Alleskönner: Ruppiner Land

Stadt, Land, Fluss und haufenweise Historisches – das facettenreiche Ruppiner Land kann einfach alles. Eine Motorradwanderung frei nach Fontane: Der Zauber steckt immer im Detail.

von Frank Sachau (Text & Fotos)

Wer reist, sammelt Eindrücke, wer wandert, hinterlässt Spuren. Nur allzu gern folge ich der literarischen Fährte Theodor Fontanes, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ auch das Ruppiner Land erkundete. Von der Region und ihren Menschen war er dermaßen begeistert, dass er ihnen in seinem mehrere tausend Seiten umfassenden Werk gleich einen ganzen Band widmete. Das von einer mittelalterlichen Stadtmauer umschlossene Städtchen Templin, die Perle der Uckermark, entlässt meine GS und mich am Mühlentor in den von weiten Heideflächen und dunklen Kiefernwäldern geprägten Naturpark Uckermärkische Seen. Nach rund zwanzig entspannten Kilometern erreiche ich die Flößerstadt Lychen, die ringsherum von glitzernden Wasserflächen eingerahmt wird. Kaum in westliche Richtung abgebogen, gerate ich in eine vorübergehende Sonnenfinsternis, als sich der schnurgerade Teer in ein großes Gehölz bohrt. Von der wenig anspruchsvollen Streckenführung eingelullt, kommt der Abzweig nach Himmelpfort ähn­lich überraschend wie Heiligabend. Die ehemalige Dorfschule am Stolpsee gilt bei kleinen Kindern als geheimnisumrankte Wirkungsstätte des Weihnachtsmannes, der hier zusam­men mit fleißigen Helfern die eingehenden Wunschzettel abarbeitet. Die realen Wurzeln des Ortes reichen bis ins frühe Mittelalter zurück. Damals gründete Markgraf Albrecht das Zisterzienserkloster „Coeli Porta“ – Himmelspforte, von dem nur efeuumrankte Ruinen die Zeit überdauerten. Auf der Weiterreise komme ich der mäandernden Havel sehr nahe, doch bis zur Schleusenanlage in Bredereiche ver­steckt sie sich meistens im Grünen. Hier quere ich den Fluss, der zusammen mit drei Seen auch mein nächstes Etappenziel umspielt – nicht umsonst trägt das hübsche Fürstenberg den Beinamen „Wasserstadt“. Nach einer Ehrenrunde um Kirche und Marktplatz öffnet sich mir das imaginäre Tor in den Naturpark Stechlin-Ruppiner Land. Dichte Buchenwälder säumen meinen Weg zum Großen Stechlinsee. Sicherlich nur eines von unzähligen Gewässern der Region, aber doch ein ganz besonderes: tief, fisch­reich und kristallklar. Fontane wohnte damals in Neuglobsow, fasziniert machte er die Naturschönheit in seinem späten Roman „Der Stechlin“ weltberühmt. Nach einem kurzen Spaziergang kehre ich im historischen Fontanehaus ein und genieße unter einer Linde, unter der schon der Poet gesessen haben soll, Kaffee und Kuchen. Bald darauf am nicht ganz korrekt abgestellten Motorrad angekommen und einen Strafzettel entdeckt, fällt mir spontan Fontanes Ausspruch ein: „Wer in der Mark reisen will, der muss zunächst Liebe zu Land und Leuten mitbringen, mindestens keine Voreingenommenheit. Er muss den guten Willen haben, das Gute gut zu finden, anstatt es durch kritische Vergleiche tot zu machen“.

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Ein Volk trauerte: In Gransee pausierte die Überführung der Preußen-Königin Luise

Fluchend treibe ich den Bayernboxer durch den fast unendlich wirkenden Forst. Doch mein Ärger über das Knöllchen ist längst verflogen, als ich am Schloss Rheinsberg den Seitenständer ausklappe. Der Prachtbau am Grienericksee gilt als Vorbild für das später errichtete Potsdamer Schloss Sanssouci und war vorübergehend Lieblingsaufenthalt des musisch begabten und an Literatur und Philosophie interessierten Kronprinzen Friedrich, dem späteren Friedrich der Große. Selbstverständlich hat auch Fontane diese typisch märkische Kleinstadt besucht. Südlich der ausgedehnten Mecklenburgischen Seenplatte verlasse ich die B 122 in Zechlinerhütte und wage mich auf schmalem Teer in ein wahres Labyrinth von Seen und Kanälen, das mich am immerhin 116 Meter hohen Krähenberg in die hügelige Ruppiner Schweiz entlässt. Im nicht weit entfernten Neuruppin erblickt Theodor Fontane 1819 in der dortigen Löwenapotheke das Licht der Welt und wächst im Herzen des Ruppiner Landes auf. Doch statt Pillen entdeckt er die Prosa. Nach einem Abstecher zu den Überresten des Zisterzienserklosters Lindow, das den Literaten ebenso inspirierte wie das unweit gelegene Schloss Meseberg, verlasse ich den Naturpark, das zweitgrößte Naturschutzgebiet Brandenburgs. Das noch immer von einer Stadtmauer geschützte Gransee bewahrt im Ortskern ein besonderes Denkmal: Unter einem gusseisernen Baldachin ruht ein mit einer goldenen Krone verzierter Sarkophag. Hier stand der Sarg der 1810 jung verstorbenen und im Volk äußerst beliebten Preußen-Königin Luise in der Nacht während der Überführung aus dem mecklenburgischen Hohenzieritz nach Berlin. Die Anfang des 20. Jahrhunderts aufblühende Metropole benötigte riesige Mengen Ziegel. Reiche Tonvorkommen ließen bei Mildenberg mehrere Ziegeleien entstehen, deren Produkte die Baustellen auf dem Wasser­weg erreichten. An der Schleuse Zehdenick quere ich letztmalig die Havel, schwenke auf die B 109 und gleite im Licht der Abendsonne an den Wäldern der Schorfheide vorbei in Richtung Templin. Feierabend!

Hoteltipp

Hotel Zum Eichwerder

Wer die schönsten Flecken im nördlichen Brandenburg bereisen möchte, trifft mit dem gastlichen Haus eine gute Wahl. Im historischen Ortskern gelegen, nur einen Steinwurf vom Templiner See entfernt, bieten sich von hier aus auch Touren in die Uckermark und das Feldberger Seenland an. Tiefgarage, Sauna, WLAN. Das Doppelzimmer mit Frühstück ab 75 Euro.

Werderstraße 38
17268 Templin
Fon 03987 / 4941410
www.hoteleichwerder.de

Reise Info

Streckenlänge: 200 Kilometer
Dauer der Tour: Tagestour
Allgemeines: Nordwestlich von Berlin, zwischen Elbe und Oder liegt das Ruppiner Land, das von ausgedehnten Kiefern- und Buchenwäldern, sowie unzähligen Wasserflächen geprägt wird, Heimat seltener Pflanzen und Tiere. Menschenleere Regionen wechseln sich ab mit sympathischen Kleinstädten, die stolz auf ihre Vergangenheit zurückblicken. Die Eiszeit hinterließ eine abwechslungsreiche, hügelige Landschaft, die Herrscher von einst glanzvolle Bauten. Die Straßen sind in einem sehr guten Zustand, das kulturelle Angebot groß und Motorradfahrer überall willkommen. Kurzum, das Ruppiner Land birgt großes Suchtpotenzial.
Anreise: Im Norden und Nordosten des Touren­gebiets führt die A 24 von Berlin nach Hamburg, tief im Süden verbindet die A 2 Berlin mit Magdeburg und Braunschweig.

Reisezeit: Anfang Mai bis in den Oktober
Literatur: DuMont Reise-Taschenbuch „Brandenburg“. Prima Tankrucksackformat mit 300 Seiten Umfang, zahlreichen Bildern und ausführlichen Informationen zu Land und Leuten plus extra Straßenkarte, 17,99 Euro.
Karten: ADAC Kartenset Deutschland 2018/19. Zehn Doppelblätter im Set von MairDumont. Maßstab 1:200 000. Im Buchhandel oder über www.adac.de, 14,99 Euro.
Informationen: Naturpark Stechlin-Ruppiner Land, Friedensplatz 9, 16775 Stechlin OT Menz, www.stechlin-ruppiner-land-naturpark.de
Museum: Ziegeleipark Mildenberg, Ziegelei 10, 16792 Zehdenick (OT Mildenberg), www.ziegeleipark.de, von April bis Oktober täglich von zehn bis 18 Uhr geöffnet, Eintritt acht Euro.

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