der Ammergauer Alpen, bis uns eine verkehrsarme Nebenstrecke von Saulgrub an den Kochelsee schickt, der sich in den letzten Ausläufern des Estergebirges versteckt. Bei der Befahrung des nahen Kesselbergs (858 Meter) tritt die Alpenidylle in den Hintergrund, denn die mit einer Vielzahl knackiger Serpentinen gespickte Bergstrecke ist im gesamten Verlauf mit Überholverbot und Tempolimit belegt. Was aber einige Lokalmatadoren nicht davon abhält, halsbrecherisch an uns vorbei zu zischen. Entspannung bringt dann die malerische Uferstraße am Walchensee entlang, der zu den tiefsten und zugleich größten Berg­seen Deutschlands zählt. An seinem südlichen Zipfel zweigt die zwölf Kilometer lange Maut­straße nach Jachenau ab. Sie ist für Wohnwagengespanne gesperrt, was Gutes verheißt! Das schmale Asphaltband folgt dem Gewässerrand und liefert nach jeder Biegung ein neues Alpenpanorama, bis es bei Niedernach im Wald verschwindet. Jachenau mit seiner zwiebeltürmigen Pfarrkirche erleben wir als Stückchen heiler Welt, das mit Erreichen der überbreiten, aus Bad Tölz heranführenden B 13 endet. Im hohen Tempo steigen wir gegen den Lauf der Isar in weiten Bögen zum zerklüfteten Sylvensteinsee auf. Nach einem Halt auf der mächtigen Staumauer trägt uns eine kühn geschwungene Brücke über das von der Isar gespeiste, fjordartige Wasserreservoir.

Kinis Kunststück: König Ludwig II. ließ Neuschwanstein nach seinen Ideen bauen

Kennt weder Ebbe noch Flut: Der Plansee in den  Ammergauer Alpen punktet mit Wasserqualität und Fischreichtum

Des „Märchenkönigs“ Lieblingsort: In keinem seiner drei Schlösser hielt sich Ludwig II. von Bayern häufiger auf als im schicken Linderhof

Historische Route: Die Steinsäule am Plansee erinnert an den Bau der Uferstraße um 1850 durch König Maximilian II. von Bayern

Staunend rollen wir durch das abgeschiedene Stichtal

In Vorderriß reizt uns eine der landschaft­lich schönsten Mautstraßen: 25 Kilo­meter rollen wir staunend durch das abgeschiedene Stichtal, in dem einzigartige, bis zu 500 Jahre alte Ahornbäume wachsen. Am Ende des von grauen Bergriesen umschlossenen Rißtales steigen wir von unseren Maschinen und gönnen uns eine Brotzeit im Alpengasthof Eng im Herzen des Tiroler Karwendels. Wenig später öffnet sich für eine Handvoll Kleingeld die nächste Schranke, mit einem freundlichen Wink entlässt man uns ins Obere Isartal. Ein schmales naturbelassenes Teerband führt durch manch blinde Kurve am breiten, von Bäumen gesäumten Flussbett entlang. In Wallgau angekommen, steht unser Urteil fest: Diese wildromantische Etappe ist jeden Cent wert! Im nicht weit entfernten Garmisch-Partenkirchen lassen wir die Wettkampfstätten der Winter-Olympiade von 1936 links liegen, erklimmen den Ettaler Sattel und besuchen das Benediktinerkloster Ettal mit seiner Barock-Basilika und Rokoko-Sakristei. Kurz darauf tauchen wir in eine unverfälschte Waldstrecke ein und erreichen bald Schloss Linderhof, in dem sich König Ludwig II. häufig aufhielt. Neben dem prunkvollen Palais mit Park und Wasserspielen verdient die Venusgrotte besondere Beachtung: Mit künstlichem See und Wasserfall ausgestattet, zog sich der exzentrische Monarch hier gerne in seine Traumwelten zurück. Genug geträumt, auf zum Plansee! Die von Ludwigs Vater Mitte des 19. Jahrhunderts in Auftrag gegebene Waldstraße windet sich über den Ammersattel (1082 m) hinunter nach Tirol. Mittelstreifenlos schmiegt sie sich eng an das nördliche Ufer des Plansees, wäh­rend gegenüber majestätische Zweitausen­der aus dem türkisfarbenen Wasser wachsen. Wir lassen uns das angenehme Gefühl des entspannten Dahingleitens nicht nehmen und biegen noch vor dem Verkehrsknoten Reutte nach Ehenbichel ab. Nun ein Stückchen den Lech stromaufwärts, bei Weißenbach über die Brücke und die B 198, schon liegt die Auffahrt zum Gaichtpass (1093 m) vor unseren Cockpits. Der Übergang ins Tannheimer Tal ist optisch wie fahrerisch ein echter Genuss. Am bildhübschen Haldensee nach Pfronten abgebogen, hält erneut eine Nebenstrecke einen bunten Strauß an Eindrücken für uns bereit: Himmelwärts schwingender Asphalt, wie zufällig hingestreute Heustadel und freilaufende Rindviecher bescheren wahrhaft königlichen Fahrspaß.

Hoteltipp

Landhotel zum Franke

Die Lage ist einmalig: Egal, ob mal schnell an den Bodensee flitzen, durchs Alpenvorland cruisen oder über namhafte Pässe schwingen will, von Pfronten aus alles nur ein Katzensprung. Das Hotel liegt ruhig am Ortsrand und bietet neben tollen Bergblicken und guter fränkischer Küche auch einen gemütlichen Biergarten. Das Doppelzimmer mit Frühstück ist ab 90 Euro zu haben.

Manfred und Max Franke
Edelsbergweg 38
87459 Pfronten
Fon 08363/960637
www.zum-franke.de

Reise Info

Streckenlänge: 340 Kilometer
Dauer der Tour: Wochenende
Allgemeines: Der Alpenrand beschert äußerst abwechslungsreiche Landschaften und umfasst gleich drei Gebirge, die sich Bayern und Tirol teilen müssen: Das im Osten gelegene Karwendel, in der Mitte die Ammergauer und im Westen die Allgäuer Alpen. Die Tour verläuft überwiegend auf facettenreichen Nebenstraßen, die keine Wintersperren kennen, aber teils mautpflichtig sind, deshalb sollte das Portmonee griffbereit sein. Besonders Alpenneulinge kommen auf ihre Kosten, weil die Strecke keinen hohen Schwierigkeiten aufweist.

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www.motorrad.net/aktuelles/touren

Anreise: Von München bietet sich die A 95 nach Garmisch-Partenkirchen an. Die A 7 erstreckt sich durch ganz Deutschland und endet in Füssen.
Reisezeit: Anfang Mai bis in den Oktober
Literatur: DuMont Bildatlas Nummer 6, „Oberbayern“, 9,95 Euro.
Karten: ADAC Kartenset Deutschland 2018/19. 1:200000, 14,99 Euro.
Informationen: www.alpenwelt-karwendel.de, www.ammergauer-alpen.de, www.allgaeu.de, www.deutsche-alpenstrasse.de, Preise und Öffnungszeiten der Mautstrecken im Karwendel: www.karwendel.org
Königsschlösser: Die prachtvollen Schlösser und die außergewöhnliche Vita des Märchenkönigs Ludwig II. von Bayern ziehen täglich Tausende Menschen in ihren Bann. Informationen, Öffnungszeiten und Eintrittspreise auf neuschwanstein.de

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