„Das ist neuer Rekord, wir sind 18 Kilometer gefahren, ohne anzuhalten.“ Ich schaue Regina verwirrt an und muss grinsen. Wer Andalusien unter die Räder nimmt, kommt aus dem Staunen nicht mehr raus. Zu faszinierend, zu überraschend zeigt sich Spaniens südlichste Region zwischen Mittelmeer und Atlantik.
Eine hohe Pausenfrequenz ist da vorprogrammiert.

Immer näher kommen wir dem spanischen Festland, während die altehrwürdige Fähre den Grenzfluss zwischen Portugal und Spanien hinübertuckert. Es schaukelt ganz schön und ich halte meine KTM erstmal fest, bis ich sicher bin, dass die Adventure nicht über Bord geht. Klar, wir hätten auch die Autobahnbrücke nehmen können, aber mit einer frischen Brise den weißen Häusern der spanischen Seite entgegen zu schippern, hat doch was. Endlich berühren die Pneus Andalusien. Wir wollen zum Nationalpark Coto de Doñana. Doch vor dem Naturerlebnis haben die Straßenbauer das Industriegebiet von Huelva gesetzt. Dort haben sich die Ölfirmen des Landes angesammelt. Repsol prangt in riesigen Buchstaben auf gigantischen Tanks. Endlich liegen die Industrie-Areale hinter uns und wir fahren in den Nationalpark. Ein paar Kilometer kann man noch den Geruch der Raffinerien erahnen, bevor wir endlich mitten in der Natur sind. Schnurstracks führt die Straße immer parallel zum Atlantik durch den Park. Doch vom Meer ist nichts zu sehen. Dafür säumen rechts und links der Straße tiefgrüne Schirmkiefern-Wälder unseren Weg. Wir erreichen einen der wenigen Campingplätze, die es an der Costa de la Luz gibt. Schnell mieten wir uns eine viel zu teure Hütte, denn ich will zumindest meine Beine heute noch in den Atlantik tunken. Der Campingplatz hat einen direkten Zugang zum Wasser und endlich stehe ich auf dem kilometerlangen, nahezu leeren Strand und schau rüber zu den USA, also grob gesehen…

Aufstehzeiten: Früh morgens zeigt sich die Landschaft bei Grazalema in den unterschiedlichsten Schattierungen.

CA-531 oder ähnlich lauten die Kürzel andalusischer Straßen: Motorradfahrer-Paradiese verbergen sich dahinter.

Sieh an: Auch die stark verbaute Mittelmeerküste hat ihre Schokoladenseiten

Doch vom Schwimmen hält uns erstmal ein kräftiger Regenschauer ab. Wir eilen zurück und verkrümeln uns in unserem Holzhaus. Am nächsten Morgen lacht die Sonne wieder und die Kati scharrt schon mit den Hufen. Wir fahren weiter durch den Park und kommen nach El Rocío.
Die Kleinstadt ist vor allem bekannt für die riesige Prozession zu Pfingsten, wenn tausende Gläubige über die sandigen Gassen zur Kirche Ermita del Rocío strömen, wo die Heilige Jungfrau von El Rocío verehrt wird. Was uns allerdings viel mehr fasziniert, ist der Flair einer Westernstadt. Vor den größtenteils zweistöckigen Gebäuden sind meist Veranden und Holzgestelle, um Pferde anzubinden. Doch durch den Regen ist mit noch mehr Western-Feeling durch aufgewirbelten Sand und fliegenden Sträuchern kaum zu rechnen. Wir passieren Sevilla und schlagen uns immer weiter Richtung Osten. Das Wetter gibt sich auch weiterhin nicht südländisch und wir ziehen nach etlichen nassen Kilometern ein Hotel dem Zelt vor. Tags drauf blinzelt die Sonne schon eher mal durch die Wolken und streichelt die Landschaft mit vereinzelten Strahlen. Dabei wirkt die Sierra Subbéticas sowieso schon etwas ungewöhnlich: Oliven, Oliven und nochmals Oliven. Und zwar hoch bis zur nächsten Hügelkuppe und ab da bis zum Horizont. Hier und da schmuggeln sich bizarre Felsformationen dazwischen, die erhaben über die unzähligen Bäumchen wachen. Über eine weitere, kleine Straße kommen wir nach Zuheros. Olivenfelder und felsige Bergrücken bilden den Rahmen für die auf einem Felssockel thronende Burgruine. Logisch, da müssen wir hin.

Ein paar Fotos später sind wir auf der Straße, die hinter dem Dorf weiter emporklettert. Die Erbauer haben sich Mühe gegeben: Das Asphaltband ist eng an den Fels geklebt und der Blick zurück bietet eine beeindruckende Aussicht über Zuheros und das Umland. Sanft steigt die Straße und je höher wir kommen, desto mehr sieht es aus, als sei vor Urzeiten ein Steinhagel-Schauer niedergegangen. Die Route ist eine Sackgasse, doch der Weg hat sich gelohnt, nun heißt es auf nach Granada.
Aus dem Ländlichen kommend katapultiert uns Granada ins Großstadt-Ambiente. Doch der innerstädtische Campingplatz Sierra Nevada ist erstaunlich ruhig gelegen und als Ausgangspunkt für Stadt-Expeditionen ideal. Dass Granada und die Alhambra weltbekannt sind, zeigt sich beim Rundgang über den Platz: Deutsche, Schweden, Franzosen, Italiener, Briten. Europa trifft sich hier, eine entspannte internationale Atmosphäre.
Wer die Alhambra besichtigen will, muss entweder Monate vorher Karten ordern oder früh aufstehen. Tickets bestellt haben wir nicht, also raus aus den Federn, der Wecker zeigt sechs Uhr. Nirgendwo sonst als in der Alhambra, spiegelt sich Andalusiens wechselhafte Geschichte zwischen maurischer und christlicher Herrschaft so kompakt wieder. Muhammad I al-Ahmar begann zwischen 1237 und 1273 mit dem Bau der Festungsanlage. Bis ins 14. Jahrhundert dauerte die Herrschaft der Mauren und Muhammad der Fünfte erschuf mit dem Palast der Löwen das Highlight im Palast-Komplex der Nasriden. Man fühlt sich versetzt in die Geschichten von 1001 Nacht. Springbrunnen auf Marmorböden, umgeben von Bögen und Säulen, die mit filigranen arabischen Schriftzügen und Ornamenten überhäuft sind. Üppig grüne Innenhöfe mit Wasserspielen katapultieren uns weiter in die Zeit der maurischen Herrschaft. Die Haare auf meinen Armen richten sich auf und der Kamerasucher ist am Auge angetackert. Nie zuvor haben wir etwas Vergleichbares gesehen, das trotz dieses Übermaßes an Kunst und Kultur, einen so leichten, locker verspielten Eindruck hinterlässt. Ein Flaschengeist würde uns jetzt nicht wirklich erstaunen.

Umwerfend: Die Alhambra und vor allem der Palast der Nasriden sind Märchenwelten live.

Es muss nicht immer ein Welt-Kultur-Erbe sein: Gerade die Dörfer abseits der Touristenpfade sind oft schick anzuschauen.

Immer noch schwebend, schauen wir uns den Rest der Anlage an, wie beispielsweise den Palast Karl des V. Mit seinen gewaltigen Mauern, monumentalen Treppen und Säulen stellt er den krassen Gegensatz zum Palast der Nasriden dar – Rom lässt grüßen. Knapp sechs Stunden hält uns die Festungsanlage gefangen. Zurück am Campingplatz heißt das Zauberwort erstmal „Cerveza“.
Tags drauf verlassen wir die Metropole via Stadtautobahn. Grobe Richtung Mittelmeer. Es geht vorbei an Zitronen- und Mandelbäumen und durch verschlafene Nester, in die sich wohl nur selten Touristen, geschweige denn Motorradfahrer verirren. Bei Motril „knallen“ wir mit aller Gewalt auf die Costa del Sol. Oha, wenn das hier der angenehmere Teil der Küste sein soll, wie soll es dann zwischen Malaga und Marbella aussehen? Doch in der Nachsaison kann man es auch hier ertragen. Wir genießen den Blick aufs Meer bei einem Café con leche, bevor wir der Küstenstraße Richtung Westen folgen. In Torre del Mar ist Schicht für heute. Wir verlassen den Platz früh am nächsten Morgen und gönnen uns nochmal ein Frühstück am Meer, bevor wir wieder in die Berge abbiegen. Bereits ab Villanueva de la Concepción zeigt sich das steinige Gesicht Andalusiens, denn wir sind bereits in der Nähe des Nationalparks El Torcal. Die Straße zum Besucherzentrum steigt schnell bergan und wir sind mal wieder in einer völlig neuen Welt. Eine fantastische Karstlandschaft mit Steintürmen und Türmchen, Stein-Kugeln und -kügelchen. Aufeinandergeschichtet und zusammengepresst oder verstreut, wie wahllos hingeworfen. Auffaltungsprozesse, Wind und Wetter setzten dem Kalkstein zu und schufen eine zerklüftete Stein-Landschaft.

Faszination Atlantik: Wenn der gr0ße Teich einmal in Wallung ist, fühlt man sich schnell ganz klein.

Mein Morgen, mein Strand, mein Meer: Die Costa de la Luz weiß zu verzaubern.

Sonntag in El Rocío: Zu Pfingsten bekommt man gar keinen Fuß auf den Boden.

Wir lassen Antequera rechts liegen und folgen der A 343. Es ist ein entspanntes Gleiten in einer Mischung aus sanften Hügeln, Olivenbäumen, Feldern und ausgetrockneten Flußläufen. In Valle de Abdalajís ist das Kletter-Mekka El Chorro bereits ausgeschildert. El Chorro liegt am Südausgang der Garganta del Chorro, einer drei Kilometer langen und bis zu 400 Meter tiefen Schlucht. Und die letzten Kilometer bis in das beschauliche Dorf lassen einmal mehr die Bremsen ordentlich warm werden. In nur wenigen Serpentinen geht es rasant bergab und wir können den Eingang zur gigantischen Schlucht erspähen. Dabei liegt El Chorro selbst tief unten, eingekesselt von Felswänden und Bergrücken, wie um dem Rest der Welt den Blick zu verwehren.
Wir verlassen den Ort über eine wunderbar kurvige Straße, die sich durch Kiefernbäume und Felsformationen windet. Am Stausee des Rio de Guadalhorce finden wir einen Campingplatz. „Frag doch mal, ob die nicht ein Fleckchen mit Blick auf den See haben“, sage ich zu Regina. Meine Spanisch-Kenntnisse liegen bei etwa Null, doch als der Mann aufmalt, wo wir das Motorrad abstellen müssen und wo unser Platz ist, werde ich mürrisch. Als wir uns trotzdem auf den Weg zum angewiesenen Ort machen, wird mir einiges klar. Auch warum der Betreiber uns fragte, wie groß unser Zelt sei. Zu unserer Lagerstelle geht es steil bergab, keine Chance mit dem Motorrad dorthin zu kommen. Doch der Platz ist ein Traum, gerade mal ausreichend Ebene für das Zelt und nur ein paar Meter vom tiefgrünen Wasser des Sees entfernt. Da schleppe ich doch gerne Koffer und Gepäckrolle.

Das Bild Andalusiens bekommt zwei Tage später einen weiteren Farbtupfer, als wir Richtung Grazalema abbiegen. Dicht an dicht stehen an der Straße Korkeichen, die sich rechts und links zu imposanten Wäldern ausdehnen. Die A 372 schlängelt sich auf die Sierra de Grazalema zu. Im späten Nachmittagslicht erreichen wir die gleichnamige Stadt. Der idyllische Zeltplatz am Ortsausgang ist schnell gefunden. Endlich haben wir es mal geschafft, nicht erst mit der Dämmerung Halt zu machen. Doch ich kann noch nicht locker lassen, schließlich soll es die Strecke nach Zahara in sich haben. Als ich die Passhöhe Puerto de Las Palomas nehme, breitet sich vor meinem Cockpit eine durch das späte Nachmittagslicht veredelte Landschaft aus. Aber vor allem die Straßenführung, die sich wie ein Regenwurm auf Ecstasy den Berg herunterschlängelt, ist der entscheidende Pinselstrich an diesem Meisterwerk.  Ein echtes Highlight zum Schluss der Reise, das sich nochmal tief ins Gedächtnis brennt und ermahnt, ja wiederzukommen.

Hinkommen
Andalusien ist verdammt weit weg. Wer nur wenig Zeit hat, muss sein Bike transportieren lassen und selbst fliegen. Dabei sollte man die Termine für Abholung und Abgabe genau im Auge behalten. Sonst sind schnell Urlaubstage weg, nur weil das Motorrad eventuell morgens statt abends abgegeben werden muss. Wir ließen unser Bike von Top-Guide bis nach Faro in Portugal bringen und waren mit dem Service zufrieden.

Übernachten
Wer im September/Oktober unterwegs ist, muss bereits mit stark eingeschränkten Übernachtungsmöglichkeiten rechnen. Vor allem jenseits der Touristenhochburgen kann es schwierig werden, Campingplätze oder Hotelzimmer zu finden. Dann lohnt es sich, einfach mal zu fragen.

Alhambra
Wer die Alhambra besuchen will, was eindeutig zu empfehlen ist, muss früh aufstehen und etwa eine Stunde vor der Kassenöffnung vor Ort sein. Nur so hat man Chancen, Tickets für den gleichen Tag zu bekommen. Ihr werdet nicht alleine in der Schlange stehen…

Arnold Gerhard ist seit über zwanzig Jahren auf zwei und drei Rädern unterwegs. Italien gehört zu seinen Lieblingszielen. Aber auch Skandinavien, Frankreich, Spanien oder Nordafrika passen in sein Beuteschema.