Abgefahren: Weserbergland

Menschen, die Benzin im Blut haben, pilgern zum PS-Speicher in Einbeck: Eine Motorrad-Wallfahrt der besonderen Art links und rechts der Weser durch Ostwestfalen, Hessen und Niedersachsen.

von Frank Sachau (Text & Fotos)

Das erste Auto: der von Carl Benz entwickelte Benz-Patent-Motorwagen. Das erste Motorrad: der von Daimler und Maybach gefertigte Reitwagen. Mein erstes Auto: ein betagter Opel Manta A. Mein erstes Bike: eine weinrote 500er Honda. Seit 1885 treibt Benzin weltweit Zweiräder und Kraftwagen an – mal sehen, wo die Reise der Verbrennungsmotoren hingeht. Meine Ziel steht dagegen fest: Es soll zum PS-Speicher in Einbeck führen. Zündung an, die Benzinpumpe summt, ein Druck auf den Anlasserknopf und schon tobt das flammende Inferno auch in den Brennkammern meines Bayern-Twins. Aus dem beschaulichen Marienmünster-Vörden am östlichen Rand des Naturparks Teutoburger Wald-Eggegebirge beschleunige ich westwärts nach Nieheim, wo die vier Museen des Westfalen Culinariums Wissenswertes zu Käse, Brot, Schinken und Bier vermitteln. Mit schmackhaftem Rei­seproviant versorgt, biege ich auf die B 252 nach Rheder ein. Das dortige Schloss mit seiner sonnen­gelben Fassade ist nicht zu übersehen, gleich dahinter entdecke ich die Einfahrt zum Weidenpalais. Vor rund fünf Jahren hat ein Schweizer Künstler Freiwillige für sein Projekt begeistern können und mit ihnen unzählige Weidenruten gepflanzt. Mittlerweile haben die Gewächse eine stattliche Ausdehnung erreicht und bilden eine begehbare grüne Halle.
Wieder im Sattel heißt es für mich: „Von nun an nur noch Nebenstrecke!“ Äußerst kurzweilig präsentiert sich die folgende Etappe von Hampenhausen über Niesen nach Willebadessen: Ein mit neckischen Kurven gespicktes Teerband überzieht anfangs eine landwirtschaftlich genutzte Hochfläche und durchdringt kleine Wälder, um sich später an den Lauf der Nethe zu schmiegen. Von Borlinghausen aus schlage ich einen fast perfekten Bogen durch die baumlose Warburger Börde, die als ziemlich flach gilt. Wäre da nicht der schon von weitem sichtbare Desenberg, auf dessen über 300 Meter hohen Gipfel eine Burgruine nach den Wolken greift. Das nächste betagte Gemäuer lässt nicht lange auf sich warten. Unmerklich passiere ich die Landesgrenze zu Hessen, als sich plötzlich vor mir das Diemeltal auftut, mittendrin die perfekt erhaltene Trendelburg.
Nicht umsonst führt die Deutsche Märchenstraße hier vorbei. Haben doch die Gebrüder Grimm den 40 Meter und 120 Stufen zählenden Turm als Schauplatz für die romantische Rapunzel-Erzählung mit Happy-End gewählt. Der überlange Haarstrang der von einer bösen Hexe eingesperrten jungen Dame hängt noch heute aus dem obersten Fenster. Diesen alten Zopf wird niemand abschneiden. Von der ehemaligen Grenzfeste aus tauche ich in die nördlichen Ausläufer des ebenfalls sagenhaften Reinhardswaldes ein. Was an Blicken fehlt, machen die vielen Windungen der gut ausgebauten Bergstrecke wett. Der Aus­schilderung Oberweser folgend, setzt sich mein Schräglagenwalzer bis zur Weserbrücke fort.

PS.Speicher

Farbig, nicht bunt: Die Fassade von Schloss Rheder kleidet sich in Sonnengelb, das angeschlossene Herrenhaus in zartes Rosa

Standhaft: Nur die Kirche „St. Georg und Maria“ blieb vom Kloster Lippoldsberg erhalten und gilt als nationales Kulturgut

 

Glück gehabt: Von Kriegen weitgehend verschont, blieben dem tausendjährigen Uslar seine Fachwerkfassaden bis heute erhalten

Am gegenüberliegenden Ufer angekommen, steuere ich das im elften Jahrhundert oberhalb einer Flussschleife gegründete Benediktinerinnenkloster Lippoldsberg an, bevor ich ent­lang der unsichtbaren Grenze zu Niedersach­sen ins fast ebenso alte Uslar gelange. Gern lasse ich mich dort von über tausend Jahren verbriefter Geschichte in den Bann ziehen. Von Kriegen weitgehend verschont, blieb das Stadt­bild mit seinen prächtigen und wertvollen Fachwerkfassaden bis heute erhalten.
Nach einem kurzen Rundgang und einem klitzekleinen Stückchen B 241 in Richtung Northeim setze ich in Volpriehausen den Blinker und biege ins südliche Leinebergland ab, das zwischen dem Weserbergland im Westen und dem Harz im Osten verläuft. Das Zentrum des bis zu 500 Meter aufragenden Höhenzuges bildet Einbeck, seit dem Mittelalter bei Gerstensaftgenießern für seinen dunklen und starken Urbock bekannt. Mit Eröffnung des PS-Speichers im Jahre 2014 wurden auch jene Menschen, die Benzin im Blut haben, auf die Bierstadt aufmerksam. Das restaurierte ehemalige Kornlager beher­bergt auf sechs Stockwerken umfangreiche Sammlungen motorisierter, auf Rädern rollen­der Vehikel vom Anfang bis in die Neuzeit.
Umgeben von allerlei modernen Hilfsmitteln wie Handy, Navi und ABS setze ich die Tour fort. Vor meinen Pneus breiten sich nicht nur Biegungen sämtlicher Güteklassen aus, sondern auch ein spannendes Auf und Ab durch Feld und Flur bis in den Naturpark Solling-Vogler, der durch seine ausgedehnten Mischwälder aus Eichen, Buchen und Fichten beeindruckt.
Ausnahmsweise ist auch mal wieder ein Stückchen Bundesstraße dabei. Die verschlun­gene und äußerst anspruchsvolle Trasse von Neuhaus durch den Staatsforst hinunter nach Boffzen verlangt nach einer Pause. Da kommt das Café im Kuhstall in Meinbrexen mit seinen XXL-Kuchen gerade recht. In Lauenförde gelange ich wenig später aufs linke Weserufer und damit zurück nach Ostwestfalen, wo mich eine fantastische Motorradstrecke in das sanft gewellte Oberwälder Land entführt. Nach herrlich runden Kurven ziehe ich vor dem Wirtshaus am Brunnen den Zündschlüssel: Auch wenn ich Benzin im Blut habe, freue ich mich jetzt auf ein kühles, frisch gezapftes Bier. Prost!

 

Hoteltipp

Wirtshaus am Brunnen

Immer wieder gerne: Das liebevoll eingerichtete Fachwerkhaus liegt ruhig im Ortskern und die Wirtsleute verwöhnen mit leckeren, regionalen Spezialitäten, gepflegten Getränken und einem hervorragenden Service, während das Motorrad sicher im Innenhof parkt. Ideales Basislager auch für Touren in den Teutoburger Wald. Doppelzimmer mit Frühstück ab 76 Euro.

Antje und Werner Lange, Niedernstraße 5
37696 Marienmünster-Vörden, 05276 952257
www.wirtshaus-am-brunnen.de

Reise Info

Streckenlänge: 265 Kilometer
Dauer der Tour: Tagestour
Allgemeines: Die Rundreise zum PS-Speicher nach Einbeck ist erst kürzlich in der Broschüre „Lieblingstouren mit dem Motorrad“ des Kulturland Kreis Höxter aufgenommen worden. Wie alle sehr gut ausgearbeitet und mit vielen Tipps versehen. Die Tour führt fast ausschließlich über verkehrsarme Nebenstrecken links und rechts der Weser. Das mit unerwarteten Höhenunterschieden und tausenden von Kurven gespickte Dreiländereck von NRW, Hessen und Niedersachsen bietet unkomplizierten Fahrspaß, wenig bekannte Sehenswürdigkeiten, Einkehrmöglichkeiten von rustikal bis edel und gut besuchte Motorradtreffs wie zum Beispiel den Gipfel des Monte Bello, wie der Köterberg liebevoll genannt wird.  

Anreise: Das Tourengebiet wird im Osten von der A 7, im Süden von der A 44, im Westen von der A 33 und im Norden von der A 1 umschlossen.
Reisezeit: Anfang Mai bis in den Oktober
Literatur: Die Broschüre „Lieblingstouren“ mit zehn abwechslungsreichen Rundfahrten und einzeln zu entnehmenden Karten für den Tankrucksack bietet der Kulturland Kreis Höxter für drei Euro oder unter www.bikerregion.de als kostenlosen PDF-Download samt Navi-Daten an.
Karten: ADAC Kartenset Deutschland 2016/17. Zehn Doppelblätter im Set von MairDumont. Maßstab 1:200 000. Im Buchhandel oder über www.adac.de, 14,99 Euro.
Informationen: Kulturland Kreis Höxter, Corveyer Allee 7, 37671 Höxter, 05271/974320, www.bikerregion.de
Museum: PS.SPEICHER, 37574 Einbeck, ps-speicher.de. Täglich von zehn bis 18 Uhr geöffnet, montags geschlossen. Eintritt 12,50 Euro.

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