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Spaßanarchie: Zwarte Cross in den Niederlanden

Drogenrausch? Nein hier fährt tatsächlich ein Einhorn über die Cross-Piste.

Beim Moto-Cross kämpfen Kind gebliebene Dreckspatzen bei gefährlichen Rennen verbissen um jede Stollenbreite. Soweit das Klischee. Unsere niederländischen Nachbarn zeigen mit der Kultveranstaltung „Zwarte Cross“, dass man Motorsport auch gänzlich anders erleben kann.
 
Gandalf blickt gehetzt über seine Schulter. Barbie kommt unaufhaltsam näher, knapp gefolgt von einer Bierflasche und einem rosa Einhorn. Ein starkes Einlenken samt waghalsigem Hanging-Off bringt den Grauen Wanderer auf seiner 125er perfekt durch die Kurve. Geschafft, immer noch in Führung. Triumphierend dreht sich Gandalf zu seinen Verfolgern um, als sein Grinsen plötzlich erstarrt. Stuart, der Minion, hat das Feld von hinten in wahnwitziger Geschwindigkeit aufgerollt, überholt und lässt den Magier Mittelerdes in einer Wolke aus Sand und hämischen Gelächter zurück.
Wir sind in den Niederlanden, da könnte der Schluss nahe liegen, dass wir in einem Coffeeshop zu viele psychoaktive Death or glory: Egal wie, egal womit, hauptsache anders und nicht artig.Substanzen konsumiert haben. Weit gefehlt, wir befinden uns auf dem Zwarte Cross in Lichtenvoorde, etwa 20 Kilometer von Bocholt entfernt. 1997 gab es die erste Auflage dieser „Spaß-trifft-Offroad“-Veranstaltung. Ihren Namensursprung findet sich in der regionalen Tradition von „schwarzen“, inoffiziellen und unreglementierten, Cross-Veranstaltungen. Etwa 150 Teilnehmer, knappe 1000 Besucher, Livemusik und spannende Rennen mit allem Möglichen, was sich über die Piste scheuchen ließ, deuteten schon damals an, in welche Richtung sich das Ganze bewegen würde.
 
Einspur-Anarcho mit Schneeball-Effekt
 
Kontrolliertes Chaos, Spaß ohne Ende, Karneval trifft Moto-Cross: Das Zwarte Cross ist schwer erklärbar, aber mit ein paar Aspirin im Gepäck durchaus zu überleben.Was danach passierte, dürfte wohl das Paradebeispiel für den Schneeballeffekt sein. In knapp 20 Jahren vergrößerte sich die einst beschauliche Einspur-Anarcho-Veranstaltung lawinenartig und dürfte inzwischen der wohl größte Grobstoller-Karneval Europas sein. Ausverkaufte Festivaltage mit 190 000 Besuchern, 26 Bühnen, 200 Bands und ein gigantisches Multi-Kulti-Rahmenprogramm auf 140 Hektar – gekleckert wird nicht mehr. Nur gut, dass die Niederländer nicht genauso gut Fußball spielen, wie sie in den drei Tagen feiern und feiern lassen. Seit ein paar Jahren hat das Zwarte Cross mit dem Vereinsgelände „De Schans“ des MACL Lichtenvoorde auch eine Heimat gefunden, welche die richtigen Voraussetzungen für das bunte Treiben bietet.
Motocross wird, mit hauptsächlich niederländischen Startern, immer noch gefahren. Neben den üblichen Fast schon auffällig: Ja, es fahren auch ganz normale Crosser mit.hubraumseparierten Starterklassen finden sich allerdings auch Bezeichnungen wie „Brommerklasse“ oder „Crashtafette“. Das könnte niederländisch Unkundige auf eine eher untypische Streckennutzung durch großkalibrige Chopper oder Führerscheinneulinge hinweisen, sind aber tatsächlich einige der größten Attraktionen des ausgelassenen Events. Rennen in den skurrilsten Verkleidungen von Pilot und Zweirad, Staffelläufe bei denen der Stab zuerst zu Fuß, dann per Fahrrad und erst beim letzten Wechsel auf der Enduro weitergetragen wird, sind da noch die harmlosesten Varianten.
 
Grenzenloser Erfinder-Geist
 
Qualmen, rauchen, stinken: Beim Zwarte Cross ist alles erlaubt, was Mutti immer verboten hat.Zum Albtraum jedes deutschen TÜVlers und zum größten Vergnügen für die Zuschauer werden die mehrspurigen Fahrzeugklassen: Schiffe, Kreißsäle, Riesenrasenmäher, ein trojanisches Pferd, aus dem vorne Motorräder herausschießen, um nach kurzem Burnout-Intermezzo wieder hinten einzufahren, pflügen um Strecke. Der Erfindungsreichtum der Teilnehmer ist grenzenlos, Hauptsache das Ding qualmt ordentlich und man kann das Publikum mit Wasserkanonen einnässen.
Auf dem weitläufigen Gelände, abseits der Loco-Arena am zentralen Punkt des Hartboden- und Sand-Parcours, hat man die Wahl. Noch mehr Spaßanarchie oder gepflegtes Entspannen, auf dem Zwarte Cross ist alles möglich. Zwischen Discozelten und „Blagenparadijs“, zwischen Reggaebar, die sich leicht anhand des fünf Meter hohen Joints davor finden lässt, und irrwitzigen Stuntshows kann alles, muss nichts. Wer sich nicht so recht entscheiden kann, lässt sich einfach treiben. Zahlreiche mobile Künstler sorgen überall auf dem Spaßcampus für kleine Menschenaufläufe und lassen die Zeit wie im Fluge vergehen. „Ich hol' mir mal schnell was zu Essen“ kann da unversehens zu einer Suchaktion der Kollegen ausarten, die nach einer Stunde darüber rätseln, ob das anvisierte Pizzastück direkt aus Italien importiert wird. Wer über das liebevoll dekorierte Gelände schlendert, trifft des öfteren auch auf „Tante Rikie“, meistens bei einer frenetisch bejubelten Ansage von einer der Bühnen oder in Form von kleinen Schreinen und Fotos. Auf anderen Open-Airs wird nach der urbanen Legende Helga gerufen, die Niederländer sind da schon weiter und haben ihre Festivalkönigin und inoffizielles Maskottchen schon gefunden.
 
Süßliche Rauchschwaden
 
Qualmen, rauchen, stinken II: Glückliche Gesichter überall – "entjoint" yourself.Woher dieser Personenkult kommt, kann niemand so recht erklären, die wahre Geschichte dürfte sich hinter den süßlich riechenden Rauchschwaden verbergen, aus der wohl auch einige andere Ideen und Aktionen des Zwarte Cross entsprungen sind.
Musikalisch spannt sich der Bogen von Blues über Rock'n'Roll, Alternative und Hardstep bis hin zu Liedermachern im Stil von Reinhard May und Hans Söllner. Niederländische Sangeskapellen sind naturgemäß stark vertreten, aber auch internationale Stars wie Fiddler's Green und Flogging Molly geben sich den Zündschlüssel auf der Hauptbühne in die Hand. Die Hintergrundbeschallung für die Veranstaltungen an der Strecke orientiert sich meistens an Ballermann-Klassikern und die Zeltstadt ist klangtechnisch sowieso komplett außer Kontrolle. Das setzt eine gewisse Leidensfähigkeit voraus, bietet aber auch einen riesigen Unterhaltungswert, wenn die Zeltnachbarn schon morgens um Acht zu „Fiesta Mexicana“ mit Jägermeister gurgelnd den Tag begrüßen.
Geil, geil, Seelenheil: Der musikalischen Vielfalt hat auch der Schöpfer keine Grenzen gesetzt.Die Besucher sind genauso vielfältig wie das Angebot des Zwarte Cross. Vom verlederten Harleytreiber bis zur rüstigen Achtzigjährigen, von der Großfamilie bis zur Junggesellenabschiedstruppe, das Hippiecredo, „Love, Peace and Happiness“ schrieben sich alle auf die Fahne. Das funktioniert trotz der Menschenmassen und unterschiedlichen Spaßkulturen, die dort aufeinander prallen, erstaunlich gut. Wo andere Großveranstaltungen nur noch mit massiver Polizeipräsenz und Rettungsdiensten im Dauereinsatz über die Bühne gehen, herrscht nur friedliches und entspanntes Miteinander. Da macht es auch nichts, dass am Samstag ein Sturm über den Platz fegt und für fliegende Zelte und tropfnasse Partysanen sorgte. Zwarte Cross ist, wenn man trotzdem lacht und rechtzeitig einen Deckel für sein Bier findet.
Wahrscheinlich ist es genau diese Heterogenität, die für drei Tage aus dem dem 13.000 Seelen-Dorf Lichtenvoorde die Feierhauptstadt schlechthin macht. Eine schrillere Veranstaltung, die ja eigentlich „nur“ ein Motocross-Event ist, findet man so schnell sicher nicht wieder. Wer den Tumult einmal live erleben will, sollte sich rechtzeitig im Vorverkauf um Karten kümmern, um nicht plötzlich vor dem Schild „uitverkocht“ zu stehen. Bei Besuchen an der Strecke ist auch bei strahlendem Sonnenschein auf jeden Fall Regenschutz empfohlen. Ansonsten kann es passieren, dass man Opfer einer Wasserattacke wird, wenn der Tross der feierwütigen Endurista vorbeizieht.
Text & Fotos: Stefan Thiel

www.zwartecross.nl/de
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