Ansichtssache: Nördlicher Hunsrück

Zeit für einen Perspektivwechsel: Der Hunsrück trennt nicht Mosel und Rhein voneinander, sondern verbindet sie. Wer das versteht, erlebt einen kurzweiligen Motorradtag mit Kurven, Burgen und Aussichten.

von Frank Sachau (Text & Fotos)

Selten haben unsere Motorräder stan­desgemäßer genächtigt als in Klaus Berens Garage: Statt an dunklen Wegesrändern, in windschiefen Scheunen oder nasskalten Tiefgaragen schlummern sie im ehemaligen Tanzsaal des Hotels zur Post im beschaulichen Klotten an der Mosel. Die Enge im Tal hat das Entstehen größerer Orte verhindert, jedes Dörfchen ist natürlich gewachsen – hübsch herausgeputzte Häuser, mal Schiefer, mal Fachwerk, lauter Unikate. Voller Elan starten wir in den Tag. Auf dem sonnenbeschienenen linken Moselufer touren wir bis Treis-Karden, wo wir mit der B 49 den Strom queren, hinter uns die leuchtenden Eifelhänge, vor uns die schattigen Hunsrückflanken. Nach rund 25 Kilometern biegen wir bei Alken zur doppeltürmigen Burg Thurant ab, die auf einer Felsnase hoch über dem Ort thront und zu den ältesten Bastionen des Mosellandes zählt. Während wir von den dicken Mauern aus eine fantastische Weitsicht genießen, ist das Ende des vor unseren staubigen Stiefeln träge dahinfließenden Gewässers nicht mehr fern. Der Zusammenfluss von Mosel und Rhein hat ein überdimensionales Tortenstück geformt: das gern besuchte Deutsche Eck in Koblenz. Zwischen dem hoch aufragenden Kaiser- Wilhelm-Denkmal und der mächtigen Festung Ehrenbreitstein flackern unzählige Kamera­blitze in lächelnde Touristengesichter. Viel weniger Beachtung findet der zwischen den Strömen liegende Hunsrück. Wir machen uns auf die Reifen und steuern anfangs auf der B 9 in Richtung Boppard, bis uns die B 327 auf gelbem Grund in ihren Bann zieht. Die kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges in Rekord­zeit aus dem Boden gestampfte Hunsrückhöhenstraße verbindet Koblenz mit Saarburg an der Grenze zu Luxemburg. Der gute Ausbauzustand und die Umfahrung vieler Orte lassen zwar ein flottes Tempo zu, geizen aber mit reizenden Kurven. Was liegt da näher, als Reißaus zu nehmen und bei Udenhausen nach Boppard abzubiegen? Eine gute Entscheidung, denn die ausgewählte Landstraße schickt uns auf windungsreichem Teer durch sattgrüne Laubwälder talwärts, bis vor unseren Cockpits der Mittelrhein auftaucht. Auch die B 9 meint es gut mit uns. Bis Sankt Goar weichen wir dem Rhein nicht von der Seite. Die Namen der vorbeiziehen­den Lastkähne und Ausflugsschiffe, Klöster und Festungen können wir uns nicht alle merken, wohl aber Burg Maus bei Wellmich und Burg Katz bei St. Goarshausen.
Ganz in der Nähe liegt der weltberühmte Loreleyfelsen, der auf einer zünftigen Rheinfahrt nicht fehlen darf. An diesem besonders gefährlichen Abschnitt der Wasserstraße soll seit Jahrhunderten ein sagenumwobenes Frauenzimmer durch besondere Schönheit und betörenden Gesang manch armen Steuer­mann zum Kentern gebracht haben.

Rheinromantik: In der Nähe von St. Goarshausen liegen oberhalb des rechtsrheinischen Ufers Burg Maus, Burg Katz und der Loreleyfelsen

Prima Patchwork: Die sanft gewellte Hunsrückhochebene präsentiert einen Flickenteppich aus weiten Feldern und kleinen Wäldern

Dem Himmel so nahe: Die hoch über der Mosel gelegene Burg Thurant fußt auf römischen Grundmauern

Majestätisch: Am Deutschen Eck in Koblenz schaut Kaiser Wilhelm aus 37 Meter Höhe auf den Zusammenfluss von Mosel und Rhein

Papperlapapp – genug von deutscher Romantik: An der Ruine von Burg Rheinfels be­­ginnen wir mit einem erneuten Aufstieg zur Hunsrückhöhenstraße. Anfangs ganz entspannt am Gründelbach entlang, heißt es dann wenig später einen Gang herunter­schalten und kräftig am Kabel ziehen, um die Kehren vor Emmelshausen zu meistern. Nachdem wir den Verkehrsknotenpunkt passiert haben, sind wir wieder im hohen Gang auf der B 327 unterwegs. Am südlichen Rand von Kastellaun fordern wir die seit etlichen Kilometern unbenutzten Bremsen zur Arbeit auf und biegen nach Bell ab. Inmitten eines Flickenteppichs aus weiten Feldern und kleinen Wäldern ragt ein einsamer Turm empor. Neugierig geworden, steuern wir ihn an. Gut so, denn kräftiger Nordwestwind schickt dunkle Wolken übers Land. Unter dem schützenden Dach der Aussichtsplattform warten wir einige Schauer ab, um dann zur nahen Burgruine Balduinseck aufzubrechen. Im 14. Jahrhundert sicherte der Erzbischof von Trier, Balduin von Luxemburg, seinen hiesigen Macht­bereich mit drei wehrhaften Burgen ab. Die im Tal zwischen Buch und Mastershausen gelegene mag wohl die modernste ihrer Zeit gewesen sein, denn im mächtigen Wohnturm sorgten ein Brunnen und mehrere Kamine stets für frisches Wasser und wohlige Wärme. Welchen Komfort die Zisterzienserinnen im nicht weit entfernten Kloster Maria Engelport genießen durften, wissen wir nicht, aber die weltabgeschiedene Lage im Flaumbachtal dürfte für keinerlei Ablenkung der Ordensschwestern gesorgt haben. Volle Aufmerksamkeit verlangt der schmale Teer, der den kapriziösen Windungen des zur Mosel führenden Baches folgt und uns erst bei Treis-Karden aus Dunkelheit und Enge entlässt. Doch das Beste haben wir uns bis zum Schluss aufgehoben: Die ans Stilfser Joch erinnernde Etappe über den bei Motorradfahrern beliebten Valwiger Berg nach Cochem. Aus luftiger Höhe schauen wir hinab auf die Mosel, die Stadt und deren Wahrzeichen, die mächtige Reichsburg. Der Huns­rück versteht es meisterhaft, beide Ströme mit verwinkelten Straßen und abwechslungsreichen Landschaftsbildern zu verbinden.

Hoteltipp

Hotel Zur Post

Ob an der romantischen Mosel entlang, durch den menschenleeren Hunsrück oder hinauf in die kurvige Eifel: Das Hotel zur Post ist der ideale Ausgangspunkt für Touren in die schönsten Motorradregionen Deutschlands. Das familiär geführte Haus glänzt mit einer ausgezeichneten Küche und gepflegten Weinen. WLAN, Garage, Routenvorschläge, geführte Touren. Übernachtung / Frühstück im Doppelzimmer ab 39 Euro pro Person

Klaus Berens
Bahnhofstraße 24
56818 Klotten / Mosel
Fon 02671 7116
www.hotelzurpost-klotten.de

Reise Info

Streckenlänge: 170 Kilometer
Dauer der Tour: Tagestour
Allgemeines: Der bis zu 500 Meter hohe Mittelgebirgszug Hunsrück liegt in Rheinland-Pfalz und gehört zum Rheinischen Schiefergebirge. Er wird durch die Mosel, den Rhein, die Saar und die Nahe begrenzt. Nach den Auswanderungen im 18. und 19. Jahrhundert weist die Region die niedrigste Bevölkerungsdichte Deutschlands auf. Die Mosel ist ab dem französischen Quellort St. Maurice sur Moselle mit rund 550 Kilometern einer der längsten Rheinnebenflüsse, fast die Hälfte davon entfallen auf bundesdeutsches Gebiet zwischen Perl und Koblenz. Wie der Rhein schlängelt sie sich durch enge Täler, vorbei an steilen Hängen und malerischen Orten. Besonders reizvoll ist die Zeit der Weinlese und Weinfeste im Herbst. Die Region ist für ihre abwechslungsreiche Küche bekannt, die Rebhänge von Mosel und Rhein liefern hervorragende Weine.

Anreise: Die Autobahnen 1, 48 und 64 führen von Koblenz nach Luxemburg westlich der Mosel entlang. Den östlichen Hunsrück erreicht man über die A 61 zwi­schen Koblenz und Bingen. Die Mosel- und Rheinfähren sind kostenpflichtig!
Reisezeit: Anfang Mai bis in den Oktober
Literatur: DuMont Bildatlas Nr. 62 „Hunsrück“, 8,50 Euro, sowie Dumont Bildatlas Nr. 33, „Mosel“, 9,95 Euro. Je 120 Seiten reich bebilderte, geballte Infos für den ersten Überblick und zahlreiche Straßenkarten.
Karten: ADAC Kartenset Deutschland 2016/2017. Zehn Doppelblätter im Set von MairDumont. Maßstab 1:200 000, 14,99 Euro.
Informationen: Mosellandtouristik GmbH, Kordelweg 1, 54470 Bernkastel-Kues, 06531 97330, www.mosellandtouristik.de; Hunsrück-Touristik GmbH, Gebäude 663, 55483 Hahn-Flughafen, 06543 507700, www.mosellandtouristik.de, Romantischer Rhein Tourismus GmbH, An der Königsbach 8, 56075 Koblenz, 0261 9738470, www.mosellandtouristik.de

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