Die legendäre Kawasaki Z1 900 war das überragende Superbike der 70er. Und Höhepunkt einer Ära, in der die Motoren deutlich mehr konnten als Bremsen und Fahrwerk. Dieser Überforderung verdankte die alten Z1 den Beinamen „Frankensteins Tochter“. Wie böse ist die Neuauflage?

Potenzielle Kandidaten für eine Kawa­saki Z 900 RS lassen sich grob in zwei Gruppen einteilen: Die einen können sich noch persönlich an die Zeiten erinnern, als Polizist „Mad“ Max Rockatansky und sein Kawa fahrender Kumpel Goose im Kino mit bösen, ebenfalls Kawa fahrenden Rockern einen blutigen Krieg ausfocht. Damals hatte die Z 1000 A1 zwar schon die Z1 abgelöst, was aber imagemäßig wenig Unterschied machte.
Um 1980 ins Kino zu kommen, mussten die Fans 18 Jahre alt sein, stehen heute also mit beiden Beinen in den Fünfzigern. Das richtige Alter, um sich noch mal Jugendträume erfüllen zu wollen. Die andere Zielgruppe der Z 900 RS ist deutlich jünger und surft eher auf der aktuellen Retro- Welle. Ohne sich so ganz konkret auf den Mythos Z1 festzulegen.
Schwieriger zu bedienen ist mit Sicherheit die erste Gruppe, die schon als Teenager ihr Jugendzim­mer mit Kawasaki-Postern tapeziert hatte. Denn sie wissen bis ins letzte Detail, wie die Z1 zu ihrer Blüte aussah. Und diese Details wollen sie an der neuen Z 900 RS wiederentdecken.

Im Zeichen des Bürzels: Das LED-Rücklicht wirkt als optische Einheit.

Das ist der Job von Norikazu Matsumura. Der Designer ist seit seiner Jugend erklärter Z1-Maniac und er erhielt von Projektleiter Seiji Hagio ungewöhnlich viele Freiheiten. Beim Rundgang um die Z 900 RS finden sich dann auch reichlich Reminiszenzen. Etwa der rundlich-geschwungene Heckbürzel, das Dekor des Tropfentanks, das Cockpit mit exakt kopierten Zeigern und Ziffern – aber modernem elektronischem Innenleben und einer Digital­einheit zwischen den beiden verchromten Rund­uhren. Das ist vielleicht exemplarisch für die Neuauflage: Optisch eng am Vorgänger, technisch aber ein modernes Motorrad mit zeitgemäßen Fahreigenschaften.
Technische Basis ist selbstverständlich die Z 900 von 2017, dennoch fällt die Anzahl der Gleichteile eher gering aus. Die RS erhält einen neuen Rahmen, was auf die geänderte Tank- Sitzbank-Linie zurückzuführen ist. Gabel und Schwinge unterschieden sich ebenfalls. Ein besonderes Highlight sind die extrem filigran ausgeführten Alu-Gussräder, die selbst hartgesottenen Speichen-Fans gefallen können.
Ein weiteres schönes Beispiel für Matsamuras Detailverliebtheit findet sich im Rücklicht: Hier sind die LEDs in einem so engen Kreis angeordnet, dass der Hinterherfahrende eine einzelne Glühlampe zu sehen glaubt.

Auch der Motor erstrahlt äußerlich im angepassten Design. Der Kupplungsdeckel auf der rechten Seite ist an die Form der seligen Z1 angepasst, überschliffene „Kühlrippen“ an den wassergekühlten Zylindern gaukeln die gute alte Zeit vor. Im Inneren hat sich weniger getan, aber Kawa hat das Aggregat der Z 900 von 125 auf 111 PS eingedampft. Der klassische Deal lautet „Tausche Spitzenleistung gegen Drehmoment“, was über zahmere Nockenwellen, geringere Verdichtung und angepasste Einspritzelemente erfolgt. Dazu noch die passende Steuersoftware auf die ECU – und fertig ist die Druckmaschine, die bis 7500 Touren mehr Dreh­moment anliefert als der 125-PS-Kollege aus der Basis Z900.
Das Fahrerlebnis auf der Z 900 RS wird wesentlich von der Sitzhaltung bestimmt. 40 Milli­meter mehr Sitzhöhe als auf der Z 900 kommen naturgemäß allen Fahrern über 1,80 Meter zugute, der Kniewinkel auf der RS ist erheblich entspannter. In Kombination mit dem flacheren Tank sitzt man eher auf und weniger in der Maschine. Ob man das so mag ist Geschmackssache, auf alle Fälle passt es in die 70er.
Der Oberkörper ragt quasi senkrecht aus dem Motorrad, der hohe und sehr weite Lenker macht breite Schultern und vermittelt reich­lich Hebelweg zur Lenkung. Auf den ersten Metern könnte man der Z 900 RS ein fast schon kippeliges Einlenkverhalten unterstellen. Aber nach einem Drittel Tankfüllung hat sich die Feinmotorik auf den langen Hebelweg einge­spielt, die Retro-Zett spurt sich präzise auf die Ideallinie ein. Ein stimmiges Bild liefern auch die von Dunlop speziell angefertigten OEM-Reifen, eine sehr sportliche Wahl, die selbst bei Temperaturen um den Gefrierpunkt guten Grip liefert.

Angedeutete Kühlrippen, doppelwandige Krümmer: Kawasaki optimiert am 900er Four nicht nur das Drehmoment

Wunderbare Felgen, Upside-Down-Gabel, radial montierte Vierkolben-Festsättel, Dunlop-Sportmax-Bereifung: Traditionspflege im 21. Jahrhundert

Im Unterschied zur Basis verfügt die RS über eine elektronische Traktionskontrolle, die auf unserer Probefahrt durch die katalanischen Hügel wenig zu tun hatte. Allenfalls auf Rest­feuchte in dunklen Ecken lässt sich die Elektronik zum Eingreifen provozieren.
Insgesamt liefert die Z 900 RS ein sehr stim­miges, sauber ausbalanciertes Gesamtbild ab. Die modernen Fahrwerkskomponenten – und dazu zählen auch die zeitgemäßen 17-Zoll- Räder – liefern ein absolut konkurrenzfähiges Fahrverhalten ab. Bremsen und ABS sind auf aktuellem Sport-Standard.
Kawasaki erzeugt das nostalgische Fahrgefühl also zu 99 Prozent über die klassische Sitz­haltung und die vielen Design-Höhepunkte. Das ist auch der richtige Weg für ein erfolgreiches Retro-Bike: Genauso gut fahren wie die Jungen – aber besser aussehen.

Preislich beginnt die Z 900 RS bei 11 695 Euro, womit sie sich klar vom nüchtern-sachlichen Basismodell Z 900 abhebt. Die RS rollt in drei Farbvarianten zu unterschiedlichen Preisen in die Schaufenster, dazu kommt das erst ab März verfügbare, verkleidete Sondermodell Z 900 RS Cafe.

Schwere Entscheidung: Z 900 RS Cafe (l.) und die nackte Basis. Das Sondermodell mit Halbschale ist ab März für 12 195 Euro erhältlich

Fazit: Kawasaki zeigt mit der neuen Z 900 RS eine gelungene Hommage an die historische Z1 von 1972. Es ist aber keine Kopie der Legende: Wo es fahrdynamisch Sinn macht, scheut Kawa­saki weder vor elektronischen Fahrhilfen, aktuellen Reifendimensionen oder Upside-Down-Gabel zurück.

Technische Daten:

Motor: Vierzylinder-Viertakt-Reihe, flüssigkeitsgekühlt, vier Ventile/Zylinder

Hubraum: 948 ccm

Leistung: 82 kW (111 PS) bei 8500 U/min

Drehmoment: 98,5 Nm bei 6500 U/min

Bremsen v/h.: 300-mm-Doppelscheibe mit Vierkolben-Festsätteln / 250-mm-Scheibe mit Einkolben-Festsattel

Reifen v/h.: 120/70 ZR 17 / 180/55 ZR 17

Federweg v/h.: 120 mm / 140 mm

Sitzhöhe: 835 mm

Tankinhalt: 17,5 l

Leergewicht: 215 kg

Preis zzgl. Nk.: schwarz: 11 695 Euro; oliv: 11 895 Euro; braun/orange: 11 995 Euro; Sondermodell Cafe: 12 195 Euro