Am Salzhaff: Mecklenburgische Ostseeküste

Laune der Natur: Zwei Halbinseln umschließen das flache Salzhaff fast vollständig und trennen es von der offenen Ostsee

 

Meer geht immer: Die zerklüftete Küstenlandschaft zwischen den Hansestädten Wismar und Rostock bietet Motorradreisenden viel maritimes Flair und ein wenig bekanntes Münch-Mekka.

von Frank Sachau (Text & Fotos)

Wer sie hatte, war der Gewinner: Die Münch Mammut galt als unschlagbare Trumpfkarte im Motorräder-Quartett, das wir als Schüler in jeder großen Pause spielten. Heute, schon mit einem Auge auf die Rente schielend, stehen wir in der Rezeption des Ostsee- Gutshauses vor gleich drei dieser Über-Bikes. Frühmorgendliches Kaiserwetter setzt unserem Staunen und Bewundern ein Ende und lockt hinaus in die mecklenburgische Küstenregion. Ein schmales Teerband windet sich durch stille Dörfer und grüne Wie­sen, über die sich ein weiter Himmel wölbt. Auf dem Weg ins Seebad Rerik schiebt sich eine glitzernde Wasserfläche ins Blickfeld, das sogenannte Salzhaff. Die Halbinsel Wustrow im Norden und Boiensdorfer Werder im Süden umschließen dasflache und bei Surfern beliebte Gewässer fast vollständig und trennen es vom offenen Meer. Für ein paar Kilometer lösen auch wir uns von Wind und Wellen und treiben unsere Maschinen ins Binnenland, um von Kröpelin aus einen kurvenreichen Ritt über den bewaldeten Höhenzug Kühlung anzutreten. Die Ausläufer reichen bis zum küstennahen Bastorfer Signalberg, auf dem der kleinste deutsche Leuchtturm vor Hannibal warnt, einer Sandbank in der Wismarbucht. Nur ein paar Schaltvorgänge trennen den Lichtwinzling von der längsten Strandpromenade der Republik in Mecklenburgs größtem Seebad Kühlungsborn. Eine ganz besondere Duftnote aus Meeresbrise und Sonnenöl dringt durchs geöffnete Visier in unsere Helme, als wir unweit des Strandes zwischen historischen Villen auf ebenso betagte Gleise stoßen. Auf ihnen rumpelt „Molli“, wie die dampfbetriebene Schmalspurbahn liebevoll genannt wird, seit 1886 zwischen den Bädern und dem Binnenland. Schon hundert Jahre vorher wurde im benachbarten Heiligendamm der Begriff „Sommerfrische am Meer“ geboren, als der mecklenburgische Adel dort in die Fluten stieg und damit die gesundheitsfördernde Badekultur einläutete. Nach rund 15 Kilometern und 40 Minuten Fahrtzeit trifft die schnaufende und qualmende Bimmelbahn in Bad Doberan ein. Vom Bahnhof aus folgen wir der Ausschilderung „Schwaan“ weiter ins Landesinnere, nun darf auch mal der höchste Gang mitspielen. Hinter Hanstorf biegen wir rechts ab und pfeilen parallel zur Küste durch die dünn besiedelte Landschaft in Richtung Wismar, bis uns ein leicht zu übersehender Hinweis auf das Schloss Gamehl spontan die Anker werfen lässt. Am Ende einer unscheinbaren Seitenstraße verbirgt sich ein im neogotischen Stil errichtetes Herrenhaus, das nicht nur von außen eine wahre Pracht ist. Während sich rund um Wismar Autobahnen, Schienenstränge, Bundesstraßen und Hochspannungsmasten drängen, erreichen wir auf allerkleinsten Asphaltstreifen das Dorf Mecklenburg, dessen Besiedelung und Befestigung um 1000 von großer Bedeutung und namensprägend für die gesamte Region war. Nördlich des langgezogenen Tressower Sees gelangen wir auf die stark befahrene B 105, die wir in Greves­mühlen gerne wieder verlassen und durch uralte Alleen in den stillen Klützer Winkel abtauchen. Hier ticken die Uhren langsamer, hier erinnern Gehöfte und Gutshäuser an längst vergangene Glanzzeiten.

Gralshüterin: Marita Gronau bewahrt das Andenken an den 2017 verstorbenen Thomas Petsch und seine Münch-Mammut-Leidenschaft 

Macht und Moneten: Der Hafen und die Hanse begründen Wismars Aufstieg im Spätmittelalter 

Dampf ablassen: Die Bäderbahn Molli schnauft von Bad Doberan an die nahe Ostseeküste

Ganz besonders Schloss Bothmer: Mitte des 18. Jahrhunderts nach ausländischen Vorbildern erbaut, gilt das nur vier Kilometer vom Ostseestrand entfernte Ensemble aus Gebäuden, Park und Wassergraben als größte erhaltene Barockanlage Mecklenburg-Vorpommerns. Fast schon mit den Reifen im Wasser preschen wir kurz darauf an der Bucht Wohlenberger Wiek ent­lang nach Wismar. Früh dem Handelsbund der Hanse beigetreten, blühte die Hafenstadt im Spätmittelalter auf. Während die mächtigen Türme der stolzen Kirchen St. Nikolai, St. Marien und St. Georgen nebenbei als wichtige Seezeichen fungierten, glänzten rund um den riesigen Marktplatz bürgerliche Backsteinbauten mit prachtvollen Treppengiebeln. Kaum haben wir die ehrwürdige Hansestadt verlassen, treiben wir unsere Maschi­nen an Salzwiesen und Schilfgürteln vorbei, über einen schmalen Damm auf die Insel Poel. Nach einem leckeren Fischbrötchen unterm Leuchtturm am Timmendorfer Hafen treten wir den Heimweg an. Wir wollen noch zur Holländermühle in Stove und zum 54 Meter aufragenden Scharberg, der tolle Ausblicke auf das angrenzende Salzhaff bereit hält. Im Ostsee-Gutshaus angekommen, müs­sen wir die Hausherrin nicht lange bitten, uns ihre verborgenen Mammut-Schätze zu zeigen: Neben drei Elektro-Münchs stehen die vom Ingenieur Thomas Petsch persönlich gefahrene Münch Mammut 2000 und der legendäre Prototyp. Ab 2001 wollte man 250 Exemplare des damals stärksten und schnellsten Serienmotorrades für je 86 000 Euro verkaufen. Nur 15 Münch 2000 wurden gefertigt, bevor man nur ein Jahr später die Unsummen verschlingende Produktion einstellte und das Mammut für immer schlafen schickte. Apropos: Wer die Nacht mit einer echten Münch verbringen möchte, sollte die Motorradsuite buchen.

Hoteltipp

Ostsee-Gutshaus 

Das unweit des Salzhaffs gelegene Gutshaus bewahrt unter seinem Dach die Erinnerungen an den verstorbenen Münch-Macher Thomas Petsch, im Erdgeschoss verschiedene Münch-Motorräder und im Keller die Mammut-Bar, in der unzählige Exponate an den Werdegang dieser Zweirad-Giganten erinnern. Das familiär geführte Hotel umfasst fünf Suiten und drei Appartements, im angrenzenden Park können sechs Bungalows angemietet werden. Das Doppelzimmer mit Frühstück gibt es ab 85 Euro.

Marita Gronau,
Hauptstraße 1,
18233 Klein-Strömkendorf,
Fon 038294 / 15949,
www.ostseegutshaus.de

Reise Info

Streckenlänge: 220 Kilometer
Dauer der Tour: Tagestour
Allgemeines: Mecklenburg-Vorpommern erstreckt sich von Schleswig-Holstein bis an die polnische Grenze, Landeshauptstadt ist Schwerin. Die nur dünn besiedelte Region zwischen den langen Sandstränden der Ostseeküste und weiten Wasserflächen der Seenplatte bietet vielfältige Landschaften, in denen die Natur auf großen Flächen geschützt ist. Zahlreiche Alleen und charaktervolle Landstraßen verbinden verträumte Dörfer und einstige Hansestädte. Deren mittelalterliche Befestigungen, von denen noch viele Reste überdauerten, konnten weder die Eroberung durch dänische oder schwedische Truppen verhindern noch den Einzug der Pest. Die Tour ist auch für Anfänger geeignet, die Qualität der Fahrbahnen stark unterschiedlich.

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Anreise: Von Süden führen die Autobahnen A 1, A 7 und A 24 heran. Zwischen Lübeck und Stralsund verläuft die Ostseeautobahn A 20 parallel zur Küste, als Abfahrt empfiehlt sich das Kreuz Wismar.
Reisezeit: Anfang Mai bis in den Oktober
Literatur: DuMont Bildatlas Nr. 164 „Ostseeküste Mecklenburg-Vorpommern“, 9,95 Euro.
Karten: ADAC Kartenset Deutschland 2018/19. Zehn Doppelblätter im Set von MairDumont. Maßstab 1:200 000. Im Buchhandel oder über www.adac.de , 14,99 Euro.
Informationen: Verband Mecklenburgischer Ostseebäder e.V., Konrad-Zuse-Straße 2, 18057 Hansestadt Rostock, www.ostseeferien.de
Museum: Schloss Bothmer, Am Park, 23948 Klütz, www.mv-schloesser.de. Von April bis September geöffnet, Montag Ruhetag, Eintritt sechs Euro. Schlosspark ganzjährig geöffnet, Eintritt frei

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