Ein Metallgebirge, diese Fat Bob. Urig und massig, für Euro 4 aber deutlich modernisiert. Ducati hält in diesem Genre mit der XDiavel S dagegen, ein Sportcruiser auf Superbike-Basis. Macho-Duell auf Augenhöhe?

Frank zurrt sein Kopftuch mit dem ulkigen US-Adler fest. Posiert eiskalt vor dem Metallberg. Ein Harley-Fahrer aus dem Bilderbuch. Ein wenig anders verhält es sich mit dem Motorrad. Klar, Riesen-V2 und dicke Walzen sind ein fetter Hinweis auf Trumps neuesten Lieblings­feind. Aber die sportlichen Endrohre, die LED- Lampenleiste vorne? Das sieht so gar nicht nach klassischer US-Kultur aus. Harley hat der weißen Fat Bob ein Design verpasst, das offenbar weniger Mil­waukee-verliebte Silberrücken bedienen als neue Kundschaft auf die Softail holen soll. Ab 19 195 Euro geht‘s los.

Auch Ducati huldigt dem Machismo, setzt aber auf pure Dynamik. Ich fühle mich genötigt, meinen Aggro-Helm rauszukramen. Eine edle Armani-Lederjacke mit Totenkopf wäre schön, ist leider nicht greifbar. Die dem S-Modell vorbehalten Hinterradfelge mit der riesigen 240er Walze: brachial. Die gefrästen Rückspiegel und Zahnriemenabdeckungen, das traumhafte Bürzelchen, das gebürstete Alu, die kernige Front. 23 690 Euro sind fällig – hier geht‘s um muskulösen Wohlstand.

Also ein Motorrad für Reeperbahn-Größen? Oder für durchtrainierte Anzugträger? Ich passe zwar in keine dieser Kategorien. Aber geil finde ich das übertriebene Design der weißen Duc trotzdem. Damit bist du der Hingucker, vorm Casino in Monte Carlo genau wie auf dem Christopher Street Day.

Und was steckt unterm prolligen Rock? Schauen wir uns erstmal die beiden Antriebe an, die abgesehen vom Grundlayout wenig gemein haben. Der Milwaukee-Eight 114 schickt die toten Dinosaurier auf eine weite Reise durch den 1900 Kubik großen Brennraum, ehe sie sich als Euro 4-taugliche Wolke im Universum verteilen. Für 1300 Euro weniger gibt es die Fat Bob übrigens auch mit dem Milwaukee-Eight 107, der mit 1745 Kubik immer noch einer der ganz Großen ist.

Zwei Ausgleichswellen halten die Vibratio­nen im Zaum, der V2 läuft kultiviert. Der sechste Gang ist als elend langer Overdrive ausgelegt, weshalb wir den Durchzug im Fünften gemessen haben. Die beiden letzten Gänge sind zudem bei 190 abgeregelt.

88 PS messen wir bei 5000 Touren, bereits bei 3750 schaufelt der Vierventiler gewaltige 147 Nm auf den Prüfstand. Als echter Lang­huber stampft er lässig aus dem Drehzahlkeller, lässt das Hinterrad beim flotten Ampel­start mühelos wimmern. Im Regen wird es rutschig, dafür sind die Pellen nicht gedacht. Traktionskontrolle? Mappings? Fehlanzeige. Das hier ist alte Schule.

Die XDiavel hat zwar „nur“ 1262 Kubik. Aber sie dreht auch doppelt so hoch – der Ex- Superbike-Motor liefert seine 150 PS auf dem NEWS-Prüfstand bei 9500 Touren ab. Allerdings liegt schon knapp unter 4000 ein derber Punch an, der Testastretta DVT ist breitbandig und sportlich zugleich.

Hier können wir also getrost im Sechsten messen: Die spurtstarke XDiavel nimmt der Harley in fast allen Sprint- und Durchzugsmessungen ganze Jahrhunderte ab, bei Top­speed zeigt der informative Tacho mehr als 260 an. Was wir auch auf das über einen Zentner niedrigere Gewicht zurückführen – vollgetankt steht es hier 250 zu 309 Kilo.

So mag die XDiavel dann auch ein großes Motorrad sein, der Radstand ist identisch mit dem der Fat Bob. Aber sie fährt viel quirliger, als man auf den ersten Blick erwartet. Und das nicht nur in Sachen Längsdynamik. Sobald nämlich die ersten Kurven kommen, muss sich der vor die Wahl gestellte Cruiser-Fan endgültig für eins der beiden Konzepte entscheiden.

Die Fat Bob bietet ein wuchtiges, aber durch­aus neutrales Handling. Die Schräglagenfreiheit ist für diese Fahrzeugklasse völlig in Ordnung, knapp über 30 Grad geben die Amis an. In Verbindung mit den kräftigen Bremsen, dem sauber schaltenden Getriebe und dem gut abgestimmten Fahrwerk hat Milwaukee hier wieder einmal einen großen Schritt nach vorne gemacht – eine zehn Jahre ältere Harley dürfte in allen Disziplinen meilenweit unterlegen sein. So wird das lockere Dahinbollern zur schönsten aller Gangarten.

Zwar spricht Ducati bei der XDiavel auch gerne vom „Reiz des Dahingleitens“. Geht dank des drehmomentstarken DVT-Motors mit variablen Steuerzeiten auch, erfordert aber etwas Selbstdisziplin. Und wofür man dann 150 Pferdchen, Klebe-Pirellis, Launch Control, einstellbares Fahrwerk und Weltraum-Brem­sen benötigt, ist bei dieser Kategorisierung nicht ganz klar. So fährt sich Ducatis Sport­cruiser eher wie eine größer geratene Monster.

Der gewaltige Hinterreifen erfordert ordentliche Schräglage bereits bei niedrigem Kurvenspeed und wird Richtung Flanke etwas sperrig. Doch die Haftung ist enorm, die Schräglagenfreiheit ist rund zehn Grad größer als bei der Harley, das Handling ungleich leichtfüßiger, das Chassis zielgenauer.

Die Brembos kommen genau wie der Twin aus der supersportlichen Ecke, mit Hilfe der knackigen ABS-Abstimmung und der griffigen Gummis nimmt die XDiavel der Harley bei der Vollbremsung über drei Meter ab. Obendrein verfügt die Duc über ein Kurven-ABS. Die umfangreiche Elektronik mit Bluetooth- Modul, diversen Riding Modes, Tempomat und Traktionskontrolle macht das Ballern sicherer und angenehmer, die Ergonomie mit verschiebbaren Rasten ist sehr nett und das Fahrwerk reicht von komfortabel bis sportlich – die Ducati XDiavel ist ein absolut modernes und sogar vielseitiges Motorrad.

Nun sind wir aber nicht hier, um Lobeshymnen abzulassen – dafür hat der liebe Gott schließlich Instagram entwickelt. Denn die beiden Ballermänner haben auch Schwächen, die man kennen sollte, bevor man 20 Mille und mehr lockermacht.

Da wären etwa die Soziusplätze, die keiner unserer Tester seiner Liebsten länger als ein paar Meilen zumuten würde. Bei der Ducati stört das hakelige Getriebe, das macht Harley trotz des rustikalen „Klong“ beim Einlegen des ersten Gangs besser. Bei der Fat Bob sind es Kleinigkeiten wie ein wenig Kabelsalat, das nicht gut ablesbare Digitaldisplay oder der wenig erfreuliche Blick unter den Heckfender. Gut verarbeitet sind sie beide, die Ducati bietet das wertigere Finish.

Ganz klar, unsere beiden Prachtstücke sind echte Poser-Bikes. Sie polarisieren maximal und bieten eine prima Projektionsfläche – für Träume wie für Missgunst. Dabei stopft Ducati enorm viel Hightech in einen dynamischen Sportcruiser, der jeden Ampelsprint gewinnt, Feuer spuckt und sogar Kurven kann. Die mächtige Fat Bob punktet mit dem charakter­starken Riesen-V2, dem angesichts der großen Walzen erstaunlich neutralen Handling und der Strahlkraft des urigen Originals. Sie ist viel gemütlicher, aber keineswegs lahmarschig. Es bleibt dabei: Frank nimmt die Harley, ich die Ducati. Die Ree­perbahn wartet schon.

 

 

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