Bald 20 Jahre ist das Restaurant „AVUS-Treff Spinner-Brücke“ alt. Doch die Wurzeln des beliebten Treffs an der AVUS im Berliner Südwesten reichen bis weit ins letzte Jahrhundert zurück – in die goldenen Jahre der einst schnellsten Rennstrecke der Welt.

Im September 2021 feiert sie ihren 100. Geburtstag, die legendäre AVUS im Berliner Südwesten. Doch eigentlich waren die Pläne noch viel älter: Die AVUS war ein Projekt des Kaiserlichen Automobilclubs, dem späteren AvD. Das Konzept zur „Experimentierstrecke“ stammt aus dem Jahr 1909. Die Strecke war für den Autoliebhaber Kaiser Wilhelm II. eine Herzensangelegenheit.
Unterbrochen durch den Ersten Weltkrieg zog sich der Bau der „Automobil-, Verkehrs- und Übungsstraße“ von 1913 bis 1921 hin. Lutz-Ulrich Kubisch, der viele Jahre im Deut­schen Technikmuseum in Berlin die Abteilung „Straßenverkehr“ geleitet hat, kennt die Details: „Die AVUS war der Prototyp einer kreuzungs­freien, doppelspurigen Nur-Auto-Straße für den Schnell­verkehr“ – also die erste Autobahn der Welt. Und sie war Experimentierstrecke für Straßenbau- Maschinen und neue Beläge. Beton, Bitumen, Kopfsteinpflaster und Asphalt, zeitweise gab es sogar mal einen Abschnitt aus Holz. Die AVUS bereitet somit den Weg für den modernen Straßenbau und unser Autobahnnetz. Die schräge Nordkurve war eine bauliche Sensation – und wegen des rutschigen Klinkers heikel zu befahren.

Im September 1921 eröffnete die Trasse zwischen dem Berliner Funkturm und der Südkehre nahe des heutigen Zehlendorfer Kreuzes als erste Rennstrecke Deutschlands – sechs Jahre vor dem Nürburg­ring. Die Rennen waren Paraden deutscher Ingenieurskunst. Ein Schnitt von 280 Sachen gehörte zur Tagesordnung. Großes Kino auch die Motorradrennen: Ab 1922 startete die internationale Rennprominenz in Berlin, zwei Jahre später zählten die AVUS-Rennen auch zur Deutschen Motorrad-Straßenmeisterschaft. In den 1920er und ’30er Jahren kämpften die ganz Großen um Siege: Albert Schuster auf Wanderer, DKW- Chefkonstrukteur Hermann Weber, Johannes „Hans“ Sprung auf DKW, Herbert Ernst auf AJS und Erfolgsfahrer Kurt Friedrich auf DKW.

Bunte Jahre: In den 1970er Jahren hatte der Treff an der AVUS längst Kult-Status.

Persönlichkeiten von Rang und Namen sa­ßen auf den Tribünen, das normale Volk positionierte sich auf den Böschungen, an den Zäunen, auf den Bäumen im Grunewald oder auf den Dächern der Lauben. Die Spanische Allee-Brücke am südlichen Ende der AVUS mit Aussicht auf den Renntrubel war schon damals Vorläufer für den späteren Motorradtreffpunkt. Ab 1934 diente der Sport als Bühne der Nazi- Propaganda. Die 240 Meter lange Tribüne und der Mercedes-Turm als Wertungsrichterposten am nördlichen Scheitel entstanden, die Steil­wand wurde ausgebaut. An „Hitlers Todes­wand“ kam es immer wieder zu haarsträubenden Unfällen. Nach dem Krieg gingen die Rennen auf der „schnellsten Rennstrecke der Welt“ noch spektakulärer, schneller und lauter weiter, die Imbissbude „AVUS-Treff“ mauserte sich zum Ausflugsziel für Motorsportverrückte und Motorradfahrer. In den Zeiten des geteilten Berlins wurde die AVUS als Zubringer zu den Transitstrecken zum Symbol der Freiheit. Bis zur Wende gab es kein Tempolimit und bald hatten die Heiß­sporne, die mit 280 Sachen über die Piste bretterten, bei der Bevölkerung ihren Namen weg: Spinner! Dem beliebten Con­tainer­imbiss „Spinner-Brücke“ folgte Anfang der 70er die gleichnamige Bretterbude.

Das Restaurant Spinnerbrücke heute: Wo einst Berlins bekannteste Bretterbude stand, bauten Bernsteiners 1999 ein schickes Restaurant.

Ab 1977 durften Rennen nur noch zweimal im Jahr stattfinden. Die Nordkehre wurde 1967 abgetragen. Ulrich Kubisch fischte aus den Trümmern ein Stück der Nordkurve, das heute im Deutschen Technikmuseum ausgestellt ist. Die Strecke wurde immer wieder verkürzt und entschärft, dennoch kam es Mitte der Neunziger nach Massenkarambolagen immer wieder zu Rennabbrüchen. Die AVUS entsprach nicht mehr den Sicherheits-Anforderungen, 1998 ging das letzte Rennen an den Start.

Geblieben ist der beliebte Sammelpunkt für alle, die auf Rädern unterwegs sind. 1500 Motorradfahrer am Tag sind beim „AVUS-Treff Spinnerbrücke“ keine Seltenheit, meist in Gesellschaft von Ausflüglern und Besuchern der nahen Seen, Promis und Politikern.

Motorräder parken neben Familienkutschen, Cabrios und Edelkarossen. Der gebürtige Salz­burger Johannes Bern­steiner hatte ge­ahnt, dass die Magie der Spinnerbrücke anhalten würde. An­fang der Achtziger belieferte er das Lokal als Deutschlands jüngster Fleischer. Als er erfuhr, dass der damalige Besitzer verkaufen wollte, schlug er zu. Einige Jahre betrieben der Metzgermeister und seine Frau Manuela Berlins „bekannteste Bretterbude“, ehe sie 1999 sie an Ort und Stelle das heutige Restaurant bauten. Die Speisekarte spiegelt mit deftiger Haus­mannskost und österreichischer Küche Bern­steiners Wur­­zeln wider.

Der Senior ist mit seinen 66 Jahren zwar noch immer der Chef, aber die Zügel halten längst seine Söhne in der Hand: Alexander und Florian sind genauso wie ihre beiden Geschwister richtige „Gastro­nomiekinder“: „Schon als Knirpse ha­ben wir den Badegästen am Wannsee aus der Kühlbox heraus Eis verkauft“, erinnert sich der 37- jährige zweifache Vater. Nach seiner Ausbildung zum Hotelfachmann und Jobs in der Ferne stieg Florian 2011 in den elterlichen Betrieb ein. Sein drei Jahre jüngerer Bruder Alexander, Restaurant-Fachmann und Koch, war schon ein Jahr vorher an Bord.

2018 wurde das Lokal restauriert, es folgten Festivals an Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten. Wie gut, dass Vater Johannes das Areal damals so weitläufig angelegt hat. Denn auf 8000 Quadratmetern mit Parkplatz, Biergarten, mehreren Gasträumen und dem urigen „Stadl“ verteilen sich selbst große Anstürme. Wie kürzlich bei der traditionellen Saisoneröffnung am 1. Mai. Das, was Bernsteiners da an den vier Tagen auf die Beine stellen, kann man fast als Fami­lienfestival mit Messeflair beschreiben: 30 000 Besucher, mehrere Live-Bands und 135 Aussteller mit ihren Infoständen und neuen Maschinen. An solchen Tagen ba­det die benzin­dürstige Menge wie­der im Klang der Mo­toren und des Trubels. Wie einst, als auf der AVUS das Motorsport­herz Deutsch­lands schlug.

Treff: „Kult-Treff“ mit Historie. Spanische Allee 180, 14129 Berlin, www.spinner-bruecke.de, 030/8035412. Auf dem 8000 Quadratmeter großen Areal gibt es Parkplätze en masse, einen großen Biergarten und mehrere Gasträume.
Zeiten: 365 Tage im Jahr ab sechs Uhr geöffnet. Motorradfahrer trifft man fast immer, hauptsächlich natürlich nach Feierabend und an den Wochenenden.
Wer: 1500 Motorradfahrer am Tag sind keine Seltenheit – die Spinnerbrücke ist Treffpunkt für Berliner und Brandenburger Motorradfahrer – und alle, die auf Rädern unterwegs sind.
Ringsherum: Die hervorragende Anbindung an die A 115 bringt es mit sich, dass man an der Spinnerbrücke zwar mitten im Grünen – aber gleichzeitig immer von Straßenlärm umgeben ist. Bis zu „Berlins Badewanne“, dem Strandbad Wannsee, ist es nur ein kurzer Fußmarsch.

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